Posts Tagged ‘Ethik’

Wem gehören meine Daten?

Mittwoch, Oktober 18th, 2017

Als Auftakt der Ringvorlesung meiner Universität, der Ludwig-Maximilians-Universität München,  „Big Data and Data Ethics: Möglichkeiten und Gefahren“ fand Abend eine Podiumdiskussion zum Thema „Wem gehören meine Daten?“ statt. Unter der Moderation von Svea Eckert, NDR Journalistin und Autorin, sprachen Dr. Andreas Dewes, Datenanalyst und Gründer des Berliner Startups 7scientists GmbHDr. Shivaji Dasgupta, Datenanalyst bei der Versicherungskammer Bayern, Prof. Dr. Thomas Petri, der Bayerischer Landesbeauftragter für den Datenschutz (BayLfD) und Prof. Dr. Thomas Augustin vom Institut für Statistik der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Die Sorge um den Datenschutz ist im deutschsprachigen Raum besonders ausgeprägt, was positive Aspekte hat. Ein negativer Aspekt davon ist allerdings die verbreitete Fixierung auf eine individuelle, personenbezogene Sicht des Datenschutzes. So war es gestern auch während der Podiumdiskussion. Es ging nur um „meine“ Daten und nie um „unsere“ Daten.

Die individuelle Sicht hindert daran, die soziale Dimension des Datenschutzes zu sehen. Man sieht die Bäume, die persönlichen Interessen. Der Wald, die Interessen der Gesellschaft, wird übersehen.

Wenn zum Beispiel aus Daten über den Verlauf „meiner“ Krankheit andere geheilt werden können, kann ich darauf beharren, alleine über die Auswertung „meiner“ Daten bestimmen zu dürfen? Ähnliche Beispiele gibt es zuhauf – und sie sind hochaktuell. Wie es mit den Daten über „meine“ Lernleistungen als Student? Oder über die Daten über „meine“ Fahrweise, deren Auswertung zu Vermeidung von Unfällen bei anderen Menschen führen kann? Gehören mir alleine meine Genom-Daten, deren Auswertung die Heilung von anderen ermöglicht? Ist es nicht einer Art unterlassene Hilfeleistung, wenn ich aus welchen Gründen auch darauf beharren, alleine über die Verwendungen solchen Datenentscheiden zu dürfen? Gehören mir also solche Daten?

Und wie steht es mit Daten über allgemeine Güter, wie etwa die Sprache, die eine Gesellschaft spricht? Derzeit wird aus der Verwendung von Sprachen durch Gesellschaften wertvolle private Güter, Software zur Spracherkennung und -Übersetzung, erstellt. Einerseits erscheint es als angebracht, dass diejenigen, die sich die Mühe machen, solche Software zu erstellen, Besitzer dieser Software sind und damit Geld verdienen. Andererseits werden solche Software dadurch erstellt, dass den Mitglieder einer Gesellschaft „über die Schulter“ geschaut werden. Konkret werden unter anderem Dokumente in verschiedenen Sprachen bei der Europäischen Kommission und beim Europäischen Patentamt von einem privaten US-Konzern dafür verwendet. Der Gedanke drängt sich auf, dass dies eine neue Form der Tragik der Allmende darstellt.

Gestern stellte die Moderatorin, Frau Eckert, die Frage, ob es nicht bedenklich ist, dass meine Universität, die Ludwig-Maximilians-Universität München, seine Video-Lehrangebote bei einem privaten Unternehmen, Coursera, stellt, so dass die Daten über die Lernleistungen ihrer Studierenden bei diesem Unternehmen landen und zum finanziellen Nutzen dieses Unternehmens ausgewertet werden. Damit gab Frau Eckert die Möglichkeit, die oben erwähnte neue Tragik der Allmende zu besprechen. Leider erkannte kein Teilnehmer an der Podiumdiskussion die Tragweite der Frage.

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Der Erfolgskultur die Stirn bieten

Sonntag, Juni 12th, 2016

Erfolg wird in der Kultur sehr hoch gewertet: Wir erwarten von uns selbst einigermaßen erfolgreich zu sein; das erwarten auch von uns unsere Partner, Freunden, Eltern, Kollegen und Arbeitgeber. Erfolg ist überall nötig: Um seiner Familien guten Lebensbedingungen zu geben; seinen Kindern Chancen im Leben; damit das Unternehmen, in dem man arbeitet, weiterhin Arbeitsplätze anbieten kann.

Vermutlich ist das Erfolgsglück beim Mensch und bei anderen Lebewesen angeboren und gehört zu den Tricks der Evolution, um das Überleben sicher stellen. Der Sammler und Jäger, der nach einer mehrstündigen Wanderung die Nüsse findet oder nach einem zweistündigen Rennen den Hasen erlegt, die seiner Gruppe und ihm ein paar Tage lang Nahrung gibt, erlebt zweifelsohne einen sehr starken Erfolgsgefühl. Ein Problem ist aber, dass die große Mehrheit der Menschen heute – zumindest in entwickelten Ländern – Erfolg mit Überleben gar nicht verbinden können. Den Erfolg, den wir noch erleben, betrifft unser Überleben nicht.

Die Erfolgskultur ist folglich weitgehend eine Täuschung: Der Finanzinvestor muss die Rendite immer steigern – über jeden vernünftigen Mass hinaus –, um als erfolgreich zu gelten. Das Autokonzern muss seine Technologie auch dann durchsetzen und verkaufen, wenn sie neue Umweltnormen nicht einhält. Der Wissenschaftler muss immer mehr Aufsätze veröffentlichen, immer mehr Fördergelder einwerben, seine Publikationen müssen immer mehr Zitate erhalten – über jeden vernünftigen Mass hinaus. Viele weitere Beispiele könnte man geben.

