Posts Tagged ‘Wissenschaftsethik’

Der Erfolgskultur die Stirn bieten

Sonntag, Juni 12th, 2016

Erfolg wird in der Kultur sehr hoch gewertet: Wir erwarten von uns selbst einigermaßen erfolgreich zu sein; das erwarten auch von uns unsere Partner, Freunden, Eltern, Kollegen und Arbeitgeber. Erfolg ist überall nötig: Um seiner Familien guten Lebensbedingungen zu geben; seinen Kindern Chancen im Leben; damit das Unternehmen, in dem man arbeitet, weiterhin Arbeitsplätze anbieten kann.

Vermutlich ist das Erfolgsglück beim Mensch und bei anderen Lebewesen angeboren und gehört zu den Tricks der Evolution, um das Überleben sicher stellen. Der Sammler und Jäger, der nach einer mehrstündigen Wanderung die Nüsse findet oder nach einem zweistündigen Rennen den Hasen erlegt, die seiner Gruppe und ihm ein paar Tage lang Nahrung gibt, erlebt zweifelsohne einen sehr starken Erfolgsgefühl. Ein Problem ist aber, dass die große Mehrheit der Menschen heute – zumindest in entwickelten Ländern – Erfolg mit Überleben gar nicht verbinden können. Den Erfolg, den wir noch erleben, betrifft unser Überleben nicht.

Die Erfolgskultur ist folglich weitgehend eine Täuschung: Der Finanzinvestor muss die Rendite immer steigern – über jeden vernünftigen Mass hinaus –, um als erfolgreich zu gelten. Das Autokonzern muss seine Technologie auch dann durchsetzen und verkaufen, wenn sie neue Umweltnormen nicht einhält. Der Wissenschaftler muss immer mehr Aufsätze veröffentlichen, immer mehr Fördergelder einwerben, seine Publikationen müssen immer mehr Zitate erhalten – über jeden vernünftigen Mass hinaus. Viele weitere Beispiele könnte man geben.

Ist es denn verwunderlich, dass es zu Betrügen führt, wie in der Finanzbranche vor zehn Jahren und in der Automotive-Industrie neulich bekannt wurde? Immer wieder werden hoch angesehene Wissenschaftler erwischt, die ihre Karriere zum Teil oder sogar ganz auf Betrug aufgebaut haben. Es ist davon auszugehen, dass früher oder später in der Wissenschaft ähnliches passiert wie in den Finanz- und Automotive-Branchen.

Der eigentliche Betrug, der selten wenn überhaupt angeprangert wird, ist die Erfolgskultur, die uns zu schweigenden Mittäter werden lässt. Die Liquididtätsproblemen der  Investmentbank Bear Stearns waren in Finanzkreisen höchstwahrscheinlich lange bekannt, bevor die beinahe-Pleite der Bank den Auftakt der Großen Rezession gab. (Die Pleite von Bear Stearns wurde künstlich durch u.a. die US-Zentralbank verhindert: „too big to fail“ hieß es damals.) Der Emissionsbetrug beim VW war zweifelsohne weltweit unter Ingenieuren bekannt, die nach dem angeblichen Erfolg von VW, die Emissionen eines Diesel-Motors wesentlich zu verringern, daran arbeiteten, die Technik zu verstehen und ähnliches zu meistern. Was bei Betrügen wie von Bear Stearns und VW eigentlich verwunderlich ist, ist wie lange so viele Menschen geschwiegen haben.

Der wahre Erfolg einer Investmentbank ist nicht die außergewöhnlich hohe Rendite, sondern die Beständigkeit der Rendite. Der wahre Erfolg eines Auto-Konzerns liegt nicht am außergewöhnlich langen Erfolg einer alten Technik, sondern an der rechtzeitigen Erschließung neuer Technologien. Und der wahre Erfolg einer wissenschaftlichen Institution und eines Landes liegt nicht an den außergewöhnlich hohen Zitatenzahlen und eingeworbenen Fördermitteln ihrer Wissenschaftler, sondern an der Fähigkeit Generation nach Generation, hoch kreative und gelegentlich außergewöhnlich produktiven Wissenschaftler auszubilden. Der wahre Erfolg lässt sich nur über Jahrzehnten erkennen.

