Wo Vertrauen gesät wird…

Neulich hat die Leitung meiner Universität neue Regeln für die Besetzung von Berufungskommissionen erlassen, also wie die Gremien in Zukunft besetzt werden sollen, die Kandidaten für die Besetzung von Professuren auswählen.

Die Berufungskommissionen sollen in Zukunft mit mindestens zwei Professorinnen und, wenn es sich um eine Neubesetzung handelt, mit keinem wissenschaftlichen Mitarbeiter aus der Arbeitsgruppe des ausgeschiedenen Professors. Nach wie vor gelten Junior-Proferssoren nicht als Professor, wenn es um die Teilnahme an einer Berufungskommission geht.

Was damit die Universitätsleitung erzielt ist leicht erkennbar, obwohl es nicht mitgeteilt wurde. Frauen sollen mehr Einfluss in Berufungskommissionen haben, damit mehr Frauen als Professorinnen berufen werden. Ein Einfluss eines ausgeschiedenen Professors über seine höchstwahrscheinlich von ihm geprägten frühreren  Mitarbeiter, die nach seinem Weggang an der Universität geblieben sind, soll verhindert werden.

Als er von der neuen Regelung erfuhr, sagte ein in seinem Fach weltweit bekannter Professor: „So baut man keine Eliteuniversität auf!“ In der Tat sind die meisten Wissenschaftler der Universität empört über die Regelung. Wieso denn? Ist denn das Ziel nicht erstrebenswert, endlich mehr Frauen unter den Professoren zu haben? Ist es nicht wünschenswert, Professuren neu besetzen zu können, ohne von einer Last der Vergangenheit erdrückt zu sein?

Die Empörung betrifft nicht die Ziele, sondern erstens die Naivität der Regelung, und zweitens das Mistrauen, von dem der Erlass der Regelung ohne Absprache mit den Wissenschaftlern zeugt.

Die Reglung ist naiv, weil damit die wenigen Professorinnen immer wieder viel Zeit in Berufungskommissionen werden verbringen müssen. In der Informatik gibt es bei uns unter einem Dutzend Professoren nur eine einzige Professorin. Sie wird wohl allen Berufungskommissionen angehören müssen und dadurch in ihrer Lehre und Forschung mehr als ein männlicher Professor beeinträchtigt sein. In allen Fakultäten wird es ähnlich sein. Der Ausschluss der wissenschaftlichen Mitarbeiter aus der Berufungskommission zur Wiederbesetzung des Lehrstuhls, dem sie angehören, bedeutet, dass zum einen in vielen Fällen ein wichtiges Fachwissen der Berufungskommission fehlen wird, zum anderen die berufliche Zukunft dieser Nachwuchswissenschaftlern unsicher ist. Die Regelung bedeutet einfach: Geht ein Professor, so sollen auch seine Mitarbeiter gehen und nicht hoffen, an der selben Universität ihre Karriere weiter aufbauen zu können.

Eine solche Regelung ohne Absprache zu erlassen anstatt für Ziele zu werben, zeugt von einem bemerkenswerten Misstrauen dem eigenen Personal gegenüber. Wer Misstrauen sät, erntet Misstrauen. Bedauerlicherweise ist es schon weit gediehen: „Kaum jemand wird die Regelung kritisieren, weil dies einem angerechnet werden könnte“, meinte ein weiterer Professor.

Wer im Gegenteil Vertrauen sät und Ziele vorschlägt, deren Umsetzung nach den lokalen Gegebenheiten angepasst werden kann und darf, erntet Vertrauen und macht es möglich, Berge zu versetzen. Dieser öffentliche Meinungsäußerung ist ein Beitrag zum dringend notwendigen Vertrauensaufbau.

FB

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8 Responses to “Wo Vertrauen gesät wird…”

  1. dasuxullebt sagt:

    > So baut man keine Eliteuniversität auf!
    Die LMU? Eine Eliteuniversität? Eine Eliteuniversität die Probleme hat eine neue Verwaltungssoftware zu benutzen, und deswegen ihren Hiwis monatelang kein Geld bezahlt? Eine Eliteuniversität die Rechtschreibfehler in Zeugnisse einbaut (zumindest habe ich davon gehört dass das passiert sein soll). Es ist nirgends perfekt, aber Elite beginnt eben dabei, elitäre Leute anzuziehen. Dazu gehören gewisse Ansprüche an die Verwaltungsgremien, aber vor Allem auch die Mittel um sie durchzusetzen.

  2. Hans Leiß sagt:

    > Bedauerlicherweise ist es schon weit gediehen: “Kaum jemand wird die Regelung kritisieren, weil dies einem angerechnet werden könnte”, meinte ein weiterer Professor.

    Ich glaube nicht, daß die Hochschulleitung berechtigt ist, durch neue Regeln das Vorschlagsrecht der Professoren, wissenschaftlichen Mitarbeiter und Studenten für die Besetzung von Berufungsaussschüssen (Par.61 (1) der Grundordnung der LMU)
    und damit das Recht eines jeden Mitglieds der Hochschule auf Mitarbeit in der Selbstverwaltung (Art.18, Abs.1, Bayr.Hochschulgesetz) generell einzuschränken.

    Deshalb habe ich am 1.6. die Rechtsabteilung gebeten, die Verträglichkeit der neuen Regeln mit der Grundordnung der LMU und dem Bayr.Hochschulgesetz zu überprüfen.

    Ich finde auch, daß aus diesen Regeln und der Art ihrer Einführung ein erstaunliches Mißtrauen dem eigenen Personal gegenüber spricht.

    Hans Leiß

  3. @Hans Leiß: Es überrascht mich nicht, dass du meine Meinung teilst. Hoffen wir, dass weitere Stimmen gegen die zu kurz gedachte Regelung sich erheben. Und hoffen wir auch, dass eine Kultur des Vertrauens in unsere Universität verbreitet, ohne die eine Universität nur verkommen kann.

  4. Sind diese neuen Regeln eigentlich schon irgendwo veröffentlicht? (Unter http://www.uni-muenchen.de/aktuelles/amtl_voe/index.html finde ich sie nicht.)

    Inhaltlich: Falls tatsächlich dementsprechend verfahren werden sollte, so würde das wohl in einigen kleineren Fächern im Extremfall dazu führen, dass *niemand* mehr über die Besetzung z.B. einer Professur für Sprache X entscheidet der X liest und die Literatur dazu kennt (weil die LMU außer dem ausscheidenden Prof. und den „lokalen“ Mittelbaulern niemand hat auf den das zutrifft). Und: Wir hier (Philosophie @ LMU) haben keine einzige Philosophieprofessorin: d.h. die Neigung von Professorinnen mit Vergnügen an „unseren“ Berufungskommissionen teilzunehmen könnte könnte eher gering sein (denn diejenigen die fachnah sind sind gar nicht soooo viele.)

  5. @Heinrich C. Kuhn: Ich kenne die neue Regelung nur durch einen mündlichen Vortrag unseres Dekans. Wie oft mit solchen internen Regelungen ist es schwierig etwas Offizielles dazu zu erhalten. Am Besten würde ich einen Dekan fragen.

  6. Habe jemand aus einem Fakultätsvorstand drauf angesprochen; weder Bestätigung noch Dementi. Vielleicht wir’s nur von Fall zu Fall (wenn akut) an die Fakultäten kommuniziert?

  7. @Heinrich C. Kuhn: Die Informationspolitik der Universitätsleitung ist mir unerforschlicher als die Wege des Herrn. 🙂

  8. Peter sagt:

    Ja, das denke ich nicht auch schon.

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