Ist es denn verwunderlich, dass es zu Betrügen führt, wie in der Finanzbranche vor zehn Jahren und in der Automotive-Industrie neulich bekannt wurde? Immer wieder werden hoch angesehene Wissenschaftler erwischt, die ihre Karriere zum Teil oder sogar ganz auf Betrug aufgebaut haben. Es ist davon auszugehen, dass früher oder später in der Wissenschaft ähnliches passiert wie in den Finanz- und Automotive-Branchen.

Der eigentliche Betrug, der selten wenn überhaupt angeprangert wird, ist die Erfolgskultur, die uns zu schweigenden Mittäter werden lässt. Die Liquididtätsproblemen der  Investmentbank Bear Stearns waren in Finanzkreisen höchstwahrscheinlich lange bekannt, bevor die beinahe-Pleite der Bank den Auftakt der Großen Rezession gab. (Die Pleite von Bear Stearns wurde künstlich durch u.a. die US-Zentralbank verhindert: „too big to fail“ hieß es damals.) Der Emissionsbetrug beim VW war zweifelsohne weltweit unter Ingenieuren bekannt, die nach dem angeblichen Erfolg von VW, die Emissionen eines Diesel-Motors wesentlich zu verringern, daran arbeiteten, die Technik zu verstehen und ähnliches zu meistern. Was bei Betrügen wie von Bear Stearns und VW eigentlich verwunderlich ist, ist wie lange so viele Menschen geschwiegen haben.

Der wahre Erfolg einer Investmentbank ist nicht die außergewöhnlich hohe Rendite, sondern die Beständigkeit der Rendite. Der wahre Erfolg eines Auto-Konzerns liegt nicht am außergewöhnlich langen Erfolg einer alten Technik, sondern an der rechtzeitigen Erschließung neuer Technologien. Und der wahre Erfolg einer wissenschaftlichen Institution und eines Landes liegt nicht an den außergewöhnlich hohen Zitatenzahlen und eingeworbenen Fördermitteln ihrer Wissenschaftler, sondern an der Fähigkeit Generation nach Generation, hoch kreative und gelegentlich außergewöhnlich produktiven Wissenschaftler auszubilden. Der wahre Erfolg lässt sich nur über Jahrzehnten erkennen.

Wir müssen der derzeitigen Erfolgskultur, die ein Selbstbetrug ist und den Betrug fördert, die Stirn bieten und uns darauf besinnen, was ein wahrer Erfolg ist. Welche Orte sind dafür besser geeignet als Hochschulen?

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Die Ethik ist keine Kirsche auf dem Kuchen

Dienstag, Mai 24th, 2016

Die Ethik ist keine Kirsche auf dem Kuchen. Entweder bemüht man sich um ein ethisches Handeln, was ein Durchdringen des ethischen  Denkens überall voraussetzt, oder man lässt es ganz. Ein bisschen Ethik als Opfergabe auf dem Altar der öffentlichen Meinung ist schlichtweg eine Lüge.

Gestern auf dem Weg in eine Vorlesung habe ich im Lichthof meiner Universität, der Ludwig-Maximilians-Universität München, an einer besonders sichtbaren Stelle einen Stand einer großen Schweizer Bank gesehen. Es fand nämlich gestern an meiner Universität die „Career Talk 2016“ statt – unter dem Motto  „Grenzenlose Karrieren zwischen Global Player und Local Hero“.

Die große Schweizer Bank, die UBS, deren Stand ich gestern sah,  wurde in den letzten Monaten als Hauptakteurin einer rechtswidrigen Anstiftung zur Steuerhinterziehung in der Europäischen Union insbesondere in Frankreich entlarvt. Ich sehe nicht, was eine dermaßen belastete Bank auf einer Informationsveranstaltung für Studierenden an einer Universität zu suchen hat. Soll denn eine Universität Studierenden die Botschaft vermitteln, dass rechtswidriges Handeln eines Unternehmens bei ihrer Stellenauswahl keine Rolle spielen soll? Bedeutet denn „grenzenlos“ im Motto der Informationsveranstaltung, dass die Ethik keine Grenzen setzt?

Die historische Bedeutung des Lichthofs der Ludwig-Maximilians-Universität München wäre übrigens ein weiterer Grund, die Veranstaltungen sorgfältig auszuwählen, die dort stattfinden.  Das mutige Handeln der Widerstandskämpfer der Weißen Rose sollte uns immer noch zum ethischen Handeln verpflichten.

Meine Universität ist zudem eine öffentliche Einrichtung, was heißt, dass sie weitgehend über Steuergelder finanziert wird. Ich sehe nicht ein, dass die Steuerzahler sowohl für die Bekämpfung der Steuerhinterziehung zahlen sollen, wie auch für eine Universität, die ihren Absolventen eine Bank als Arbeitgeber empfiehlt, die zur Steuerhinterziehung anstiftet.

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Prüfermacht und Ethik

Freitag, Mai 11th, 2012

Das Lehrpersonal meines Instituts hat ein großes Problem mit Studenten, die sich zur Klausur anmelden aber zur Klausur nicht erscheinen. Große Hörsäle, die an unserer Universität Mangelware sind und folglich nur unter einem nicht unerheblichen Arbeitsaufwand erhalten werden, werden zur Durchführung der Klausur beantragt. Bei fast jeder Klausur stellt sich heraus, dass ein viel kleineren Raum ausreichend gewesen wäre.

Manche Professoren vergeben bei uns so genannte Bonuspunkte. Liefert ein Student regelmäßig ausreichend gute Lösungen zu den wöchentlichen Hausaufgaben, so teilt es sich der Übungsleiter, eine studentische Hilfskraft oder ein wissenschaftlicher Mitarbeiter, dem Professor. Dieser verbessert dann die Klausurnote.

