Prüfermacht und Ethik

Das Lehrpersonal meines Instituts hat ein großes Problem mit Studenten, die sich zur Klausur anmelden aber zur Klausur nicht erscheinen. Große Hörsäle, die an unserer Universität Mangelware sind und folglich nur unter einem nicht unerheblichen Arbeitsaufwand erhalten werden, werden zur Durchführung der Klausur beantragt. Bei fast jeder Klausur stellt sich heraus, dass ein viel kleineren Raum ausreichend gewesen wäre.

Manche Professoren vergeben bei uns so genannte Bonuspunkte. Liefert ein Student regelmäßig ausreichend gute Lösungen zu den wöchentlichen Hausaufgaben, so teilt es sich der Übungsleiter, eine studentische Hilfskraft oder ein wissenschaftlicher Mitarbeiter, dem Professor. Dieser verbessert dann die Klausurnote.

Ein Kollege, der Bonuspunkte vergibt, schlug vor, Studenten die Bonuspunkte wegzunehmen, also bei der Bewertung der Klausur nicht zu berücksichtigen, die in der Vergangenheit angemeldet zu einer Klausur nicht erschienen sind. So zumindest habe ich den Vorschlag verstanden.

Über diesen Vorschlag habe ich große Bedenken geäußert. „Eine Prüfungsnote darf nicht wegen „schlechtes Benehmen“, oder wegen etwas, was der Prüfer dafür hält, verringert werden„, habe ich gemeint. „Keine Note wird verringert“ antwortete der Kollege, „aber die Noten denen, die angemeldet zur Klausuren nicht erscheinen werden.“  Der Kollege fügte hinzu: „Was ich freiwillig gebe, kann ich auch wohl zurücknehmen.

Das sehe ich ganz anders. Ein Prüfer hat die Aufgabe erhalten, einen Wissenstand zu bewerten, nicht ein Benehmen. Ein Informatik-Professor ist in der Lage, den Stoff aus seiner Vorlesung zu prüfen. Es gibt keinerlei Grund anzunehmen, dass er auch in Fragen des passenden oder unpassenden Benehmen  ebenfalls ausgewiesen ist. Es erscheint mir sogar geboten, die Macht, die ein Prüfer über seine Prpflinge vom Amt wegen ausübt auf dieses Amt einzuschränken. Sonst besteht die Gefahr von einer Machtüberschreitung.

Gibt ein Prüfer einen Teil der Note freiwillig? Das glaube ich nicht. Es werden Regel zur Benotung festgelegt und angewandt. Die Festlegung solcher Regel erfolgt auf keinen Fall durch einen einzigen. Das wäre – auch für den Prüfer – viel zu gefährlich. Wird nach geltenden Regeln Bonuspunkte vergeben, dann handelt es sich nicht um Geschenk, dass der Schenker zurücknehmen könnte. Außerdem auch Geschenke können nicht zurückgenommen werden!

Prüfer haben viel Macht über Prüflinge. Diese Macht muss aber darauf beschränkt werden, was die Prüfer zu prüfen haben. So ist es auch in jeder Situation, wo Menschen – Polizisten, Soldaten und Richter –, die eine Macht über andere ausüben können. So sehen es alle große Religionen. So verlangt es die Ethik.

FB

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6 Responses to “Prüfermacht und Ethik”

  1. keimelion sagt:

    Als ich erst anfing, dieses Posting zu lesen und beim Stichwort „Bonuspunkte“ landete, dachte ich, es würde sich um einen Vorschlag handeln, Bonuspunkte zu vergeben, wenn die Studenten bei der Klausur erscheinen. Aber Sie haben sicherlich recht! Benehmen mit Bonuspunkten zu versehen, erinnert an Schulzeit und hat mit der Beherrschung des Lernstoffs nur sehr bedingt was zu tun.

  2. Benedikt sagt:

    Allein, dass dieser Vorschlag gemacht wird, verweist auf eine Mentalität, die mir sehr unangenehm ist. Ein mir bekannter Professor bezeichnet solche Denkweisen seiner Kollegen mitunter als „Gutsherrenmentalität“, was ich sehr treffend finde: „Was ich freiwillig gebe, kann ich auch wohl zurücknehmen.“ – Das erinnert mich an das Alte Testament: „Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen; der Name des Herrn sei gelobt“. Ich würde auch vermuten, dass es deutsche Gerichte ähnlich wie Sie (und ich) sähen. (Aber wer unternimmt schon den Aufwand und begeht wegen so etwas den Rechtsweg…)

    Ihren Vorschlag, eine Kaution zu hinterlegen, die bei fristgemäßer Abmeldung (oder bei Anwesenheit) zurückerstattet wird, finde ich dahingegen angemessen: Da werden die Studierenden nämlich direkt für den zusätzlichen Verwaltungsaufwand in die Pflicht genommen, indem sie an durch sie unnötigerweise entstehenden Kosten beteiligt werden.

  3. FB sagt:

    @Benedikt: Es freut mich, die Bestätigung eines Lesers zu erhalten.

    An die “Gutsherrenmentalität” und an den Vergleich mit dem Gott des alten Testaments, habe ich auch gedacht, obwohl Professoren mit Gott zu vergleichen ziemlich unangebracht ist: Gott wurde ja weder promoviert noch habilitiert.

    Ich war meiner Meinung sicher – sonst hätte ich sie nicht veröffentlicht. Es tut jedoch gut, gleichgesinnte Menschen um sich zu wissen!

  4. jota sagt:

    Es ist mittlerweile fast eine Woche her und ich hätte an dieser Stelle sehr viel mehr Kommentare von Studierenden erwartet. Die Bezeichnung Gutsherrenmentalität ist hart, trifft es aber gut.

  5. jota sagt:

    Man kann zu diesem Thema aber ohne den leidigen Bachelor-Diplom-Vergleich nur schwer Stellung nehmen. Meine Vermutung ist nämlich folgende: die Teilnahme an einer „einfachen“ Klausur vermittelt nicht den Ernst einer Vordiplomprüfung, auch wenn die Klausur eine „Modulprüfung“ ist. Eine von über zwanzig eben.

    Im Falle des Vordiploms (oder einer Zwischenprüfung in anderen Fächern) gleicht das Nicht-Erscheinen dem ersten Versuch, d.h. man hat i.d.R. nur noch eine Chance, das Fortkommen in seinem Studium zu sichern. Im Bachelor kann offenbar fast jede Klausur beliebig oft wiederholt werden. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum einer korrekten Abmeldung nicht so viel Bedeutung zugemessen wird?

    Zu Bonuspunkten: die finde ich persönlich sowieso sehr unsympathisch. Hier bietet sich wieder der Vergleich mit dem alten System. Für einige Klausuren im Hauptstudium galt als Zulassungsvoraussetzung die „2 von 3 Regelung“ (2 von 3 korrigierten Blättern bestanden). Diese traf einen meiner Meinung nach viel härter als ein Verlust der Bonuspunkte. Für einen Bachelorstudenten unzumutbar. Dafür hatte man einen gewissen Freiraum, wann man was lernt. Die Teilnahme an einer Klausur war unter Umständen hart erkämpft und somit gesichert. Die Chancengleichheit am Prüfungstag auch.

  6. FB sagt:

    @jota: „Die Bezeichnung Gutsherrenmentalität ist hart, trifft es aber gut.“ Fängt man an, nachzudenken, so stellt man manchmal Unangenehmes fest.

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