Zum Umgang mit möglichen Interessenkonflikten

Interessenkonflikte gibt es in vielen Berufen. Es gibt sie in der Politik, wie die derzeitige Bundespräsident-Affäre zeigt. Und es gibt sie in der Lehre und in der Wissenschaft. Interessenkonflikte zu erkennen, ist nicht immer leicht. Was ihre Erkennung erschwert, ist vor allem, dass über möglichen Interessenkonflikten viel zu wenig offen gesprochen wird, insbesondere was Politiker und Wissenschaftler betrifft.

Ein Interessenkonflikt kann vorliegen, wenn jemand einen Vorteil davon hat, zu handeln wie er handelt. „Kann vorliegen“ oder nicht eher „liegt vor“? Ganz eindeutig „kann vorliegen“ aber nicht „liegt vor“. Die Schwierigkeit mit möglichen Interessenkonflikten ist eben, dass es viele ethisch einwandfreien Handlungen, die einem einen Vorteil bringen. Bemühe ich mich in der Lehre meinen Studenten gut beizubringen, was ich in der Forschung mit-entwickelt habe, und bin ich darin erfolgreich, so trägt meine Lehre zum Erfolg meiner Forschung bei. Man kann mir dies aber wohl nicht als Interessenkonflikt vorwerfen! Soll ich etwa nur lehren, was ich wissenschaftlich nicht so gut kenne? Dieses Beispiel ist keineswegs rein rhetorisch, sondern tägliches Brot eines Hochschullehrers, wie die folgenden Beispiele belegen.

Anfang der 80er Jahren des 20. Jahrhunderts waren die relationalen Datenbanksysteme  in der Forschung gut etabliert, in der Praxis völlig unbedeutend. Nach und nach haben sie sich in der Praxis durchgesetzt, was vor allem daran lag, dass sie in Vorlesungen behandelt wurden. Das selbe gilt für die Finanzderivaten, einer der wichtigen Erscheinung der letzten drei Jahrzehnten. Weil darüber an Hochschulen unterrichtet wurde, haben sie sich verbreitet. Ähnliches gilt für Vieles, von der objekt-orientierten Programmierung bis hin zur Unix/Linux. Wohlgemerkt bei weitem nicht alles, was an Hochschulen in der Lehre verbreitet wird, ist so erfolgreich wie ihre Vertreter hoffen.

Man kann also nicht voreilig meinen, dass bei jeder Handlung, die einem einen Vorteil verschaffen mag, ein Interessenkonflikt vorliegt. Die Fragen sind also, wo die Grenze zu ziehen ist, wie man sich bei möglichen Interessenkonflikte verhalten soll. Gerade diese Frage wird derzeit in der Gesellschaft untersucht – in der Politik dank dem deutschen Bundespräsidenten Christian Wulff und in der Wissenschaft dank einigen Professoren, die als Experte vor Untersuchungskommissionen des US-Kongresses – über die Ursachen der Finanzkrise – ausgesagt haben.

Der Reuter-Bericht „For some professors, disclosure is academic“ vom December 2010 mit dem Untertitel „They are presented as disinterested experts, but many scholars who testify at U.S. Congressional hearings have industry ties they don’t reveal“ ist eine scharfe Anklage eines Verhaltens von Wirtschaftswissenschaftlern, das für die Gesellschaft sehr gefährliche folgen haben mag. Ein Finanz-Professor, der ein Neben-Einkommen als Berater für eine Investitionsbank verdient, kann wohl nicht als unabhängigen Experte auftreten, wenn er über die Praktiken von Investitionsbanken berichtet!

Die US-Fachwelt hatte sich bereits auf die Kritiken reagiert, die im oben genannten Reuters-Bericht erhoben wurden. Im Bericht „Financial Economists, Financial Interests  and Dark Corners of the Meltdown: It’s Time to set Ethical Standards for the Economics Profession„, der eine der Grundlagen für den oben erwähnten Reuters-Bericht war,  hatten schon im November 2010 die Politik-Wissenschaftler Gerald Epstein und Jessica Carrick-Hagenbarth die Alarm-Glocke geschlagen und konkrete Vorschläge gemacht, wie Interessenkonflikte von Finanz-Wissenschaftler gemieden werden sollen. Relativ schnell, am 5.1.29012, also nur dreizehn Monaten nach der Veröffentlichung dieses Berichtes, hat die American Economic Association, die Fachvertretung von Wirtschaftswissenschalfter in den USA, Richtlinie veröffentlicht, wie Wirtschaftsexperten Interessenkonflikte vermeiden sollen – siehe die Pressemitteilung „American Economic Association Adopts Extensions to Principles for Author Disclosure of Conflict of Interest„.

Diese Richtlinie weist den Weg. Interessenkonflikte sind in einigen berechtigten Fälle, wie in den oben geanannten Beispielen, überhaupt nicht zu vermeiden. Es geht also nicht darum, irgendwie Interessenkonflikte vermeiden zu wollen und  – wie der deutsche Bundespräsident – naiv zu glauben, davon frei zu sein. Es geht einfach darum offen zu legen, wo man steht, wofür man sich eingesetzt hat, was man dafür an Geld, Stellen oder sonstigen Vorteilen  erhalten hat, und somit seinen Mitmenschen die Möglichkeit zu geben, sich einer eigenen Meinung seiner Ab- oder Unabhängigkeit zu machen. Bei möglichen Interessenkonflikte geht also darum, seine Mitmenschen nicht zu manipulieren.

FB

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