Ab in die Blogparade „Hilfe, mein Prof blogt!“

Das  SOOC13-Team stellt in seinem Aufruf zur Blogparade die Fragen:

  • Liebe Professoren: Warum eigentlich blogt ihr eigentlich?
  • Liebe Studenten: Lest Ihr denn, was Professoren bloggen?

Ohne Blog würde sich für mich der Austausch mit Studierenden auf (viele) kurze Gespräche nach Lehrveranstaltungen und (wenige) längere Gespräche während Sprechstunden beschränken. Das wäre nicht genug, um alles zu besprechen, was besprochen gehört: Die Inhalte der Lehre, die Gestaltung von Lehrveranstaltungen, Meinungsverschiedenheiten (zum Beispiel über Noten), usw.

Ohne Blog wäre  ich ein der Verantwortlichen meiner Universität ohne eigene Meinung, ohne Identität. Jeder Studierender würde davon ausgehen, dass ich allem zustimme und alles bedenkenlos mittrage, was „die Universität“ oder „das Ministerium“ entschieden hat. Ein Blog gibt einem die Möglichkeit, eine eigene Meinung zu äußern und zum Nachdenken anzuregen. Nicht selten führt ein meiner Blog-Artikeln zu einer Debatte, was gelegentlich in Veränderungen mündet. Häufig haben sich Universitätsangehörige oder Studierende bei mir dafür bedankt.

Nicht alle teilen die Meinungen, die ich oder Leser im Blog äußern, und das sagen mir gelegentlich manche Leser. Das halte ich aber für normal und insbesondere an einer Universität, die ein Ort des Denkens und Austausches ist – oder sein sollte –, wünschenswert. Einige haben ein Problem damit, das Meinungen öffentlich geäußert werden. Dies ist aber nichts neues. Die Universität ist immer ein öffentlicher Ort gewesen. Wenn im Mittelalter oder zu Zeiten der Aufklärung ein Professor eine interessante Meinung vertrat, so wurde sie auch von einer breiten Öffentlichkeit auch außerhalb der Universität wahrgenommen. Ein Blog trägt also zur Wiederherstellung dessen, was einmal eine Universität gewesen ist und wieder werden sollte: Was man heute ein „Think Tank“ nennt, das nicht nur bildet oder ausbildet, sondern auch Gesellschaft, Politik, Technik, Wirtschaft, Kunst und selbstverständlich auch die Bildungspolitik sowie die eigene Organisation beeinflusst. Ich sehe ein, dass eine solche Vorstellung einer Universität mit der leider verbreiteten Sicht einer Universität als Behörde, die sich zuerst vor achtzig Jahre in Deutschland verbreitet hat und für die Leitung einer Massenuniversität verführerisch ist, schwer verträglich ist. Folglich kann ich das Unbehagen mancher meiner Leser gut nachvollziehen. Aber ohne Unbehagen kann der notwendige Fortschritt nicht stattfinden.

Eigentlich ist es ganz natürlich für einen Lehrer und Wissenschaftler einen Blog zu führen. Das merkt man, wenn man einen Blog eine Zeit lang geführt hat. Man merkt auch, wie sehr es einem selbst hilft, seine Studierenden besser zu kennen, ihre Meinungen zu erfahren, sich selbst eine Meinung zu bilden oder seine Meinung zu verändern, wenn es nötig ist. Ein Blog ist auch ein Ort, um Meinungen oder Ideen festzuhalten. Das hilft sowohl in der Lehre wie auch in der Forschung.

Mein Blog wird an Arbeitstage von 250 bis 500 Personen gelesen. Die Anzahl der Abrufe hängt offensichtlich von den Themen ab, die zuletzt im Blog behandelt wurden. An Feiertagen, Samstagen und Sonntagen wird mein Blog in der Regel nur 120 bis 250 Personen gelesen. Erwähnt ein Journalist in einem Artikel oder in einer Radio- oder Fernsehsendung meinen Blog, so steigt für ein paar Tage die Anzahl der Abrufe deutlich höher. In der Regel bleiben ein kleine Zahl der neuen Leser dem Blog treu. Im Durchschnitt gibt es pro Artikel zwei Kommentare  – zudem nicht selten mehrere hundert Spam-Kommentare, die natürlich automatisch ausgefiltert werden.

Die Leser meines Blog befinden sich meist im deutschsprachigen Raum. Abgesehen von Suchmaschinen, wird mein Blog von ein paar treuen Lesern aus Groß-Britannien (u.a. Oxford), den USA und China regelmäßig abgerufen. Mein Blog wurde bisher in Frankreich nicht entdeckt, was höchstwahrscheinlich an der Sprache liegt: In Frankreich (einschließlich im Elsass) wird leider Deutsch nicht mehr so viel gelesen oder gesprochen wie vor dem zweiten Weltkrieg.

Die meist abgerufenen Artikel sind solche, die praktische Aspekte der Lehre und des Alltags von Studierenden behandeln. Leider stossen Artikeln auf weniger Interesse, die Inhalte der Lehre oder der Informatik-Forschung sowie Gedanken über die Erneuerung der Hochschulen oder des Bildungssystems betreffen. Nicht selten bin ich von der großen oder geringen Resonanz mancher Artikeln überrascht und lerne dadurch meine Leser besser kennen. Manche Artikel werden Jahr für Jahr oder Woche für Woche immer wieder abgerufen. Manche werden immer wieder von einigen Leser und Autorenentdeckt und eine Zeit lang besprochen. So nehme ich wahr, was Menschen dauerhaft oder vorübergehend beschäftigt.

FB

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