Ein Kollege, der Bonuspunkte vergibt, schlug vor, Studenten die Bonuspunkte wegzunehmen, also bei der Bewertung der Klausur nicht zu berücksichtigen, die in der Vergangenheit angemeldet zu einer Klausur nicht erschienen sind. So zumindest habe ich den Vorschlag verstanden.

Über diesen Vorschlag habe ich große Bedenken geäußert. „Eine Prüfungsnote darf nicht wegen „schlechtes Benehmen“, oder wegen etwas, was der Prüfer dafür hält, verringert werden„, habe ich gemeint. „Keine Note wird verringert“ antwortete der Kollege, „aber die Noten denen, die angemeldet zur Klausuren nicht erscheinen werden.“  Der Kollege fügte hinzu: „Was ich freiwillig gebe, kann ich auch wohl zurücknehmen.

Das sehe ich ganz anders. Ein Prüfer hat die Aufgabe erhalten, einen Wissenstand zu bewerten, nicht ein Benehmen. Ein Informatik-Professor ist in der Lage, den Stoff aus seiner Vorlesung zu prüfen. Es gibt keinerlei Grund anzunehmen, dass er auch in Fragen des passenden oder unpassenden Benehmen  ebenfalls ausgewiesen ist. Es erscheint mir sogar geboten, die Macht, die ein Prüfer über seine Prpflinge vom Amt wegen ausübt auf dieses Amt einzuschränken. Sonst besteht die Gefahr von einer Machtüberschreitung.

Gibt ein Prüfer einen Teil der Note freiwillig? Das glaube ich nicht. Es werden Regel zur Benotung festgelegt und angewandt. Die Festlegung solcher Regel erfolgt auf keinen Fall durch einen einzigen. Das wäre – auch für den Prüfer – viel zu gefährlich. Wird nach geltenden Regeln Bonuspunkte vergeben, dann handelt es sich nicht um Geschenk, dass der Schenker zurücknehmen könnte. Außerdem auch Geschenke können nicht zurückgenommen werden!

Prüfer haben viel Macht über Prüflinge. Diese Macht muss aber darauf beschränkt werden, was die Prüfer zu prüfen haben. So ist es auch in jeder Situation, wo Menschen – Polizisten, Soldaten und Richter –, die eine Macht über andere ausüben können. So sehen es alle große Religionen. So verlangt es die Ethik.

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Zum Umgang mit möglichen Interessenkonflikten

Donnerstag, Januar 12th, 2012

Interessenkonflikte gibt es in vielen Berufen. Es gibt sie in der Politik, wie die derzeitige Bundespräsident-Affäre zeigt. Und es gibt sie in der Lehre und in der Wissenschaft. Interessenkonflikte zu erkennen, ist nicht immer leicht. Was ihre Erkennung erschwert, ist vor allem, dass über möglichen Interessenkonflikten viel zu wenig offen gesprochen wird, insbesondere was Politiker und Wissenschaftler betrifft.

Ein Interessenkonflikt kann vorliegen, wenn jemand einen Vorteil davon hat, zu handeln wie er handelt. „Kann vorliegen“ oder nicht eher „liegt vor“? Ganz eindeutig „kann vorliegen“ aber nicht „liegt vor“. Die Schwierigkeit mit möglichen Interessenkonflikten ist eben, dass es viele ethisch einwandfreien Handlungen, die einem einen Vorteil bringen. Bemühe ich mich in der Lehre meinen Studenten gut beizubringen, was ich in der Forschung mit-entwickelt habe, und bin ich darin erfolgreich, so trägt meine Lehre zum Erfolg meiner Forschung bei. Man kann mir dies aber wohl nicht als Interessenkonflikt vorwerfen! Soll ich etwa nur lehren, was ich wissenschaftlich nicht so gut kenne? Dieses Beispiel ist keineswegs rein rhetorisch, sondern tägliches Brot eines Hochschullehrers, wie die folgenden Beispiele belegen.

Anfang der 80er Jahren des 20. Jahrhunderts waren die relationalen Datenbanksysteme  in der Forschung gut etabliert, in der Praxis völlig unbedeutend. Nach und nach haben sie sich in der Praxis durchgesetzt, was vor allem daran lag, dass sie in Vorlesungen behandelt wurden. Das selbe gilt für die Finanzderivaten, einer der wichtigen Erscheinung der letzten drei Jahrzehnten. Weil darüber an Hochschulen unterrichtet wurde, haben sie sich verbreitet. Ähnliches gilt für Vieles, von der objekt-orientierten Programmierung bis hin zur Unix/Linux. Wohlgemerkt bei weitem nicht alles, was an Hochschulen in der Lehre verbreitet wird, ist so erfolgreich wie ihre Vertreter hoffen.

Man kann also nicht voreilig meinen, dass bei jeder Handlung, die einem einen Vorteil verschaffen mag, ein Interessenkonflikt vorliegt. Die Fragen sind also, wo die Grenze zu ziehen ist, wie man sich bei möglichen Interessenkonflikte verhalten soll. Gerade diese Frage wird derzeit in der Gesellschaft untersucht – in der Politik dank dem deutschen Bundespräsidenten Christian Wulff und in der Wissenschaft dank einigen Professoren, die als Experte vor Untersuchungskommissionen des US-Kongresses – über die Ursachen der Finanzkrise – ausgesagt haben.

Der Reuter-Bericht „For some professors, disclosure is academic“ vom December 2010 mit dem Untertitel „They are presented as disinterested experts, but many scholars who testify at U.S. Congressional hearings have industry ties they don’t reveal“ ist eine scharfe Anklage eines Verhaltens von Wirtschaftswissenschaftlern, das für die Gesellschaft sehr gefährliche folgen haben mag. Ein Finanz-Professor, der ein Neben-Einkommen als Berater für eine Investitionsbank verdient, kann wohl nicht als unabhängigen Experte auftreten, wenn er über die Praktiken von Investitionsbanken berichtet!