Wir müssen der derzeitigen Erfolgskultur, die ein Selbstbetrug ist und den Betrug fördert, die Stirn bieten und uns darauf besinnen, was ein wahrer Erfolg ist. Welche Orte sind dafür besser geeignet als Hochschulen?

FB

Forschungsförderung und Wissenschaftsethik

Donnerstag, Februar 19th, 2015

Ein Teil der Arbeit eines Wissenschaftlers ist die Begutachtung von Anträgen, die andere Wissenschaftler bei Forschungsförderungsorganisationen stellen. Die Begutachtung solcher Anträge kostet Zeit und bringt dem Gutachter insofern etwas, dass er auf seinem Gebiet einiges interessantes erfährt. Ansonsten ist es keine besonders angenehme Tätigkeit.

Neulich nahm ich an einem Arbeitstreffen der Gutachter einer Forschungsförderungsorganisation in Räumen dieser Organisation statt. Das Gebäude im Mitten eines kleinen Parks, die Räumen und ihre Ausstattung waren viel schöner als die Arbeitsumgebung der Wissenschaftler, die bei der Forschungsförderungsorganisation Mittel beantragen. „Wieso?“, habe ich mich gefragt.

In einer Pause sprach ich mit einer der Funktionsträger dieser Forschungsförderungsorganisation und erfuhr von ihm, erstens dass die Anmietung dieses sehr schönes Gebäude sehr teuer ist, zweitens dass 30% der Mittel, die diese Forschungsförderungsorganisation erhält, für Gebäude und Verwaltung dieser Organisation verbraucht werden. „Das ist viel!“ habe ich dabei gedacht.

Es ist nicht nur viel. Es ist auch zu viel, viel zu viel. So drängt sich der Gedanke auf, dass diese Forschungsförderungsorganisation, die ihre Mittel ausschließlich von Staaten erhält, nicht nur der Wissenschaft dient, sondern auch ihre Funktionsträger und ihr Personal bedient. Vermutlich zutreffender kann man vermuten, dass diese Funktionsträger und dieses Personal sich aus Gelder bedient, die von Staaten zur Förderung der Forschung gegeben werden. Eine solche Selbstbedienung verstoßt gegen die Ethik.

FB

Dreistes Plagiat, lähmende Angst

Donnerstag, Dezember 11th, 2014

Zwei wissenschaftliche Mitarbeiter einer Universität wurden einem Plagiat beschuldigt. Erst ein halbes Jahr, nachdem der Plagiatsvorwurf öffentlich erhoben wurde, konnten die Beschuldigten erfahren, worum es mit dem Vorwurf eigentlich geht. Zu diesem Zeitpunkt hatte der eine die Universität bereits verlassen; der andere kämpfte noch mit einer langen Krankheit, die der Plagiatsvorwurf verursacht hatte. Zum Plagiatsvorwurf schweigen sowohl die Beschuldigten wie die meisten Fakultätsmitglieder – jedoch nicht alle.

Worum ging es also mit dem Plagiatsvorwurf? Um einen Text, der kürzer ist als drei Tweets. Das plagiierte Erkenntnis muss eine gewaltige Tragweite haben, wenn es sich so kurz vermitteln lässt! In der Tat. Es handelt sich um die folgenden Ratschläge, um Texte für Kinder verständlicher zu gestalten:

  • Präsens statt Imperfekt
  • Direkte statt indirekte Rede
  • Aktiv statt Passiv
  • Dativ statt Genitiv
  • Keine Nebensätze
  • Mar|kier|te Sil|ben und Gra|(ph)e|me
  • Eigennamen statt Personalpronomen
  • Bekannte statt unbekannte Wörter
  • Bilder statt schwer zu lesende Wörter

Die zwei Wissenschaftler waren besonders dreist: Das bahnbrechende Erkenntnis, welches laut Plagiatsvorwurf erst vor acht Jahren entdeckt und nicht veröffentlicht wurde, haben sie schon vor sechs Jahren in einem mehrere zehn Seiten langen Werk ohne Erwähnung des Entdeckers und rechtmäßigen Besitzers des geistigen Eigentums erwähnt!

