Ein Schweigegesetz brechen

Über Notfälle sprechen tut man nur dann, wenn man dafür zuständig ist. So ein unausgesprochener gesellschaftlicher Konsens, der selten gebrochen wird. Niemand möchte sich nämlich anmaßen, seine Kompetenzen zu überschreiten oder sich der Kritik aussetzen, Angst zu verbreiten. Es herrscht also eine Art Schweigegesetz, was mögliche Notfälle angeht.

So kommt es in unserer hoch-technologisierte Welt, in unserer immer komplexeren Umgebung zu Katastrophen – ein Großteil der Atomkatastrophe von Fukushima ist auf dieses Schweigegesetz zurückzuführen.

Das Schweigen über mögliche Notfälle widerspricht völlig das Berufsethos eines Wissenschaftlers und eines Hochschullehrers. Konsequenzen systematisch zu überlegen, mögliche Fortschritte  bekannt zu machen und eine solche Einstellung zu verbreiten sind in der Tat Grundwerte wissenschaftlicher Arbeit.

Sprechen wir also über Notfälle.

Erstens ist heute dank der Informatik vieles möglich, was vor noch einem Jahrzehnt kaum denkbar gewesen wäre. Darüber habe ich neulich im Artikel „Emergency Management“ berichtet. Es ist davon auszugehen, dass eine – positive – Folge der Fukushima-Katastrophe die Verstärkung der Forschung auf diesem Gebiet sein wird. Je früher werden Förderprogrammen dazu gestartet desto besser.

Zweitens sind große Organisationen, insbesondere öffentliche, extrem träge, wenn es um Notfälle geht. Ihnen scheint sowohl das Vorbeugen von Notfällen  wie die Reaktion nach Notfällen sehr schwer zu fallen. Seit nun zwei Wochen beobachtet die Welt, wie hilflos die japanische Regierung wirkt. An meiner Universität scheint es kaum möglich zu sein, einen Mindestmaß an Vorbeugung einzuleiten. Die Gründe sind die selben in der japanischen Regierung und an meiner Universität: Kein Politiker macht sich durch das Brechen des oben erwähnten Schweigegesetzes beliebt, folglich mach sich auch kein Beamter bei seinen Vorgesetzten beliebt, der selbst dieses Schweigegesetz bricht. Zwei Beispiele – unter vielen – zeigen, wie bedenklich die Lage an einer Hochschule sein kann:

  • In 17 Jahren an einer Universität bin ich kein einziges Mal über Notmaßnahmen im Brandfall unterrichtet worden. Dabei halte ich immer wieder Vorlesungen vor ein paar hundert Studenten in Hörsäle mit mir und zweifelsohne meinen Studenten auch völlig unbekannten Notwege.
  • Seit einem Jahr ist das Gebäude, wo meine Mitarbeiter und ich lehren und forschen, eine Baustelle mit immer wieder für Studenten und Personal zugänglichen ungesicherten Stellen. Von der städtischen Verwaltung habe ich sogar erfahren, dass sich die Münchner Feuerwehr darüber beklagt hat, wegen der Baustelle einen unzureichenden Zugang zum Gebäude zu haben. Diese Klage blieb deswegen ohne Folgen, sagte man mir, weil die Universität nicht der Stadt sondern dem Staat unterstellt ist.

Das Brechen des Schweigegesetzes über Notfälle ist notwendig. In unserer hoch-komplizierten hoch-technologisierten Welt kann niemand – darf niemand! – sich darauf verlassen, dass die zuständigen Behörden oder Unternehmen alles rechtzeitig merken und immer das richtige tun. Die Technik entwickelt sich dafür zu schnell, die Interesse sind zu vielseitig, die Kostenfrage droht immer, das Nötige überflüssig erscheinen zu lassen. Fukushima ist wegen der atomaren Gefahr besonders tragisch. Was dazu geführt hat, muss aber überall aufgedeckt werden – auch dort, wo die Gefahr geringer ist.

