Bizarre Vorstellung von der guten wissenschaftlichen Praxis

Unter dem Titel „Gute wissenschaftliche Praxis an deutschen Hochschulen – Empfehlung der 14. HRK-Mitgliederversammlung vom 14.5.2013“ hat die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) veröffentlicht, wie Verstoße gegen die gute Wissenschaftliche Praxis (wie Plagiate oder gefälschte Daten) behandelt werden sollen.

Die Absicht ist gut. Das Ergebnis nicht zufriedenstellend. Die HRK-Empfehlungen enthalten nämlich den folgenden bizarren Satz:

Die Vertraulichkeit ist nicht gegeben, wenn sich der Hinweisgeber mit seinem Verdacht an die Öffentlichkeit wendet. In diesem Fall verstößt er regelmäßig selbst gegen die Regeln der guten wissenschaftlichen Praxis.

Findet ein Wissenschaftler in einer wissenschaftlicher Arbeit etwas, was fraglich erscheint, was ein Plagiat sein könnte oder Daten, die den Eindruck erwecken, sie hätten gefälscht werden können, so spricht aus Sicht der Wissenschaftsethik und guten Praxis überhaupt nichts dagegen, dass der Wissenschaftler seine Bedenken öffentlich kundtut. So werden zum Beispiel auf wissenschaftlichen Tagungen Mitteilungen empfangen, die jemandem merkwürdig erscheinen. Selbstverständlich gehören Bedenken, wie stark sie auch sein mögen, als solche dargestellt und nicht als Plagiat- oder Fälschungsvorwurf. Allerdings spricht überhaupt nichts dagegen, dass ein Wissenschaftler, der es so meint, öffentlich mündlich oder schriftlich so etwas mitteilt wie: „Dieser Abschnitt scheint mir so ähnlich wie X, dass sich meiner Meinung nach der Unachtsamkeits- oder Plagiatsvorwurf aufdrängt“ oder „Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, dass ein korrekt geführtes Experiment solche Daten liefert„. Solche Kritiken sind sowohl für die Kritiker wie für die kritisierten Wissenschaftler keine Kleinigkeit. Sie gehören aber zur sachlichen Streitkultur, die Bestandteil guter wissenschaftlicher Praxis ist. Die sachliche Streitkultur ist nötig, damit die wissenschaftliche Forschung voran schreitet.

Hochschulrektoren mögen die Angehörigen der Hochschulen, denen sie vorstehen, in solchen Fällen zum Schweigen verpflichten wollen. Sie werden damit keinen Erfolg haben. Junge Wissenschaftler, die Verfehlungen wie Plagiate oder gefälschte Ergebnisse vermuten, werden den HRK-Empfehlungen wegen Schutz in der Anonymität suchen. Ältere bereits etablierte Wissenschaftler werden je nach dem, wie viel Rückgrat sie besitzen und wie sie die Lage einschätzen, Schutz in der Anonymität suchen oder nicht. Die HRK-Empfehlungen werden also ihr Ziel nicht erreichen. Sie werden nur den Ruf der deutschen Hochschulen schaden – sie haben ihn schon geschadet.

FB

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10 Responses to “Bizarre Vorstellung von der guten wissenschaftlichen Praxis”

  1. hck sagt:

    Ja. Ich stimme völlig zu. Und ich habe unter https://plus.google.com/109713292962660564110/posts/WMdECJezF7i dazu aufgefordert sich frei zu fühlen etwaige einschlägige Vorwürfe gegen mich weiterhin öffentlich zu äußern.

  2. Danke für die wichtige und richtige Darstellung! Man kann das nur mit Nachdruck unterstreichen.

    Man kann den HRK-Text eigentlich höchstens dann erträglich machen, wenn man annimmt, daß damit allein das formale Verfahren im Rahmen des amtlichen Prüfungswesen gemeint ist, und daß man den wissenschaftlichen Diskurs davon trennt. Das hieße also etwa: Über den formalen Weg einer solchen laufenden Prüfung eines Plagiatsvorwurfs soll die Öffentlichkeit nicht informiert werden, bis ein Ergebnis vorliegt. Im Rahmen der wissenschaftlichen öffentlichen Diskussion, bei der es nicht um den Amtsweg, dafür um sehr viel mehr, nämlich um wissenschaftliche Erkenntnis geht, muß der inhaltliche Vorwurf dagegen selbstverständlich geäußert werden. Das wäre auch deshalb sinnvoll, weil viele wissenschaftliche Beiträge ja abseits von Prüfungsverfahren und auch außerhalb von Universitäten stattfinden, so daß jeweilige Ombudsleute und Kommissionen dafür gar nicht zuständig wären.