Die US-Fachwelt hatte sich bereits auf die Kritiken reagiert, die im oben genannten Reuters-Bericht erhoben wurden. Im Bericht „Financial Economists, Financial Interests  and Dark Corners of the Meltdown: It’s Time to set Ethical Standards for the Economics Profession„, der eine der Grundlagen für den oben erwähnten Reuters-Bericht war,  hatten schon im November 2010 die Politik-Wissenschaftler Gerald Epstein und Jessica Carrick-Hagenbarth die Alarm-Glocke geschlagen und konkrete Vorschläge gemacht, wie Interessenkonflikte von Finanz-Wissenschaftler gemieden werden sollen. Relativ schnell, am 5.1.29012, also nur dreizehn Monaten nach der Veröffentlichung dieses Berichtes, hat die American Economic Association, die Fachvertretung von Wirtschaftswissenschalfter in den USA, Richtlinie veröffentlicht, wie Wirtschaftsexperten Interessenkonflikte vermeiden sollen – siehe die Pressemitteilung „American Economic Association Adopts Extensions to Principles for Author Disclosure of Conflict of Interest„.

Diese Richtlinie weist den Weg. Interessenkonflikte sind in einigen berechtigten Fälle, wie in den oben geanannten Beispielen, überhaupt nicht zu vermeiden. Es geht also nicht darum, irgendwie Interessenkonflikte vermeiden zu wollen und  – wie der deutsche Bundespräsident – naiv zu glauben, davon frei zu sein. Es geht einfach darum offen zu legen, wo man steht, wofür man sich eingesetzt hat, was man dafür an Geld, Stellen oder sonstigen Vorteilen  erhalten hat, und somit seinen Mitmenschen die Möglichkeit zu geben, sich einer eigenen Meinung seiner Ab- oder Unabhängigkeit zu machen. Bei möglichen Interessenkonflikte geht also darum, seine Mitmenschen nicht zu manipulieren.

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Verantwortung verpflichtet

Freitag, Januar 6th, 2012

Im Lauf mancher Karrieren nimmt die Verantwortung zu. Eine solche Entwicklung ist aus mehreren Gründen angenehm: Berufliche Verantwortung verleiht Ansehen und gibt auch Vorteile. Wer zum Beispiel eine Abteilung leitet oder über die Einstellung von Mitarbeitern massgeblich mit-entscheidet, ist von einigen manchmal unangenehme Zwänge befreit.

Dies ist aber nur die eine Seite der Medaille. Die andere Seite ist, dass Verantwortung in einer Weise verpflichtet, die häufig ziemlich unangenehm ist. Entscheidet einer massgeblich selbst über seine beruflichen Reisen, so muss er viel strengender Privates und Berufliches auseinander halten, als wenn er seine berufliche Reisen von einem Vorgesetzten bewilligen lassen muss. Im ersten Fall muss er sich zum Beispiel fragen, ob ein privater Aufenthalt währen einer beruflichen Reise die Übernahme der Reisekosten durch den Arbeitgeber zulässt. Im zweiten Fall kann er sich darauf freuen, wenn sein Vorgesetzter darüber großzügig – vielleicht als Belohnung – entscheidet. Der Unterschied ist einfach, dass sich selbst belohnen einfach nicht geht.

Menschen, die berufliche Verantwortung tragen, können oft nicht so leicht am Feierabend mit der Arbeit Schluss machen. Oft denken sie abends über Berufliches weiter nach, eben weil sie Verantwortung tragen. Dies führt nicht selten zu einer nicht unproblematischen Verquickung vom Beruflichen und Privaten. Unproblematisch einerseits weil das private Leben beeinträchtigt wird, andererseits weil das Gefühl für Grenzen nachlassen kann. Arbeitet jemand häufig noch abends zu Hause, so wird er auch zwangsläufig immer wieder Privates während der Arbeitszeit erledigen: Einfach, weil es anders zeitlich nicht mehr ginge. Die Gefahr ist dann, dass das Private den Überhang einnimmt, ohne das der Betroffene es merkt. Selbstkritik und Bescheidenheit sind also nötig als Bremse vor Überheblichkeit und ihre mögliche Folgen. Darauf zu achten nicht so einfach, als man meinen könnte.

Informatik-Studenten sind, meine ich, gut beraten sehr früh darüber Gedanken zu machen, wie Verantwortung verpflichtet. Nach dem Studium werden die meisten von ihnen sehr schnell eine große berufliche Verantwortung tragen und dadurch den Genuss und die Belastung, die damit einhergeht, kennen lernen. Es ist besser, wenn sie sich dann nicht so unreif zeigen wie derzeit der Bundespräsident.

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Strafanzeige gegen VisionBill, DPSOF und Softcom Ltd

Mittwoch, Dezember 7th, 2011

Vor einem Jahr habe ich im Artikel „Was wird denn mit Studenten besprochen?“ darüber berichtet, wie ich eine Rechnung des Inkasso-Unternehmen VisionBill, das sich auch VisionCommunication und VisionCom nennt, für eine Anmeldung zum Telefonsex, die ich angeblich während einer Besprechung mit Studenten getätigt hatte.  Bemerkenswert war, dass die Handy-Nummer, aus dem die Bestellung angeblich stattgefunden hatte, mir nie gehört hatte. Statt die Anforderung zu ignorieren, wozu einige Bekannte mich geraten hatten, antwortete ich in einem Einschreiben sowie in einem Einschreiben mit Antwortschein. Ich wollte die offensichtliche Telefon-Abzocke, wovon nicht wenige Bürger Opfer sind, untätig an mich vorbei gehen lassen.