Der Fall darf nicht ohne Folgen bleiben. Universität und Ministerium müssen handeln. Ein paar Vorschläge dazu:

  • Den zwei Wissenschaftlern die Aberkennung des Doktortitels und die Entlassung aus dem öffentlichen Dienst.
  • Dem Professor, der im Plagiatsvorwurf eine neue Form der Mitarbeiterführung erkannte, die Goldmedaille für besondere Verdienste um Universität und Wissenschaft.
  • Den schweigenden Eingeweihten, die den Beschuldigten nicht beigestanden sind, das Abzeichen „Meine Karriere und meine Ruhe“.
  • Denjenigen, die aus einem seltenen Ethikverstand den Fall bekannt gemacht haben, eine Verwarnung.

Dieser Artikel ist ein Aufruf gegen die Angst – die Angst von Nachwuchswissenschaftlern vor einem Mobbing, das als Bewahrung der Wissenschaftsethik getarnt wird, und die lähmende Angst von Wissenschaftlern und Professoren, ausgegrenzt oder Repressalien ausgesetzt zu werden, wenn sie bedenkliche Praktiken infrage stellen.

Die Angst lähmt. Die Angst erniedrigt. Die Angst ist mit Lehre, Forschung und jeder sonstigen Tätigkeit unverträglich. Die Angst ist in jeder Arbeitsumgebung, insbesondere jeder Hochschule, inakzeptabel. Die Ursachen der Angst gehören offengelegt, weil nur so die Angst überwunden wird.

FB

Post Scriptum (am 2.2.2015): Der Beauftragte der Universität für die Selbstkontrolle in der Wissenschaft hat im Januar 2015 mitgeteilt,den Plagiatvorwurf für unbegründet anzusehen.

Bizarre Vorstellung von der guten wissenschaftlichen Praxis

Mittwoch, Juni 12th, 2013

Unter dem Titel „Gute wissenschaftliche Praxis an deutschen Hochschulen – Empfehlung der 14. HRK-Mitgliederversammlung vom 14.5.2013“ hat die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) veröffentlicht, wie Verstoße gegen die gute Wissenschaftliche Praxis (wie Plagiate oder gefälschte Daten) behandelt werden sollen.

Die Absicht ist gut. Das Ergebnis nicht zufriedenstellend. Die HRK-Empfehlungen enthalten nämlich den folgenden bizarren Satz:

Die Vertraulichkeit ist nicht gegeben, wenn sich der Hinweisgeber mit seinem Verdacht an die Öffentlichkeit wendet. In diesem Fall verstößt er regelmäßig selbst gegen die Regeln der guten wissenschaftlichen Praxis.

Findet ein Wissenschaftler in einer wissenschaftlicher Arbeit etwas, was fraglich erscheint, was ein Plagiat sein könnte oder Daten, die den Eindruck erwecken, sie hätten gefälscht werden können, so spricht aus Sicht der Wissenschaftsethik und guten Praxis überhaupt nichts dagegen, dass der Wissenschaftler seine Bedenken öffentlich kundtut. So werden zum Beispiel auf wissenschaftlichen Tagungen Mitteilungen empfangen, die jemandem merkwürdig erscheinen. Selbstverständlich gehören Bedenken, wie stark sie auch sein mögen, als solche dargestellt und nicht als Plagiat- oder Fälschungsvorwurf. Allerdings spricht überhaupt nichts dagegen, dass ein Wissenschaftler, der es so meint, öffentlich mündlich oder schriftlich so etwas mitteilt wie: „Dieser Abschnitt scheint mir so ähnlich wie X, dass sich meiner Meinung nach der Unachtsamkeits- oder Plagiatsvorwurf aufdrängt“ oder „Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, dass ein korrekt geführtes Experiment solche Daten liefert„. Solche Kritiken sind sowohl für die Kritiker wie für die kritisierten Wissenschaftler keine Kleinigkeit. Sie gehören aber zur sachlichen Streitkultur, die Bestandteil guter wissenschaftlicher Praxis ist. Die sachliche Streitkultur ist nötig, damit die wissenschaftliche Forschung voran schreitet.