    Aber das ist ein Rettungsversuch. Klar macht das Papier diesen Unterschied nicht, und selbst nach dieser Interpretation wäre zu bedauern, daß die HRK über den richtigen Umgang mit Plagiatsvorwürfen im wissenschaftlichen Diskurs dann gar nichts sagt.

  3. Robert Zydenbos sagt:

    Auch ich bin vollkommen mit FB einverstanden. Wenn ich so etwas wie diese unverständliche ,Empfehlung‘ der HRK lese (angeblich „Zum Schutz der Hinweisgeber (Whistle Blower) und der Betroffenen“), dann denke ich sofort: „man versucht hier zwar zu tun, als ob man eine saubere Forschungslandschaft haben will, aber gleichzeitig will man eventuellen weiteren Betrugsbaronen und anderen politisch einflussreichen oder sonstwie korrupten und korrumpierenden Personen die Chance geben, eine Untersuchung ins Sand laufen zu lassen.“

    Ist ein whistle blower zu ängstlich, dann kann er die Öffentlichkeit meiden. Das steht ihm frei. Das bringt mit sich aber auch die Möglichkeit oder Wahrscheinlichkeit, dass seine Entdeckung nie die Öffentlichkeit erreicht und damit unbeachtet bleibt (was der Öffentlichkeit z.B. im Falle der bekanntlich aufgeflogenen Politiker nicht dient). Ist der whistle blower sich seiner Sache sicher, und will er sich an die Öffentlichkeit wenden, dann soll das seine eigene Entscheidung sein, und ich finde es bedenklich, dass die HRK jetzt schon, pauschal und im Voraus und unlogisch, solche Hinweisgeber als Leute, die „regelmäßig selbst gegen die Regeln der guten wissenschaftlichen Praxis“ verstoßen, verurteilt. Das ist nicht zu verstehen.

    Ich weiß nicht ob es üblich ist, dass solche Stücke von der HRK anonym erscheinen. Diese Anonymität des Autors / der Autorin / der Autoren gewährleistet, dass er / sie hierüber nicht angesprochen und zur Verantwortung gerufen werden kann / können, was wieder die Diskussion erschwert. Und dann denke ich: wahrscheinlich ist genau das beabsichtigt.

    Oder sehe ich dies alles wieder zu schwarz?

  4. Raphael Wimmer sagt:

    Nicht irrelevant ist vielleicht auch die Andeutung in HRK-Papier und SZ-Artikel, dass dieser Passus auch in die Empfehlungen zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis der DFG eingehen soll.

    Empfehlung Nr. 14 der DFG besagt: „In den Richtlinien für die Verwendung bewilligter Mittel soll der/die für das Vorhaben Verantwortliche auf die Einhaltung guter wissenschaftlicher Praxis verpflichtet werden. “

    Es droht also theoretisch in Zukunft jedem Wissenschaftler, der sich nicht an das Schweigegebot hält, dass er von zukünftiger DFG-Förderung ausgeschlossen wird. Auch den Hochschulen können DFG-Mittel entzogen werden, wenn sie nicht auf die Einhaltung dieser Regel durch ihre Mitarbeiter achten.

    Auch wenn man der HRK nur die besten Absichten unterstellen will: der neue Passus schwächt die Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis, anstatt ihr zu nützen.

  5. MGM sagt:

    Ist das jetzt die Notbremse, weil man nach 2 positiven von 2 Sichproben im deutschen Bundestag Angst hat, dass der größte Teil der Dr. phil., die jemals auf einer Landesliste standen, abgeschrieben hat? Oder vielleicht direkt eine Maßnahme um sich an sein Amt zu klammern?

    Empfehlungen von oben die Wahrheit zu unterdrücken sind selten die Vorboten goldener Zeiten.

  6. […] bereits einige publizistische Kritik, etwa auf Sueddeutsche.de, Archivalia, Hypotheses und Erlebt. Teils groteske Falschdarstellungen enthält hingegen die Deutsche Universitätszeitung, die etwa […]

  7. […] auch andere Wissenschaftler halte ich das Signal, das dieser Passus gibt, und die Tatsache, dass die HRK […]

  8. […] diese Empfehlungen wurde hier in den Artikeln “Bizarre Vorstellung von der guten wissenschaftlichen Praxis” und “Bedenkliche Empfehlung der DFG” […]

  9. […] maß­ge­bend bestimmt — hat zusam­men mit der Hoch­schul­rek­to­ren­kon­fe­renz beschlos­sen, dass »gute wis­sen­schaft­li­che Pra­xis« (eine Wort­kon­struk­tion, die mich immer sehr […]

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