Posts Tagged ‘Emergency Management’

Ein Schweigegesetz brechen

Donnerstag, März 24th, 2011

Über Notfälle sprechen tut man nur dann, wenn man dafür zuständig ist. So ein unausgesprochener gesellschaftlicher Konsens, der selten gebrochen wird. Niemand möchte sich nämlich anmaßen, seine Kompetenzen zu überschreiten oder sich der Kritik aussetzen, Angst zu verbreiten. Es herrscht also eine Art Schweigegesetz, was mögliche Notfälle angeht.

So kommt es in unserer hoch-technologisierte Welt, in unserer immer komplexeren Umgebung zu Katastrophen – ein Großteil der Atomkatastrophe von Fukushima ist auf dieses Schweigegesetz zurückzuführen.

Das Schweigen über mögliche Notfälle widerspricht völlig das Berufsethos eines Wissenschaftlers und eines Hochschullehrers. Konsequenzen systematisch zu überlegen, mögliche Fortschritte  bekannt zu machen und eine solche Einstellung zu verbreiten sind in der Tat Grundwerte wissenschaftlicher Arbeit.

Sprechen wir also über Notfälle.

Erstens ist heute dank der Informatik vieles möglich, was vor noch einem Jahrzehnt kaum denkbar gewesen wäre. Darüber habe ich neulich im Artikel „Emergency Management“ berichtet. Es ist davon auszugehen, dass eine – positive – Folge der Fukushima-Katastrophe die Verstärkung der Forschung auf diesem Gebiet sein wird. Je früher werden Förderprogrammen dazu gestartet desto besser.

Zweitens sind große Organisationen, insbesondere öffentliche, extrem träge, wenn es um Notfälle geht. Ihnen scheint sowohl das Vorbeugen von Notfällen  wie die Reaktion nach Notfällen sehr schwer zu fallen. Seit nun zwei Wochen beobachtet die Welt, wie hilflos die japanische Regierung wirkt. An meiner Universität scheint es kaum möglich zu sein, einen Mindestmaß an Vorbeugung einzuleiten. Die Gründe sind die selben in der japanischen Regierung und an meiner Universität: Kein Politiker macht sich durch das Brechen des oben erwähnten Schweigegesetzes beliebt, folglich mach sich auch kein Beamter bei seinen Vorgesetzten beliebt, der selbst dieses Schweigegesetz bricht. Zwei Beispiele – unter vielen – zeigen, wie bedenklich die Lage an einer Hochschule sein kann:

  • In 17 Jahren an einer Universität bin ich kein einziges Mal über Notmaßnahmen im Brandfall unterrichtet worden. Dabei halte ich immer wieder Vorlesungen vor ein paar hundert Studenten in Hörsäle mit mir und zweifelsohne meinen Studenten auch völlig unbekannten Notwege.
  • Seit einem Jahr ist das Gebäude, wo meine Mitarbeiter und ich lehren und forschen, eine Baustelle mit immer wieder für Studenten und Personal zugänglichen ungesicherten Stellen. Von der städtischen Verwaltung habe ich sogar erfahren, dass sich die Münchner Feuerwehr darüber beklagt hat, wegen der Baustelle einen unzureichenden Zugang zum Gebäude zu haben. Diese Klage blieb deswegen ohne Folgen, sagte man mir, weil die Universität nicht der Stadt sondern dem Staat unterstellt ist.

Das Brechen des Schweigegesetzes über Notfälle ist notwendig. In unserer hoch-komplizierten hoch-technologisierten Welt kann niemand – darf niemand! – sich darauf verlassen, dass die zuständigen Behörden oder Unternehmen alles rechtzeitig merken und immer das richtige tun. Die Technik entwickelt sich dafür zu schnell, die Interesse sind zu vielseitig, die Kostenfrage droht immer, das Nötige überflüssig erscheinen zu lassen. Fukushima ist wegen der atomaren Gefahr besonders tragisch. Was dazu geführt hat, muss aber überall aufgedeckt werden – auch dort, wo die Gefahr geringer ist.