Hochschulrektoren mögen die Angehörigen der Hochschulen, denen sie vorstehen, in solchen Fällen zum Schweigen verpflichten wollen. Sie werden damit keinen Erfolg haben. Junge Wissenschaftler, die Verfehlungen wie Plagiate oder gefälschte Ergebnisse vermuten, werden den HRK-Empfehlungen wegen Schutz in der Anonymität suchen. Ältere bereits etablierte Wissenschaftler werden je nach dem, wie viel Rückgrat sie besitzen und wie sie die Lage einschätzen, Schutz in der Anonymität suchen oder nicht. Die HRK-Empfehlungen werden also ihr Ziel nicht erreichen. Sie werden nur den Ruf der deutschen Hochschulen schaden – sie haben ihn schon geschadet.

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Zum Umgang mit möglichen Interessenkonflikten

Donnerstag, Januar 12th, 2012

Interessenkonflikte gibt es in vielen Berufen. Es gibt sie in der Politik, wie die derzeitige Bundespräsident-Affäre zeigt. Und es gibt sie in der Lehre und in der Wissenschaft. Interessenkonflikte zu erkennen, ist nicht immer leicht. Was ihre Erkennung erschwert, ist vor allem, dass über möglichen Interessenkonflikten viel zu wenig offen gesprochen wird, insbesondere was Politiker und Wissenschaftler betrifft.

Ein Interessenkonflikt kann vorliegen, wenn jemand einen Vorteil davon hat, zu handeln wie er handelt. „Kann vorliegen“ oder nicht eher „liegt vor“? Ganz eindeutig „kann vorliegen“ aber nicht „liegt vor“. Die Schwierigkeit mit möglichen Interessenkonflikten ist eben, dass es viele ethisch einwandfreien Handlungen, die einem einen Vorteil bringen. Bemühe ich mich in der Lehre meinen Studenten gut beizubringen, was ich in der Forschung mit-entwickelt habe, und bin ich darin erfolgreich, so trägt meine Lehre zum Erfolg meiner Forschung bei. Man kann mir dies aber wohl nicht als Interessenkonflikt vorwerfen! Soll ich etwa nur lehren, was ich wissenschaftlich nicht so gut kenne? Dieses Beispiel ist keineswegs rein rhetorisch, sondern tägliches Brot eines Hochschullehrers, wie die folgenden Beispiele belegen.

Anfang der 80er Jahren des 20. Jahrhunderts waren die relationalen Datenbanksysteme  in der Forschung gut etabliert, in der Praxis völlig unbedeutend. Nach und nach haben sie sich in der Praxis durchgesetzt, was vor allem daran lag, dass sie in Vorlesungen behandelt wurden. Das selbe gilt für die Finanzderivaten, einer der wichtigen Erscheinung der letzten drei Jahrzehnten. Weil darüber an Hochschulen unterrichtet wurde, haben sie sich verbreitet. Ähnliches gilt für Vieles, von der objekt-orientierten Programmierung bis hin zur Unix/Linux. Wohlgemerkt bei weitem nicht alles, was an Hochschulen in der Lehre verbreitet wird, ist so erfolgreich wie ihre Vertreter hoffen.

Man kann also nicht voreilig meinen, dass bei jeder Handlung, die einem einen Vorteil verschaffen mag, ein Interessenkonflikt vorliegt. Die Fragen sind also, wo die Grenze zu ziehen ist, wie man sich bei möglichen Interessenkonflikte verhalten soll. Gerade diese Frage wird derzeit in der Gesellschaft untersucht – in der Politik dank dem deutschen Bundespräsidenten Christian Wulff und in der Wissenschaft dank einigen Professoren, die als Experte vor Untersuchungskommissionen des US-Kongresses – über die Ursachen der Finanzkrise – ausgesagt haben.

Der Reuter-Bericht „For some professors, disclosure is academic“ vom December 2010 mit dem Untertitel „They are presented as disinterested experts, but many scholars who testify at U.S. Congressional hearings have industry ties they don’t reveal“ ist eine scharfe Anklage eines Verhaltens von Wirtschaftswissenschaftlern, das für die Gesellschaft sehr gefährliche folgen haben mag. Ein Finanz-Professor, der ein Neben-Einkommen als Berater für eine Investitionsbank verdient, kann wohl nicht als unabhängigen Experte auftreten, wenn er über die Praktiken von Investitionsbanken berichtet!

