Trauerrede

Auf Werkzeuge, die eingehen, trifft man nie ohne Trauer zu spüren: Ein angeketteter Fahrradrest in der Großstadt wirkt auf uns wie ein Elefantenskelett oder eine Löwenleiche in der Savanne, ein abgestürzter Computer wie geisteskrank, ein Auto mit kaputter Radio wie behindert…

Seit nun über ein Monate begegne regelmäßig ich solch ein Werkzeugsrest: Eine enthaupte Toilette in der Nähe meines Arbeitszimmers. Die Enthauptung war keine böse Tat, sondern entstand nach und nach aus dem verzweifelten Versuch vieler, der Toilette das Leben zu verlängern. Die vorbeikommenden vom Toilettenzustand tief bewegten Menschen rühren mit der Hand ins Toiletteninnere in der Hoffnung, ihr so noch zu einem weiteren Wasserguss zu verhelfen. Das gelang ihnen leider immer seltener. Die Toilette hat heute keine Lebenskraft mehr. Kein Wasser fließt mehrt in ihren Röhren. Man hört ihr befriedigendes Stöhnen nicht mehr. Die, die unsere Ausscheidungen aufgenommen hat, ist selbst ausgeschieden. Die Toilette, die war, ist nicht mehr.

Ich spüre natürlich Trauer aber auch Schuld: Erst nachdem diese Toilette eingegangen ist, habe ich ihre Wichtigkeit in meinem Leben wahrgenommen. Ich nahm sie bisher für selbstverständlich, bediente mich ihr, als ob sie immer funktionsfähig bleiben würde.

Nun erlebe ich sowie viele weitere Menschen eine Zeit nicht nur des Entzugs, sondern auch des Rückzugs: Wir nehmen wahr, was nicht mehr ist, und wir versuchen zu lernen, ohne es weiter zu leben. Nach und nach ziehen wir uns von einem Ort zurück, wo wir mal willkommen waren und wo wir nur noch hilflos das Fehlende wahrnehmen: Wir nehmen Abschied von einer Toilette, die in unserem Leben so wichtig war. Wir werden sie nie vergessen.

FB

Post Scriptum: Einige Leser und Nutzer des Universitätsgebäude in der Oettingenstraße haben mich gefragt, ob ich den Zeitpunkt der Beisetzung der Toilette kenne. Meines Wissens ist bisher keine Beisetzung terminiert. Offensichtlich sollen die Toiletten-Nutzer genug Zeit für ihre Trauerarbeit haben. So viel Rücksicht und Vorsorge seitens derjenigen, die für die In-Stand-Haltung der Universitätsräumlichkeiten zuständig ist, ist äußerst rührend.

3 Responses to “Trauerrede”

  1. Robert sagt:

    Ich wuenschte, es gaebe hier einen Like-Button.

  2. @Robert: Merci!

    Den „Like-Knopf“ für Blogs ist eine gute Idee. Warum auch nicht für Lehrveranstaltungen, habe ich gedacht, als ich das Kommentar las. Darüber werde ich nachdenken – im Ernst.

  3. […] in der Oettingenstraße 67, München. Die eine Toilette, wofür ich schon eine Trauerrede in diesem Blog veröffentlicht hat und aus ihrer Asche auferstanden war, arbeitet weiterhin […]

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