Meine Schreiben kümmerten das Inkasso-Unternehmen VisionBill natürlich nicht. Es antworte darauf nicht und, wie bei solchen Abzocke üblich, die Rechnungen nach und nach erhöhte. Ich ging also zu nächsten Polizei-Wache, um Strafanzeige gegen den Betrugsversuch zu erstatten. Die Polizistin, die mich empfing, wollte partout mich klar machen, dass eine Strafanzeige gegen einen nicht gelungenen Betrugsversuch unzulässig sei. Ich antwortete ihr, dass ich mich bei einem Rechtsanwalt erkundigt hatte, und dass meine Strafanzeige sehr wohl anzunehmen war. Die Frage, ob auch ein nicht gelungenen Banküberfall ebenfalls aus ihrer Sicht kein Anlass zu einer Strafanzeige bietet, sowie meine Bewunderung über den offensichtlich mangelhaften Rechtssinn einer Polizistin behielt ich diplomatisch für mich. Widerwillig bat die Polizistin mich in einem luftigen und kalten Gang zu warten. Nach zwei Stunden fragte sie, ob ich immer noch bei meiner Absicht geblieben war, Strafanzeige zu erstatten. Das bejahte ich, und sie ging langsam und widerwillig an ihre Arbeit, die sie ständig mit Gespräche mit Kollegen unterbrach. Das Vernehmungsprotokoll musste zwei Mal korrigiert werden. So ist es, dachte ich, wenn man seine Arbeit widerwillig erledigt. Nach meiner Strafanzeige bekam ich keine Rechnungen mehr von der VisionBill.

Nach zehn Monaten erhielt ich einen Beschied der Staatsanwaltschaft Kleve. Sie hatte das Ermittlungsverfahren mit dem Grund eingestellt, dass nichts zu tun war, wenn jemand sich am Telefon für mich ausgegeben hat und meine Handy-Nummer dem Telefondienst-Anbieter angegeben hatte. Der Bescheid war zudem so spät verschickt worden, dass bei seinem Erhalt die Frist für einen Einspruch gegen den Bescheid abgelaufen war.

Ich erhob Einspruch bei der Generalstaatsanwaltschaft in Düsseldorf gegen die amateurhaft begründete Verfahrenseinstellung: Persönliche Daten und Telefonnummer von Telefondienst-Kunden werden nicht mündlich übertragen, sondern elektronisch bei den Telefongesellschaften angefragt. Zudem die in der Rechnung angegebene Dauer des Gespräches hätte die Zeit nicht ausgereicht, um Namen, Anschrift und Telefonnummer mündlich mitzuteilen – insbesondere nicht bei einem Kunden, der mit einem Fremden Akzent spricht und einen Fremden Namen hat. In meinem Schreiben monierte ich die Zusendung nach Ablauf der Einspruchsfrist gar nicht, sondern stellte einfach fest, wenn ein Bescheid nach der Einspruchsfrist zugesandt wird, dann gilt gar keine Einspruchsfrist.

Damit wurde endlich ermittelt. Die Polizei fand auf den Computer des Inkasso-Unternehmens unter der Handy-Nummer, die auf der Rechnung stand, einen ganz anderen Namen und eine ganz andere Adresse als meine: Den Namen und die Adresse einer nicht existierenden Person! Ich wurde als Zeuge zu einer Münchner Polizei-Stelle geladen. Dort erfuhr ich von einem Kriminaloberkommissar, der darüber sehr erfreut war, dass in einem solchen Fall „die Justiz“ tätig war, dass die Staatsanwaltschaft Kleve schon entschieden hatte, dass kein Datenschutz-Verstoß zu fürchten war. Ich erfuhr auch, welche Unternehmen neben der VisionBill hinter der Abzocke stehen:  Die DPSOF und die Softcom Ltd aus Malta. Ich ergänzte also meine Strafanzeige des Vorjahres um eine Strafanzeige gegen die VisionBill, die DPSOF und die Softcom Ltd, weil sie ohne meine Zustimmung Daten über mich auf ihre Computer gehalten hatten.

Ich bin zuversichtlich, dass mit dem nötigen Druck die Staatsanwaltschaft Kleve ihre Arbeit erledigen wird. Außerdem hat neulich die Bundesjustizministerin die Absicht angekündigt, gegen die Telefon-Anzocke vorzugehen.

Warum kümmere ich mich um eine Telefon-Abzocke, die ich einfach ignorieren könnte? Aus ethischen Gründen: Wenn diejenigen, die etwas bewegen können, sich nicht einsetzen, dann leiden andere, die sich nicht wehren können.

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Eine unselige französische Hochschultradition

Dienstag, Dezember 6th, 2011

Im Artikel „Bizarr-barbarisches Ritual – Das Bizutage: eine unselige französische Tradition“ berichtet Marc Zitzmann in einer aus meiner Sicht sehr angemessenen Weise über einen Brauch, der neulich viel von sich sprechen lässt und kein gutes Licht auf die Elite-Hochschulen des Nachbarlandes wirft.

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Die eine arbeitet sich tod, die andere meldet sich krank

Dienstag, Dezember 6th, 2011

Viele haben es schon am Arbeitsplatz erlebt: Die eine arbeitet sich tod, die andere meldet sich krank.

