Posts Tagged ‘Ethik in der Lehre’

Drei mögliche Ethikverstöße zum Nachdenken

Donnerstag, September 15th, 2011

Neulich hat ein Student in einem Forum erwähnt, dass ein von Studenten gekränkter Professor sich später durch eine besonders schwere Prüfung rächen würde. Das ist ein guter Anlass, ein bisschen über Ethikverstöße nachzudenken, die begangen werden können.

Es ist gut, sich zunächst daran zu erinnern, worum es mit der Ethik eigentlich geht – und nicht geht. Ein Imperativ der Vernunft ist nicht notwendigerweise ein Imperativ der Ethik und ein Imperativ der Ethik ist nicht notwendigerweise ein Imperativ des Gesetzes. Manche Handlungen können sogar ethisch geboten aber – auch einem Rechtsstaat – gesetzwidrig sein. So zumindest meine Überzeugung.

Zur Professorenrache. Ein Professor, der aus Rache Studenten in einer Prüfung durchfallen ließe, würde einen schweren Ethikverstoß begehen. So etwas, wenn es vorkommt, gehört offen gelegt und aufgeklärt. Die Untersuchung eines solchen Ethikverstoßes musste unter anderem klären, ob ebenfalls ein Rechtsverstoß vorliegt. Sie müsste auch die Wiedererstellung von von Vernunft geprägten Beziehungen zwischen Studenten und Dozenten erzielen. Es ist nämlich für Professoren ein Imperativ der Vernunft, sich nicht all zu schnell als von Studenten gekränkt zu fühlen und über Kränkungen von Studenten schnell hinweg zu sehen.

Zum Forum-Eintrag. Liegt keinen konkreten Grund vor, von einem bestimmten Professor oder von einer Gruppe von Professoren zu fürchten, dass sie aus Rache Studenten in Prüfungen durchfallen lassen, so ist es ein Ethikverstoß, ein solches Verhalten als durchaus möglich oder gar wahrscheinlich öffentlich zu schildern.Es ist allerdings ein imperativ der Vernunft, einen solchen Ethikverstoß nicht zu überbewerten.

Zu möglichen Folgen des Forum-Eintrags. Ein Eintrag in einem Forum mag lange im Web sichtbar bleiben und irgend wann von Personen gefunden werden, die sich – etwa wegen einer möglichen Einstellung –  eine Meinung über den Autor des Eintrags bilden möchten. Die Identität des Autors mag irgend wann bekannt werden: Verfahren dazu werden zweifelsohne nach und nach entwickelt werden. Einen solchen Eintrag zu Ungunsten seines Autors zu verwenden wäre aus meiner Sicht ein Ethikverstoß. Der Eintrag wurde ja im Mitten einer schwierigen Prüfung veröffentlicht, was jedem Leser ersichtlich ist. Ein solcher Forum-Eintrag ist folglich genauso Stress- und Adrenalin-geladen wie die Aussage eines Sportlers nach einem schwierigen Wettbewerb. Nicht nur die Ethik verbietet, einen solchen Forum-Eintrag wie einen Bewerbungsbrief zu bewerten, sondern auch die Vernunft. Darüber aber schweigt vermutlich noch das Gesetz.

FB

Wissenschaftsethik: Treten wir ins Fettnäpfchen

Mittwoch, Juni 8th, 2011

Immer wieder erfährt man über die Presse über Verstoße an Hochschulen gegen die Wissenschaftsethik. Ist die Aufregung groß, so werden neue Regeln erlassen, Berichte verfasst und gute Vorsätze angekündigt. Ein Kernproblem bleibt aber bestehend: An Hochschulen in Deutschland wird über Wissenschaftsethik so gut wie nie gesprochen.

Die Wissenschaftsethik an Hochschulen ist wie in der Vergangenheit der Sex in den meisten Klosterschule: Ein unterdrücktes Thema, das drückt und bedrückt. Die Denkschrift vom 1998 der DFGSicherung guter wissenschaftlicher Praxis – Vorschläge zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis – Empfehlungen der Kommission ‚Selbstkontrolle in der Wissenschaft‘“ wird immer wieder beschwört; ein Jura-Professor wird als Anlaufstele von Problemen ernannt – und das bleibt dabei. Ein Durchdringen von Thematik und Problematik in das tagtägliche Arbeitsleben an Hochschulen findet nicht statt.