Das Brechen des Schweigegesetzes über Notfälle ist nicht nur eine Frage des Menschenverstands sondern auch der Ethik. Tun es diejenigen nicht, die etwas bedenkliches beobachten oder über das nötige Wissen verfügen,  so handeln sie unethisch. Besonders Wissenschaftler stehen diesbezüglich in einer großen Pflicht. Sind sie Hochschullehrer, so stehen sie auch in der Pflicht, das Brechen des Schweigegesetzes über Notfälle ihren Studenten zu vermitteln.

FB

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4 Responses to “Ein Schweigegesetz brechen”

  1. Harald Kraft sagt:

    Mir wurde immer eingebläut „An der Uni musst du dich um alles selber kümmern, da trägt dir niemand etwas nach!“. Das mag wohl generell für eine Universität gelten, obwohl ich am speziellen Institut immer wieder die Erfahrung gemacht habe, dass man Studenten sowohl in Normal- als auch in Notfällen unter die Arme greift und nicht hängen lässt.
    Überträgt man nun diese „Muss-Selbstständigkeit“ auf den Brandfall, bleibt es wohl auch den Studenten selber überlassen, sich bei Betreten eines Universitätsgebäudes und/oder Vorlesungssaal erst einmal einen Überblick über die Rettungsweglage zu machen, und erst DANN gespannt dem Professor zu lauschen. Wer dies nicht macht, wird offensichtlich auch nicht hinausgetragen ;).

  2. @Harald Kraft: Brennt es zum Beispiel in der Nähe vom großen physischen Hörsaal im Hauptgebäude, soll man in den Hof oder auf die Straße gehen?

    Ich meiner, solche Entscheidungen sind ad hoc schwer zu treffen. Oder eben aber leicht zu treffen aber die Folgen der leicht getroffene Entscheidung können verehrend sein.

  3. Robert sagt:

    Dass die Baustelle den Feuerwehrzugang verschlechtert ist vor allem deshalb problematisch, weil dieselben Baumaßnahmen die Brandgefahr ja gerade deutlich erhöhen. Man denke nur an die vielen Feueralarme im letzten Jahr… Jetzt gerade wird wieder geschweißt – ironischerweise an der neuen Notfalltreppe.

    Zu den Notmaßnahmen: Ich hatte vor einiger Zeit einen Gastvortrag des deutschen Philosphen Jürgen Habermas an einer US-Universität hören können. Das Interesse daran war sehr groß: der Hörsaal war ziemlich überfüllt, viele Zuhörer saßen auf den Treppen oder standen an der Wand. Kurz bevor es losging, kam die Campuspolizei und sorgte dafür, dass alle Zuhörer ohne richtigen Sitzplatz den Saal verließen – aus Notfall-Evakuierungsgründen!

    Vieleicht war diese rigorose Maßnahme in diesem konkreten Fall übertrieben. Allerdings habe ich in Deutschland auch schon einige hoffnungslos überfüllte Hörsäle gesehen, dabei aber noch nicht mal ansatzweise solche Notfallvorkehrungen erlebt.

  4. dasuxullebt sagt:

    Ich finde es in diesem Zusammenhang ja höchst erstaunlich, dass es niemanden zu stören scheint, dass die leuchtend beschilderten Fluchtwege in der Theresienstraße den normalen Ausgängen entsprechen, die nach 22.00 in der Regel zugesperrt sind, der einzige wirkliche Ausgang der normalerweise immer offen ist aber nicht zu finden ist wenn man ihn nicht kennt. Standard-Ausrede ist, dass das ja egal sei, denn in einem öffentlichen Gebäude hätte nach 22.00 sowieso niemand mehr etwas verloren (völlig unrealistisch, jede Menge Studenten und Mitarbeiter laufen auch dann noch durch den Bau).

    Das finde ich schon alleine deswegen witzig, weil bewegliche Stühle aus Brandschutzgründen verboten sind, genauso wie das Kleben von Zetteln an Türen. Brandschutz wird anscheinend nur da eingehalten, wo er annoying ist.

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