Die US-Fachwelt hatte sich bereits auf die Kritiken reagiert, die im oben genannten Reuters-Bericht erhoben wurden. Im Bericht „Financial Economists, Financial Interests  and Dark Corners of the Meltdown: It’s Time to set Ethical Standards for the Economics Profession„, der eine der Grundlagen für den oben erwähnten Reuters-Bericht war,  hatten schon im November 2010 die Politik-Wissenschaftler Gerald Epstein und Jessica Carrick-Hagenbarth die Alarm-Glocke geschlagen und konkrete Vorschläge gemacht, wie Interessenkonflikte von Finanz-Wissenschaftler gemieden werden sollen. Relativ schnell, am 5.1.29012, also nur dreizehn Monaten nach der Veröffentlichung dieses Berichtes, hat die American Economic Association, die Fachvertretung von Wirtschaftswissenschalfter in den USA, Richtlinie veröffentlicht, wie Wirtschaftsexperten Interessenkonflikte vermeiden sollen – siehe die Pressemitteilung „American Economic Association Adopts Extensions to Principles for Author Disclosure of Conflict of Interest„.

Diese Richtlinie weist den Weg. Interessenkonflikte sind in einigen berechtigten Fälle, wie in den oben geanannten Beispielen, überhaupt nicht zu vermeiden. Es geht also nicht darum, irgendwie Interessenkonflikte vermeiden zu wollen und  – wie der deutsche Bundespräsident – naiv zu glauben, davon frei zu sein. Es geht einfach darum offen zu legen, wo man steht, wofür man sich eingesetzt hat, was man dafür an Geld, Stellen oder sonstigen Vorteilen  erhalten hat, und somit seinen Mitmenschen die Möglichkeit zu geben, sich einer eigenen Meinung seiner Ab- oder Unabhängigkeit zu machen. Bei möglichen Interessenkonflikte geht also darum, seine Mitmenschen nicht zu manipulieren.

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Peinliches Streben nach Anerkennung

Donnerstag, Dezember 22nd, 2011

Zum Leben benötigt jeder Mensch Anerkennung genau so wie Nahrung und Wasser. Wissenschaftler sind keine Ausnahme. Oder doch?

Einige scheinen, mehr Anerkennung zu benötigen als ihnen schon gegeben wurde und arbeiten zielstrebig daran, möglich viel vom Brimborium eines erfolgreichen Berufslebens zu sammeln: Einfluss, Mitarbeiter und Fördergelder, Ehrungen.

Muss das sein? Es gibt nichts dagegen einzuwenden, dass Menschen, die besonders viel können, besonders viel leisten können. Bei Wissenschaftler sollte man aber ein bisschen vorsichtig sein. Was ist den ein erfolgreicher Wissenschaftler? Abgesehen von sehr wenigen Ausnahmen wie Newton, sind erfolgreiche Wissenschaftler solche, die wertvolle Beiträge geliefert haben und jüngere Wissenschaftler den Weg zur guten wissenschaftlichen Forschung gezeigt haben. Ob die Beiträge eines Wissenschaftlers  nur gut oder wichtig oder sogar sehr wichtig sind, wird nicht selten lange nach seinem Tod erkannt.

Diese Tatsache sollte, meine ich, uns zu einer gesunden Bescheidenheit verhelfen und unseres peinliche Streben nach Anerkennung eindämmen.

FB

Gefahren fremdfinanzierter Professuren

Mittwoch, September 21st, 2011

In Zeiten knapper Kassen sind fremdfinanzierte Professuren für eine Hochschule verlockend. Unproblematisch sind sie aber nicht immer.

Private Stiftungen, öffentliche Förderprogramme, Forschungseinrichtungen und Unternehmen finanzieren gelegentlich Professuren. Damit ist immer eine Erwartung verbunden, die die Hochschule gründlich überprüfen sollte, bevor sie die Fremdfinanzierung annimmt.