So ist es auch in meiner beruflichen Umgebung: bei der Herren-Toilette nahe der E-Flügel im Universitätsgebäude in der Oettingenstraße 67, München. Die eine Toilette, wofür ich schon eine Trauerrede in diesem Blog veröffentlicht habe und aus ihrer Asche auferstanden ist, arbeitet weiterhin fleißig – so gut es geht. Die andere aber, die bisher munter alles schlucken konnte, hat sich – schon seit einer Woche! – krank gemeldet. Als ob die eine der anderen das Wasser nicht reichen könnte…

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Gefahren fremdfinanzierter Professuren

Mittwoch, September 21st, 2011

In Zeiten knapper Kassen sind fremdfinanzierte Professuren für eine Hochschule verlockend. Unproblematisch sind sie aber nicht immer.

Private Stiftungen, öffentliche Förderprogramme, Forschungseinrichtungen und Unternehmen finanzieren gelegentlich Professuren. Damit ist immer eine Erwartung verbunden, die die Hochschule gründlich überprüfen sollte, bevor sie die Fremdfinanzierung annimmt.

Die Erwartung von privaten Stiftungen oder öffentlichen Förderprogrammen ist meist, dass nach einer Anfangsfinanzierung – typischerweise für fünf Jahre – der Professur durch die Stiftung oder das Förderprogramm die Hochschule aus eigenen Mitteln die Professur dauerhaft unterhält. Da aber die Hochschule – in Deutschland und Europa – finanziell nicht selbständig sind, sondern von lang- und kurzfristigen Entscheidungen der Regierungen abhängig sind, können sie kaum planen. Anfangsfinanzierungen führen folglich zu hochschulinternen Mittelumschichtungen, die nicht unbedingt sinnvoll sind. So derzeit an einigen Hochschulen, die von Exzellenzinitiative beglückt worden sind.

Forschungseinrichtungen wie etwa die Fraunhofer Gesellschaft finanzieren gelegentlich Professuren an Hochschulen mit dem Zeil, dass ein ihrer Mitarbeiter berufen wird und in Zukunft neben seiner Tätigkeit an der Hochschule weiterhin an der Forschungseinrichtung tätig bleibt. Die Erwartungen sind meist sowohl persönlicher wie nicht-persönlicher Art. Für einen Abteilungsleiter einer Forschungseinrichtung stellt die Berufung auf eine Professur eine Beförderung. Der Professorentitel mag auch das Ego schmeicheln. Vor allem lindert die Professur vom oft den hohen Erfolgszwang vor allem beim Drittmittelerwerb: Wer zum Professor berufen wurde genießt mehr Ansehen und kann leichter gehen. So die persönliche Vorteile. Auch für die Forschungseinrichtung ist die Berufung einer seiner Abteilungsleiter auf eine Professur nicht ohne Vorteile. Die Professur schafft den Kontakt zu Studenten und somit zum Nachwuchs, vermittelt Ansehen und Kontakten und somit erleichtert den Erwerb von Drittmitteln. Für die Hochschule kann sich eine solche fremdfinanzierte Professur als sehr problematisch erweisen, falls de facto wenn nicht de jure die Forschungseinrichtung die zu berufenden Person im Voraus bestimmt. Ein Ethikverstoß oder zumindest eine Aufgabe der Selbständigkeit ist in solchen Fällen schwer zu vermeiden. Eine Hochschule ist also gut beraten, sich auf keine fremdfinanzierte Professur einzulassen, wenn der Fremdfinanzierer eine bestimmte Besetzung der Professur erwartet.

Gelegentlich finanzieren auch Unternehmen Professuren „im Pack“, wobei ein ganzes Institut mit mehreren Professuren und Wissenschaftlerstellen werden finanziert, oder als „Einzelstück“. Bisher habe ich wenig Einblick in solchen Fremdfinanzierungen von Professurem gehabt. Es ist davon auszugehen, dass sie für eine Hochschule mit den selben Gefahren verbunden sind wie Fremdfinanzierungen von Professuren durch öffentliche Forschungseinrichtungen.

Was tun? Die Ablehnung von fremdfinanzierten Professuren wegen den Gefahren, die damit verbunden sind, wäre naiv und unangebracht. Gefahren gehören gesehen und gemieden, was durchaus möglich ist, wenn die Hochschulen – und ihre Berufungskommissionen – ethisch und sachlich handeln. Wo denn sonst darf man ein solches Verhalten erwarten wenn nicht an Hochschulen?

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Drei mögliche Ethikverstöße zum Nachdenken

Donnerstag, September 15th, 2011

Neulich hat ein Student in einem Forum erwähnt, dass ein von Studenten gekränkter Professor sich später durch eine besonders schwere Prüfung rächen würde. Das ist ein guter Anlass, ein bisschen über Ethikverstöße nachzudenken, die begangen werden können.

Es ist gut, sich zunächst daran zu erinnern, worum es mit der Ethik eigentlich geht – und nicht geht. Ein Imperativ der Vernunft ist nicht notwendigerweise ein Imperativ der Ethik und ein Imperativ der Ethik ist nicht notwendigerweise ein Imperativ des Gesetzes. Manche Handlungen können sogar ethisch geboten aber – auch einem Rechtsstaat – gesetzwidrig sein. So zumindest meine Überzeugung.

Zur Professorenrache. Ein Professor, der aus Rache Studenten in einer Prüfung durchfallen ließe, würde einen schweren Ethikverstoß begehen. So etwas, wenn es vorkommt, gehört offen gelegt und aufgeklärt. Die Untersuchung eines solchen Ethikverstoßes musste unter anderem klären, ob ebenfalls ein Rechtsverstoß vorliegt. Sie müsste auch die Wiedererstellung von von Vernunft geprägten Beziehungen zwischen Studenten und Dozenten erzielen. Es ist nämlich für Professoren ein Imperativ der Vernunft, sich nicht all zu schnell als von Studenten gekränkt zu fühlen und über Kränkungen von Studenten schnell hinweg zu sehen.

