Stellenbesetzung und Ethik

Gestern nahm ich von 8:00 Uhr bis 18:15 Uhr beinahe ununterbrochen an einer Sitzung einer Berufungskommission. Während der Mittagspause besprach ich die Kandidatenauswahl mit Kollegen und bearbeitete ich einen Teil meiner täglichen E-Mail. Den Rest meiner täglichen Post erledigte ich vor und nach der Sitzung. Der sehr lange Arbeitstag war zum Glück angenehm, weil die Berufungsvorträge interessant waren.

In meiner E-Mail fand ich gestern die Aufforderung des Bayerischen Staatsministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst, bei einem Berufungsverfahren jeden behinderten Kandidat zu einem Berufungsvortrag einzuladen, um einen möglichen teuren Prozess zu vermeiden.

So fragte ich mich, wie es gewesen wäre, wenn gestern unter den Vortragenden einen behinderten Bewerber gewesen wäre, der nicht seiner Kompetenz wegen, sondern nur wegen der Aufforderung des Ministeriums zum Vortrag eingeladen worden wäre. Belastend und menschenunwürdig, war meine Antwort. Ein unzureichend kompetenter Bewerber würde einen für alle Anwesenden peinlichen Vortrag halten. Der Vorsitzender der Berufungskommission würde aus Höflichkeitsgründen ein paar nette Fragen stellen. Er müsste aber auch schwierigere Fragen stellen, um die Inkompetenz des Bewerbers – möglichst im öffentlichen Teil des Treffens – offen zu legen, damit der Bewerber nicht – wie vom Ministerium gefürchtet –  versucht sei, gegen seine Ablehnung trotz Einladung zu einem Berufungsvortrag zu klagen und damit, wenn er doch klagt, die Klage wenig Erfolgsaussichten hat. Für den Bewerber wäre es erniedrigend.

Das Arbeitsrecht verpflichtet dazu, besonders sorgfältig mit Bewerbern umzugehen, die behindert sind. Das heißt, dass bei solchen Bewerbern gründlich zu überprüfen ist, ob sie zum Berufungsvortrag (oder zum Einstellunggespräch) einzuladen sind und ob ihre Bewerbungen abzulehnen sind. Eine Verpflichtung, mit behinderten Bewerbern so zu tun, als ob sie qualifiziert wären, wenn sie es eindeutig nicht sind, entsteht meines Wissens aus dem Arbeitsrecht nicht.  Ein solches Verhalten wäre zudem ethisch sehr bedenklich.

An Recht und Ethik muss man sich auch dann halten, wenn es zu einem Prozess führen mag. Jemanden unwürdig zu behandeln, um der Gefahr eines Prozesses nicht ausgesetzt zu werden, ist völlig unpassend.

FB

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