Die Wissenschaftsethik ist aber keine Straßenverkehrsordnung und kein Steuerrecht mit Regeln, die relativ leicht zu verfolgen sind. Die Wissenschaftsethik stellt Fragen, die nicht immer einfach zu beantworten sind. Wie eine Sexualethik betrifft sie die Menschen tief, weil es um ihre Kreativität und folglich um ihre Person geht. Die Wahrnehmung der Betroffenen ist meist sehr subjektiv, wie meine eigene Erfahrung zeigt: Als Doktorand war ich sehr davon überzeugt, besonders selbständig geforscht zu haben. Nach und nach sah ich ein, wie mein Betreuer und die Arbeitsgruppe, wo ich für meine Promotion geforscht hatte, mich mitgetragen haben. Zudem ist heutzutage an einer Hochschule für alle der Druck groß, erfolgreich zu sein: Der Student muss rechtzeitig seine Studienarbeit fertig stellen, der Doktorand muss Erfolge nachweisen können, der Professor muss immer wieder belegen, dass er noch nützlich ist.

Was tun? Ins Fettnäpfchen treten! Offen über das Unansprechbare sprechen!

An meiner Hochschule bemängle ich erstens, dass die Forschungsmitteln vergebende Gremien  – u.a. aus der dritten Förderlinie der Exzellenzinitiative – wenig bekannt sind: Die Zusammensetzung der Gremien ist weitgehend unbekannt und wird im Web nicht veröffentlicht. Ich bemängle ferner, das kein aus Studenten, wissenschaftliche Mitarbeiter und Professoren bestehende Gremium vorhanden ist, an das jeder sich in Fragen der Wissenschaftsethik– einschließlich mögliche Verstoße – wenden könnte, öffentlich über seine Tätigkeiten berichten würde und ein Forum – ein Wiki? – für einen kontroversen Austausch zu Fragen der Wissenschaftsethik moderieren würde.

Der Bedarf ist so groß wie der Ärger, den man immer wieder wegen vermeintlichen Verstoße gegen die Wissenschaftsethik wahrnimmt. Nur mit Offenheit kann die nötige Umkehr eingeleitet werden

FB

Ein Schweigegesetz brechen

Donnerstag, März 24th, 2011

Über Notfälle sprechen tut man nur dann, wenn man dafür zuständig ist. So ein unausgesprochener gesellschaftlicher Konsens, der selten gebrochen wird. Niemand möchte sich nämlich anmaßen, seine Kompetenzen zu überschreiten oder sich der Kritik aussetzen, Angst zu verbreiten. Es herrscht also eine Art Schweigegesetz, was mögliche Notfälle angeht.

So kommt es in unserer hoch-technologisierte Welt, in unserer immer komplexeren Umgebung zu Katastrophen – ein Großteil der Atomkatastrophe von Fukushima ist auf dieses Schweigegesetz zurückzuführen.

Das Schweigen über mögliche Notfälle widerspricht völlig das Berufsethos eines Wissenschaftlers und eines Hochschullehrers. Konsequenzen systematisch zu überlegen, mögliche Fortschritte  bekannt zu machen und eine solche Einstellung zu verbreiten sind in der Tat Grundwerte wissenschaftlicher Arbeit.

Sprechen wir also über Notfälle.

Erstens ist heute dank der Informatik vieles möglich, was vor noch einem Jahrzehnt kaum denkbar gewesen wäre. Darüber habe ich neulich im Artikel „Emergency Management“ berichtet. Es ist davon auszugehen, dass eine – positive – Folge der Fukushima-Katastrophe die Verstärkung der Forschung auf diesem Gebiet sein wird. Je früher werden Förderprogrammen dazu gestartet desto besser.

Zweitens sind große Organisationen, insbesondere öffentliche, extrem träge, wenn es um Notfälle geht. Ihnen scheint sowohl das Vorbeugen von Notfällen  wie die Reaktion nach Notfällen sehr schwer zu fallen. Seit nun zwei Wochen beobachtet die Welt, wie hilflos die japanische Regierung wirkt. An meiner Universität scheint es kaum möglich zu sein, einen Mindestmaß an Vorbeugung einzuleiten. Die Gründe sind die selben in der japanischen Regierung und an meiner Universität: Kein Politiker macht sich durch das Brechen des oben erwähnten Schweigegesetzes beliebt, folglich mach sich auch kein Beamter bei seinen Vorgesetzten beliebt, der selbst dieses Schweigegesetz bricht. Zwei Beispiele – unter vielen – zeigen, wie bedenklich die Lage an einer Hochschule sein kann:

  • In 17 Jahren an einer Universität bin ich kein einziges Mal über Notmaßnahmen im Brandfall unterrichtet worden. Dabei halte ich immer wieder Vorlesungen vor ein paar hundert Studenten in Hörsäle mit mir und zweifelsohne meinen Studenten auch völlig unbekannten Notwege.
  • Seit einem Jahr ist das Gebäude, wo meine Mitarbeiter und ich lehren und forschen, eine Baustelle mit immer wieder für Studenten und Personal zugänglichen ungesicherten Stellen. Von der städtischen Verwaltung habe ich sogar erfahren, dass sich die Münchner Feuerwehr darüber beklagt hat, wegen der Baustelle einen unzureichenden Zugang zum Gebäude zu haben. Diese Klage blieb deswegen ohne Folgen, sagte man mir, weil die Universität nicht der Stadt sondern dem Staat unterstellt ist.

Das Brechen des Schweigegesetzes über Notfälle ist notwendig. In unserer hoch-komplizierten hoch-technologisierten Welt kann niemand – darf niemand! – sich darauf verlassen, dass die zuständigen Behörden oder Unternehmen alles rechtzeitig merken und immer das richtige tun. Die Technik entwickelt sich dafür zu schnell, die Interesse sind zu vielseitig, die Kostenfrage droht immer, das Nötige überflüssig erscheinen zu lassen. Fukushima ist wegen der atomaren Gefahr besonders tragisch. Was dazu geführt hat, muss aber überall aufgedeckt werden – auch dort, wo die Gefahr geringer ist.

Das Brechen des Schweigegesetzes über Notfälle ist nicht nur eine Frage des Menschenverstands sondern auch der Ethik. Tun es diejenigen nicht, die etwas bedenkliches beobachten oder über das nötige Wissen verfügen,  so handeln sie unethisch. Besonders Wissenschaftler stehen diesbezüglich in einer großen Pflicht. Sind sie Hochschullehrer, so stehen sie auch in der Pflicht, das Brechen des Schweigegesetzes über Notfälle ihren Studenten zu vermitteln.

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Zur Ehrlichkeit nicht verpflichtet?

Donnerstag, Februar 25th, 2010

Die „Prüfung- und Studienordnung der Ludwig-Maximilians-Universität München für den Bachelorstudiengang Informatik vom 8. Oktober 2007“ fängt wie folgt an:

§ 1 Gegenstand des Studiengangs und Zweck der Bachelorprüfung

(1) 1Das Bachelorstudium Informatik bereitet auf die berufliche Praxis auf dem Gebiet der Informatik in anwendungs-, herstellungs-, forschungs- und lehrbezogenen Tätigkeiten vor. 2Das Ziel der Ausbildung ist es, die Grundlagen des Faches in theoretischer, praktischer und anwendungsorientierter Hinsicht zu erarbeiten. 3Es soll die Befähigung entwickelt werden, vielfältige Probleme der Informationsverarbeitung selbständig zu erkennen und zu lösen. 4Das Studium vermittelt Erkenntnisse und Methoden in den zentralen Gebieten der Informatik auf der Basis formaler Grundlagen. 5Darüber hinaus ist es insbesondere auch hinsichtlich des Angebots von Wahlpflichtbereichen betont anwendungsorientiert ausgerichtet. 6Nach Abschluss der Ausbildung sollen Kenntnisse über Eigenschaften und formale Beschreibungsmöglichkeiten von Informationsverarbeitungsprozessen sowie über Strukturen und Wirkungsweisen von Informationsverarbeitungssystemen vorhanden sein. 7In Zusammenarbeit mit den Anwenderinnen und Anwendern müssen komplexe, in der Fachsprache eines Anwendungsgebietes abgefasste Aufgaben erfasst, formal abstrahiert und so strukturiert und formuliert werden können, dass sie einer maschinellen Lösung zugeführt werden können. 8Besondere Bedeutung kommt der Fähigkeit zu, sich auf wechselnde Aufgabengebiete einstellen zu können, sich den sich wandelnden Bedingungen der Praxis der Informationsverarbeitung anpassen zu können und diesen Wandel aktiv mitzugestalten.

Was lernen wir davon? Wie viel geschrieben werden kann, um einerseits Triviales, andererseits Gewagtes mitzuteilen.