Zum Forum-Eintrag. Liegt keinen konkreten Grund vor, von einem bestimmten Professor oder von einer Gruppe von Professoren zu fürchten, dass sie aus Rache Studenten in Prüfungen durchfallen lassen, so ist es ein Ethikverstoß, ein solches Verhalten als durchaus möglich oder gar wahrscheinlich öffentlich zu schildern.Es ist allerdings ein imperativ der Vernunft, einen solchen Ethikverstoß nicht zu überbewerten.

Zu möglichen Folgen des Forum-Eintrags. Ein Eintrag in einem Forum mag lange im Web sichtbar bleiben und irgend wann von Personen gefunden werden, die sich – etwa wegen einer möglichen Einstellung –  eine Meinung über den Autor des Eintrags bilden möchten. Die Identität des Autors mag irgend wann bekannt werden: Verfahren dazu werden zweifelsohne nach und nach entwickelt werden. Einen solchen Eintrag zu Ungunsten seines Autors zu verwenden wäre aus meiner Sicht ein Ethikverstoß. Der Eintrag wurde ja im Mitten einer schwierigen Prüfung veröffentlicht, was jedem Leser ersichtlich ist. Ein solcher Forum-Eintrag ist folglich genauso Stress- und Adrenalin-geladen wie die Aussage eines Sportlers nach einem schwierigen Wettbewerb. Nicht nur die Ethik verbietet, einen solchen Forum-Eintrag wie einen Bewerbungsbrief zu bewerten, sondern auch die Vernunft. Darüber aber schweigt vermutlich noch das Gesetz.

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Stellenbesetzung und Ethik

Dienstag, Juli 19th, 2011

Gestern nahm ich von 8:00 Uhr bis 18:15 Uhr beinahe ununterbrochen an einer Sitzung einer Berufungskommission. Während der Mittagspause besprach ich die Kandidatenauswahl mit Kollegen und bearbeitete ich einen Teil meiner täglichen E-Mail. Den Rest meiner täglichen Post erledigte ich vor und nach der Sitzung. Der sehr lange Arbeitstag war zum Glück angenehm, weil die Berufungsvorträge interessant waren.

In meiner E-Mail fand ich gestern die Aufforderung des Bayerischen Staatsministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst, bei einem Berufungsverfahren jeden behinderten Kandidat zu einem Berufungsvortrag einzuladen, um einen möglichen teuren Prozess zu vermeiden.

So fragte ich mich, wie es gewesen wäre, wenn gestern unter den Vortragenden einen behinderten Bewerber gewesen wäre, der nicht seiner Kompetenz wegen, sondern nur wegen der Aufforderung des Ministeriums zum Vortrag eingeladen worden wäre. Belastend und menschenunwürdig, war meine Antwort. Ein unzureichend kompetenter Bewerber würde einen für alle Anwesenden peinlichen Vortrag halten. Der Vorsitzender der Berufungskommission würde aus Höflichkeitsgründen ein paar nette Fragen stellen. Er müsste aber auch schwierigere Fragen stellen, um die Inkompetenz des Bewerbers – möglichst im öffentlichen Teil des Treffens – offen zu legen, damit der Bewerber nicht – wie vom Ministerium gefürchtet –  versucht sei, gegen seine Ablehnung trotz Einladung zu einem Berufungsvortrag zu klagen und damit, wenn er doch klagt, die Klage wenig Erfolgsaussichten hat. Für den Bewerber wäre es erniedrigend.

Das Arbeitsrecht verpflichtet dazu, besonders sorgfältig mit Bewerbern umzugehen, die behindert sind. Das heißt, dass bei solchen Bewerbern gründlich zu überprüfen ist, ob sie zum Berufungsvortrag (oder zum Einstellunggespräch) einzuladen sind und ob ihre Bewerbungen abzulehnen sind. Eine Verpflichtung, mit behinderten Bewerbern so zu tun, als ob sie qualifiziert wären, wenn sie es eindeutig nicht sind, entsteht meines Wissens aus dem Arbeitsrecht nicht.  Ein solches Verhalten wäre zudem ethisch sehr bedenklich.

An Recht und Ethik muss man sich auch dann halten, wenn es zu einem Prozess führen mag. Jemanden unwürdig zu behandeln, um der Gefahr eines Prozesses nicht ausgesetzt zu werden, ist völlig unpassend.

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Wo Vertrauen gesät wird…

Mittwoch, Juni 1st, 2011

Neulich hat die Leitung meiner Universität neue Regeln für die Besetzung von Berufungskommissionen erlassen, also wie die Gremien in Zukunft besetzt werden sollen, die Kandidaten für die Besetzung von Professuren auswählen.

Die Berufungskommissionen sollen in Zukunft mit mindestens zwei Professorinnen und, wenn es sich um eine Neubesetzung handelt, mit keinem wissenschaftlichen Mitarbeiter aus der Arbeitsgruppe des ausgeschiedenen Professors. Nach wie vor gelten Junior-Proferssoren nicht als Professor, wenn es um die Teilnahme an einer Berufungskommission geht.

Was damit die Universitätsleitung erzielt ist leicht erkennbar, obwohl es nicht mitgeteilt wurde. Frauen sollen mehr Einfluss in Berufungskommissionen haben, damit mehr Frauen als Professorinnen berufen werden. Ein Einfluss eines ausgeschiedenen Professors über seine höchstwahrscheinlich von ihm geprägten frühreren  Mitarbeiter, die nach seinem Weggang an der Universität geblieben sind, soll verhindert werden.