Die Erwartung von privaten Stiftungen oder öffentlichen Förderprogrammen ist meist, dass nach einer Anfangsfinanzierung – typischerweise für fünf Jahre – der Professur durch die Stiftung oder das Förderprogramm die Hochschule aus eigenen Mitteln die Professur dauerhaft unterhält. Da aber die Hochschule – in Deutschland und Europa – finanziell nicht selbständig sind, sondern von lang- und kurzfristigen Entscheidungen der Regierungen abhängig sind, können sie kaum planen. Anfangsfinanzierungen führen folglich zu hochschulinternen Mittelumschichtungen, die nicht unbedingt sinnvoll sind. So derzeit an einigen Hochschulen, die von Exzellenzinitiative beglückt worden sind.

Forschungseinrichtungen wie etwa die Fraunhofer Gesellschaft finanzieren gelegentlich Professuren an Hochschulen mit dem Zeil, dass ein ihrer Mitarbeiter berufen wird und in Zukunft neben seiner Tätigkeit an der Hochschule weiterhin an der Forschungseinrichtung tätig bleibt. Die Erwartungen sind meist sowohl persönlicher wie nicht-persönlicher Art. Für einen Abteilungsleiter einer Forschungseinrichtung stellt die Berufung auf eine Professur eine Beförderung. Der Professorentitel mag auch das Ego schmeicheln. Vor allem lindert die Professur vom oft den hohen Erfolgszwang vor allem beim Drittmittelerwerb: Wer zum Professor berufen wurde genießt mehr Ansehen und kann leichter gehen. So die persönliche Vorteile. Auch für die Forschungseinrichtung ist die Berufung einer seiner Abteilungsleiter auf eine Professur nicht ohne Vorteile. Die Professur schafft den Kontakt zu Studenten und somit zum Nachwuchs, vermittelt Ansehen und Kontakten und somit erleichtert den Erwerb von Drittmitteln. Für die Hochschule kann sich eine solche fremdfinanzierte Professur als sehr problematisch erweisen, falls de facto wenn nicht de jure die Forschungseinrichtung die zu berufenden Person im Voraus bestimmt. Ein Ethikverstoß oder zumindest eine Aufgabe der Selbständigkeit ist in solchen Fällen schwer zu vermeiden. Eine Hochschule ist also gut beraten, sich auf keine fremdfinanzierte Professur einzulassen, wenn der Fremdfinanzierer eine bestimmte Besetzung der Professur erwartet.

Gelegentlich finanzieren auch Unternehmen Professuren „im Pack“, wobei ein ganzes Institut mit mehreren Professuren und Wissenschaftlerstellen werden finanziert, oder als „Einzelstück“. Bisher habe ich wenig Einblick in solchen Fremdfinanzierungen von Professurem gehabt. Es ist davon auszugehen, dass sie für eine Hochschule mit den selben Gefahren verbunden sind wie Fremdfinanzierungen von Professuren durch öffentliche Forschungseinrichtungen.

Was tun? Die Ablehnung von fremdfinanzierten Professuren wegen den Gefahren, die damit verbunden sind, wäre naiv und unangebracht. Gefahren gehören gesehen und gemieden, was durchaus möglich ist, wenn die Hochschulen – und ihre Berufungskommissionen – ethisch und sachlich handeln. Wo denn sonst darf man ein solches Verhalten erwarten wenn nicht an Hochschulen?

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Spreu und Weizen unter wissenschaftlichen Tagungen

Montag, September 19th, 2011

Eine der beruflichen Freude eines Wissenschaftlers ist die Einladung durch die Veranstalter einer wissenschaftlichen Tagung, einen Vortrag über die eigene Arbeit zu halten. Solche Einladung sind ein Beleg des beruflichen Erfolg. Sie lassen junge Wissenschaftler hoffen, eine Dauerstelle in der wissenschaftlichen Forschung erhalten zu können.

Neulich habe ich die folgende Einladung erhalten:

On behalf of the conference Committee Members and Chairs, We are honored to invite you as an Invited Speaker of the collaborative conference on 3D Research (CC3DR) 2012.

Es handelt sich um die „Collaborative Conference on 3D & Materials Research (3DMR) 2011„.

