Eine unselige französische Hochschultradition

Im Artikel „Bizarr-barbarisches Ritual – Das Bizutage: eine unselige französische Tradition“ berichtet Marc Zitzmann in einer aus meiner Sicht sehr angemessenen Weise über einen Brauch, der neulich viel von sich sprechen lässt und kein gutes Licht auf die Elite-Hochschulen des Nachbarlandes wirft.

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7 Responses to “Eine unselige französische Hochschultradition”

  1. jota sagt:

    Puh… Gut geschrieben der Beitrag von Herrn Zitzmann. Auch schön die harmlose Einleitung, der immer heftiger und bedrohlicher klingende Bericht der Vorfälle von Bizutage folgen… Recht beklemmend und bedrückend das Ganze. Worte suchen, keine finden, fremde Worte nehmen:

    [ironie=“on“]
    Der Bootsmann ist nicht immer angenehm,
    gefürchtet ist auch mancher Maat –
    Und ist auch ihre Nähe oft recht unbequem,
    im Herzen ist doch jeder Kamerad!
    http://www2.gorchfock.de/index.php?option=com_content&view=section&layout=blog&id=21&Itemid=179
    [ironie=“off“]

    Das ist Gorch Fock, das ist nicht Grand Ecole.
    Aber – ohne politisch werden zu wollen – gemeinsam ist hier die Sichtweis der Aufgabe Ausbildung. Eine echte oder auch nur angedachte Elite zu sein bedeutet schließlich eine geschlossene Gesellschaft, mit eigenen Regeln und Hierarchien und eben eigenen Mitteln, diese den Neuen zu vermitteln. Wurde man einmal gedemütigt oder erniedrigt, verspürt man womöglich auch Lust, einmal einen anderen in derselben Lage zu sehen. Und wenn man dann einmal aktiv oder passiv bei der nächsten Bizutage mitgemacht hat, so erscheint es einem fast unmöglich sie noch laut und offen zu verneinen. Schnapp! So wird die Tradition, wenn auch von manchem insgeheim infrage gestellt, am Leben erhalten.

    Man stelle sich nur eine öffentliche, angesehene Person, einen Bildungspolitiker bspw. vor, deren Erfahrungen als Opfer und/oder Täter auf einmal ausgegraben werden. Wobei ich glaube, dass die Öffentlichkeit in Frankreich solche News mit viel mehr Gelassenheit empfängt als hierzulande.

    Eigentlich habe ich hier nur kurz vorbeigeschaut, um evtl. etwas Ablenkung zu finden und dann so ein ernstes Thema. Vielen Dank für diesen Beitrag, auch wenn er mich sehr nachdenklich gemacht hat. Bin sehr gespannt, was andere dazu meinen.

  2. FB sagt:

    @jota: „Wobei ich glaube, dass die Öffentlichkeit in Frankreich solche News mit viel mehr Gelassenheit empfängt als hierzulande.

    Ich weiss es ehrlich nicht. Ich bin in ganz anderen Kreisen aufgewachsen, wozu auch führende Persönlichkeiten von Politik, Wirtschaft und Kultur angehört haben. Dort hat man immer solche Taditionen von Grandes Écoles und die damit verbundene Haltung zur Macht nicht nur kritisch, sondern auch mit mit Abscheu betrachtet. Zugegeben, es waren Kreisen von kulturellen Minderheiten: Protestantische, jüdische, russisch-orthodoxe Kreisen und ehemalige Widerstandskämpfer aus allen möglichen Gesllschaftskreisen und -schichten.

  3. jota sagt:

    @FB: Die Kreise, die Sie erwähnen, sind die dünne Apfelschale (sagt man das auf Deutsch denn auch so???). Die ausgereifte Sensibilität der kulturellen Minderheiten für die Belange der Menschenwürde ergibt sich ja nicht zuletzt aus der selbst erfahrenen Bedrohung. Ich sehe es als Aufgabe der Intellektuellen, solch einen Reifeprozess durch eine öffentliche Diskussion in der breiten Masse anzustoßen.

    Nachdem ich über google nur auf die allg. Erklärung, den NZZ-Blogbeitrag, und vereinzelte Webseiten zu bizutage kam, habe ich mir den Spass gemacht und bizutage bzw. dauphine bei den gängigen Zeitungen eingegeben. Unter den Meldungen über das Geschehene entflammte meiner Meinung nach nicht gerade die große Diskussion (die Anzahl der Kommentare zwischen 34 (Le Figaro) und 56 (Liberation)).

    Wie sehen Sie das? Glauben Sie, dass sich etwas verändern wird? Haben Sie diesbzgl. noch andere Berichterstattung in Frankreich wahrgenommen?

  4. FB sagt:

    @jota: „Die Kreise, die Sie erwähnen, sind die dünne Apfelschale. Sicher! Das sind aber in Politik und Kultur in Frankreich einflussreiche Kreisen.

    Unter den Meldungen über das Geschehene entflammte meiner Meinung nach nicht gerade die große Diskussion (die Anzahl der Kommentare zwischen 34 (Le Figaro) und 56 (Liberation)).“ Ich sehe drei Gründe dafür: Erstens die französische Presse ist sehr schlecht. Zweitens bei Blogs, Microblogs und Ähnliches hincken die Franzosen hinterher. Drittens die Reflexion über das Geschehene fängt in Frankreich erst an.

  5. Tina sagt:

    … der Gedanke, dass so dermaßen fortschrittliche Länder weltweit den großen Macker markieren und den sogenannten „Entwicklungsländern“ eine angeblich unumstößliche Wahrheit postulieren wollen, ist mehr als erschreckend. Ich will nicht wissen, was es noch so alles Unausgesprochenes gibt in unserem ja ach so aufgeklärten Europa! Herzlichen Dank auf jeden Fall für diesen kleinen Einblick ins Nachbarland.

    Auch, wenn ich mich ein bisschen dagegen wehre drängt sich mir immer mehr der Gedanke auf, dass diese ganze Drittes-Reich-Geschichte für Deutschland gar nicht so schlecht war. Gerade, wo in unserer Presse von Neonazi-Terror die Rede ist, fällt mir immer wieder auf, wie großes Leid doch auch große Selbstreflexion zur Folge hat (unabhängig davon, ob „die Neonazis“ nun als praktischer Sündenbock herhalten müssen oder nicht, ich bin mir da nicht so sicher in einigen Fällen…). Umso trauriger eigentlich, dass diejenigen die uns dazu gezwungen haben, über all diese Dinge nachzudenken, selbst keinen einzigen Gedanken daran verschwenden – und neben Großbritannien und den USA war Frankreich da leider auch ganz weit vorn mit dabei.

  6. FB sagt:

    @Tina: „… drängt sich mir immer mehr der Gedanke auf, dass diese ganze Drittes-Reich-Geschichte für Deutschland gar nicht so schlecht war.“ Wie West-Deutschland sich nach dem Dritten Reich und dem zweiten Weltkrieg erneuert hat, halte ich für eine vorbildhafte Entwicklung, wovon viele im Inland wie im Ausland noch unzureichend bewusst sind.

  7. keimelion sagt:

    „Wie West-Deutschland sich nach dem Dritten Reich und dem zweiten Weltkrieg erneuert hat, halte ich für eine vorbildhafte Entwicklung, wovon viele im Inland wie im Ausland noch unzureichend bewusst sind.“

    ja!

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