Das Brechen des Schweigegesetzes über Notfälle ist nicht nur eine Frage des Menschenverstands sondern auch der Ethik. Tun es diejenigen nicht, die etwas bedenkliches beobachten oder über das nötige Wissen verfügen,  so handeln sie unethisch. Besonders Wissenschaftler stehen diesbezüglich in einer großen Pflicht. Sind sie Hochschullehrer, so stehen sie auch in der Pflicht, das Brechen des Schweigegesetzes über Notfälle ihren Studenten zu vermitteln.

FB

Emergency Management

Donnerstag, März 17th, 2011

Emergency Management“ bezeichnet die Koordination und die Konzeption von Notfallmaßnahmen. Auf diesem Gebiet können neuere Entwicklungen der Informatik große Fortschritte ermöglichen. Dies ist bisher ziemlich unbekannt. Was ist heute möglich?

Ausführbare, anpassungsfähig dynamische Anweisungen für den Notfall. Die Anweisungen für einen Notfall wie etwa einen Brand in einer Flughafenhalle, in einem Bahnhof oder in einer Metro-Station werden bisher in sehr umfangreichen Dokumenten oder sogar Dokument-Sammlungen festgehalten, die nicht selten tausenden von Seiten umfassen. So können sie studiert werden, damit die Notfallretter das Richtige tun. Programmierte Anweisungen, die sich den Besonderheiten eines Notfalls anpassen sich aber möglich. Ihre Erstellung verlangt sicherlich mehr Arbeit als die Erstellung der üblichen Anweisungen – aber nicht viel mehr. Weil sie programmiert sind, sind sie dynamisch, sie passen sich der Lage an. Zudem sind ausführbar, so dass viel besser überprüft werden kann, ob sie angebracht und ausreichend wirksam sind. Die Informatik-Stichworte dazu sind Worflow-Systeme, deklarative Programmierung und ausführbare Spezifikationen.

Automatische Lage-Erkennung. Vor allem aber nicht nur die Sensoren, die nun für wenig Geld verfügbar sind, ermöglichen sämtliche Daten, wie etwa Temperatur, Luftgeschwindigkeit, Anzahl von Personen, usw. schnell und lokal zu erfassen. Weitere Daten über den Betriebablauf wie etwa ein er Anlage oder von Zügen können relativ leicht automatisch mit Sensordaten kombiniert werden, um automatisch und in Echtzeit die Lage zu erkennen. Die Informatik-Stichworte dazu sind Web of Things und Complex Event Processing.

Simulation. In einem Notfall ist nicht nur wichtig, was sofort zu tun ist, sondern auch, was in die mehr oder weniger nahe Zukunft nötig werden kann. Oft auch kann zu einem Zeitpunkt etwas nur dann unternommen werden, wenn die Zukunft und die Folgen einer Aktion eingeschätzt werden können. Bei einem Brand in einer Metro-Station kann sie nur dann vernünftig evakuiert werden, wenn Vorhersagen über die Rauchfreiheit von möglichen Evakuierungswege innerhalb der kommenden 15 Minuten möglich sind. Simulationen sind dafür möglich, die um schnell genug Ergebnisse liefern zu können, möglicherweise nur vergröberte Schätzungen liefern. Die Informatik-Stichwort dazu sind Simulation, Modellierung, Scientific Computing und Egress-Modelle.

Medien. Bei Notfälle geht es immer um Menschen, die ohne Panik zu schüren zu völlig ungewöhnlichen Schritten bewegt werden müssen – etwa eine Metro-Station über eine die Fahrbahn zu verlassen. Beruhigen, informieren, anweisen. Dafür können Medien wie Handy eingesetzt werden. Soziale Medien können helfen, Vermisste und Überlebende zu erfassen. Ausgerüstet mit der passenden Software, können soziale Medien wie Twitter verwendet werden, um sich ein besseres Gesamtbild eines Notfalls zu verschaffen. Soziale Medien können auch von den Notfallretter selbst verwendet werden, damit sehr schnell dringende und wichtige Auskünfte unter ihnen verbreitet werden. Die Informatik-Stichworte dazu sind Mobile Computing, soziale Medien und Daten-Aggregation.

    FB