Das Lehrangebot in diesem Studiengang ist keineswegs besonders anwendungsorientiert – dafür fehlt vor allem das Personal – und die „Zusamenarbeit mit Anwenderinnen und Anwendern“ ist nicht größer als in den meisten Informatik-Studiengängen an deutschen Universitäten, noch in irgendeiner Weise für die Zukunft gesichert – dafür fehlt eine dauerhafte Verpflichtung von „Anwenderinnen und Anwendern“ zur Zusammenarbeit mit der Universität.

Inwiefern „das Bachelorstudium Informatik auf die berufliche Praxis bereitet„, weiß heute niemand. Wir, Lehrende, bemühen uns darum und hofen, dass es der Fall ist. Ob ein Bachelor-Abschluss in Informatik für den Beruf ausreichend sein wird oder ob dafür das Master nötig sein wird, weiß auch heute niemand. Wie ein Bachelor-Abschluss in Informatik aus Deutschland im Vergleich mit ähnlichen Abschlüsse aus zum Beispiel Groß-Britanien, den USA oder sogar China im Beruf abschneiden wird, weiß ebenfalls heute niemand – um sachliche Untersuchungen dazu scheint sich auch niemand ernsthaft zu bemühen. Anderes dazu zu behaupten oder zu suggerieren ist nicht ehrlich.

FB

Zwang, Zweifel und Ethik

Montag, November 30th, 2009

Von einem meiner Studenten habe ich erfahren, dass in einem Studiengang meiner Universität die Studenten zum Besuch einer Vorlesung verpflichtet werden, obwohl Studien- und Prüfungsordnung es nicht verlangen. „Sonst würde niemand zur Vorlesung gehen“ sagte mir der Student.

Haben Sie diese Vorlesung besucht?“ habe ich den Student gefragt. „Ja. Ich will keinen Ärger bei meinen Prüfungen haben.

Ich habe nicht den geringsten Grund, an die Ehrlichkeit des Studenten zu zweifeln. Es gibt auch keinen Grund anzunehmen, er hätte etwas missverstanden: Dafür ist der Sachverhalt zu einfach. Jedoch ertappe mich immer wieder dabei, an der Aussage zu zweifeln…

FB

„Ethik? Ich kenne mich nicht aus“

Dienstag, August 25th, 2009

Bestochene Prüfer unter Lehrer und Fälscher unter Wissenschaftler gefährden Universitäten wie Doping den Sport. Wieder einmal erschüttert das Vertrauen  in Universitäten ein Bestechungskandal: um 100 Lehrer aus verschiedenen deutschen Universitäten hätten unzureichend fähigen Person für Geld zu Promotionen geholfen. Vor einigen Jahren wurden Fälscher unter angesehenen Wissenschaftler entdeckt.

Solche Fälle wird es sicherlich immer geben. Die Frage stellt sich aber, was dagegen unternommen wird. Wie ich seit 15 Jahren an einer Universität feststellen kann: Nicht viel.

Es werden Arbeitsgruppen gegründet, die Empfehlungen und Richtlinien verfassen. Diese werden veröffentlicht – und alles bleibt weitgehend beim Alten.

Worum liegt es?

Ein erstes Problem ist, meine ich, dass niemand sich zuständig fühlt. Überlegt man, eine Lehrveranstaltung zum Thema Ethik einzuführen, so kennt sich niemand – ich mich auch nicht – ausreichend aus, um sie zu abzuhalten. Philosophie ist in der heutigen Bildung ein Randthema keine Leitwissenschaft mehr. An bayerische Gymnasien gibt es, wenn ich gut informiert bin, keinen Philosophieunterricht.

Das Kernproblem scheint mir, das  Bildungbild unserer Zeit zu sein, die unter anderem die Hochschulpolitik prägt: Es geht primär um wirtschaftlich unmittelbar umsetzbare Erfolge, wenig um langfristige Ziele und wohl kaum um morale Werte.

Als Informatiker sind mir in der Praxis umsetzbare Forschungergebnisse besonders wichtig. Die Gestaltung einer von der Informatik besonders viel geprägten Zukunft interessiert mich aber nicht weniger. Dafür sind Philosophie im Allgemeinen und Ethik insbesondere unabdingbar. Sollten sie denn nicht als Bestandteile des Informatik-Lehre werden? Könnte man mehr als Debatierklubs und oberflächige Lehrveranstatlungen anbieten? Würde man die Studenten dafür gewinnen?

FB