Über diese Einladung  habe ich mich nicht gefreut, sondern geärgert, weil ich nicht auf dem Gebiet der Tagung arbeite.

Eine solche Einladung wirkt auf mich  betrügerisch. Wozu sonst soll sie dienen, als Wissenschaftler zu Veröffentlichungen zu verführen? Wofür denn sonst, als eine Tagung am Leben zu halten, die sonst zu wenig Einreichungen oder zu wenig Publikum hätte.

Wegen der sehr großen Anzahl an wissenschaftlichen Tagungen und der sehr großen Vielfalt an wissenschaftlichen Gebieten, kann kaum jemand das Spreu solcher Tagungen vom Weizen der ehrlich arbeitenden Tagungen halten!

Gibt es ein Wiki für die Meldung der Tagung-Spreu? Es wäre an der Zeit, eins ans Leben zu rufen!

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Forschungsförderung und Wissenschaftsethik

Mittwoch, August 3rd, 2011

Die Drittmittel-Einwerbung – der Erhalt von Gelder von Forschungsförderungsstellen – ist unter anderen deswegen schwierig, weil man sich in die Sicht- und Sprachweise einer Forschungsförderungsstelle einarbeiten muss. Neulich habe ich vier Stunden benötigt, um zu verstehen, ob ein Forschungsförderprogramm für meine Arbeitsgruppe relevant ist.

Es wäre aber naiv, einer Behörde vorzuwerfen eine Behördensprache zu verwenden! Auch die Sprache eines Wissenschaftlers dürfte Nicht-Wissenschaftler gelegentlich schwer verständlich sein! So weit, so gut. Es gibt aber Forschungsförderungsstellen, die das Eine veröffentlichen und das Andere erwarten.

Neulich bekam ich von einem Kollegen, mit dem ich an einem Drittmittelantrag – an einem Antrag auf Forscghungsfördergelder – arbeite, die folgende Meldung, nachdem er sich bei der Förderorganisation erkundigt hatte:

6-9 Stellen muss auf ein Jahr bezogen werden, und da wir ein dreijähriges Projekt anstreben, muss durch drei geteilt werden, so dass insgesamt nur 2-3 stellen genehmigt werden können. Mir ist vollkommen schleierhaft, warum diese Bürokraten das nicht direkt hineinschreiben können.  X war auch einigermaßen überrascht, und ich weiß von anderen Antragstellern, dass diese ebenfalls alle von der Zahl 6-9 Stellen über drei Jahre ausgehen.

X ist ein Wissenschaftler, der bei der Gestaltung des Forschungsförderprogramms als Experte mitgewirkt hat. Seine Überraschung belegt, dass mein Kollege und ich nicht voreilig das verstanden haben, was wir uns wünschen. Der Kollege teilt weiter mit:

Zudem stellte sich heraus, dass nur Anträge gefördet werden sollen, die Y oder Z verwenden.

Y und Z sind die Namen von Werkzeugen, die in der Vergangenheit mit Förderungen der betroffenen Forschungsförderungsstelle entstanden sind.

Es ist nichts dagegen einzuwenden, dass eine Forschungsförderungsstelle die Verwendung von Ergebnissen aus der eigenen Forschungsförderung als Bedingung zu weiteren Forschungsförderungen stellt. Es ist aber viel dagegen einzuwenden, dass dies nicht öffentlich und allen mitgeteilt wird! Ist es denn anehnmbar, dass diejenigen unten den Antragstellern, die Kontakte in der Forschungsförderungsstelle haben, mehr wissen als die Anderen? Sicherlich nicht! Es ist unfair. Es kostet manchen Wissenschaftler viel Zeit, die falsch informiert einen hoffnungslosen Antrag ausarbeiten und einreichen.

Eigentlich geht es mehr als nur um Fairneß. Es geht um die Wissenschaftsethik. Nicht nur Doktoranden verstoßen gegen die Wissenschaftsethik, wenn ihre Dissertationen Plagiate sind, sondern auch Forschungsförderungsstellen, wenn sie nicht alle Antragsteller gleich informieren. Es ist leider zu befürchten, dass es noch lange dauert, bis sich diese Sichtweise in Forschungsförderungstellen und Ministerien verbreitet…

FB