Als er von der neuen Regelung erfuhr, sagte ein in seinem Fach weltweit bekannter Professor: „So baut man keine Eliteuniversität auf!“ In der Tat sind die meisten Wissenschaftler der Universität empört über die Regelung. Wieso denn? Ist denn das Ziel nicht erstrebenswert, endlich mehr Frauen unter den Professoren zu haben? Ist es nicht wünschenswert, Professuren neu besetzen zu können, ohne von einer Last der Vergangenheit erdrückt zu sein?

Die Empörung betrifft nicht die Ziele, sondern erstens die Naivität der Regelung, und zweitens das Mistrauen, von dem der Erlass der Regelung ohne Absprache mit den Wissenschaftlern zeugt.

Die Reglung ist naiv, weil damit die wenigen Professorinnen immer wieder viel Zeit in Berufungskommissionen werden verbringen müssen. In der Informatik gibt es bei uns unter einem Dutzend Professoren nur eine einzige Professorin. Sie wird wohl allen Berufungskommissionen angehören müssen und dadurch in ihrer Lehre und Forschung mehr als ein männlicher Professor beeinträchtigt sein. In allen Fakultäten wird es ähnlich sein. Der Ausschluss der wissenschaftlichen Mitarbeiter aus der Berufungskommission zur Wiederbesetzung des Lehrstuhls, dem sie angehören, bedeutet, dass zum einen in vielen Fällen ein wichtiges Fachwissen der Berufungskommission fehlen wird, zum anderen die berufliche Zukunft dieser Nachwuchswissenschaftlern unsicher ist. Die Regelung bedeutet einfach: Geht ein Professor, so sollen auch seine Mitarbeiter gehen und nicht hoffen, an der selben Universität ihre Karriere weiter aufbauen zu können.

Eine solche Regelung ohne Absprache zu erlassen anstatt für Ziele zu werben, zeugt von einem bemerkenswerten Misstrauen dem eigenen Personal gegenüber. Wer Misstrauen sät, erntet Misstrauen. Bedauerlicherweise ist es schon weit gediehen: „Kaum jemand wird die Regelung kritisieren, weil dies einem angerechnet werden könnte“, meinte ein weiterer Professor.

Wer im Gegenteil Vertrauen sät und Ziele vorschlägt, deren Umsetzung nach den lokalen Gegebenheiten angepasst werden kann und darf, erntet Vertrauen und macht es möglich, Berge zu versetzen. Dieser öffentliche Meinungsäußerung ist ein Beitrag zum dringend notwendigen Vertrauensaufbau.

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Vertrauen und Hoffnung

Dienstag, März 29th, 2011

Eine der stärkste Kräfte, die Gesellschaften zusammen halten, sind das Vertrauen und die Hoffnung, dass das Vertrauen nicht falsch gesetzt wurde.  Ein neulich erschienener Kurzartikel „Amid Shortages, a Surplus of Hope“ des großen japanischen Schriftstellers Murakami Ryu.

Ist dieses Verhalten, welche uns bei anderen immer wieder unverständlich erscheint, obwohl jeder von uns genauso handelt, annehmbar? Ich meine ja. Es ist sogar Ausdruck dessen, was eine Gesellschaft ist: Eine nicht nur passiv akzeptierte, sondern auch aktiv angenommene Schicksalsgemeinschaft.

Selbstverständlich bedeutet eine solche Sichtweise keinen Verzicht auf die eigene Verantwortung, kein sich hinter anderen stellen: Wie Murakami Ryu am Ende seines Artikel schreibt, bleibt auch dann die Hoffnung erhalten, wenn das Vertrauen in den Verantwortlichen erschüttert ist. Diese Hoffnung, wenn es anscheinend keinen Grund dafür mehr gibt, ist was die Erneuerung einer Gesellschaft ermöglicht – und sie lebensfähig macht.

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Ein Schweigegesetz brechen

Donnerstag, März 24th, 2011

Über Notfälle sprechen tut man nur dann, wenn man dafür zuständig ist. So ein unausgesprochener gesellschaftlicher Konsens, der selten gebrochen wird. Niemand möchte sich nämlich anmaßen, seine Kompetenzen zu überschreiten oder sich der Kritik aussetzen, Angst zu verbreiten. Es herrscht also eine Art Schweigegesetz, was mögliche Notfälle angeht.

So kommt es in unserer hoch-technologisierte Welt, in unserer immer komplexeren Umgebung zu Katastrophen – ein Großteil der Atomkatastrophe von Fukushima ist auf dieses Schweigegesetz zurückzuführen.

Das Schweigen über mögliche Notfälle widerspricht völlig das Berufsethos eines Wissenschaftlers und eines Hochschullehrers. Konsequenzen systematisch zu überlegen, mögliche Fortschritte  bekannt zu machen und eine solche Einstellung zu verbreiten sind in der Tat Grundwerte wissenschaftlicher Arbeit.

Sprechen wir also über Notfälle.

Erstens ist heute dank der Informatik vieles möglich, was vor noch einem Jahrzehnt kaum denkbar gewesen wäre. Darüber habe ich neulich im Artikel „Emergency Management“ berichtet. Es ist davon auszugehen, dass eine – positive – Folge der Fukushima-Katastrophe die Verstärkung der Forschung auf diesem Gebiet sein wird. Je früher werden Förderprogrammen dazu gestartet desto besser.

Zweitens sind große Organisationen, insbesondere öffentliche, extrem träge, wenn es um Notfälle geht. Ihnen scheint sowohl das Vorbeugen von Notfällen  wie die Reaktion nach Notfällen sehr schwer zu fallen. Seit nun zwei Wochen beobachtet die Welt, wie hilflos die japanische Regierung wirkt. An meiner Universität scheint es kaum möglich zu sein, einen Mindestmaß an Vorbeugung einzuleiten. Die Gründe sind die selben in der japanischen Regierung und an meiner Universität: Kein Politiker macht sich durch das Brechen des oben erwähnten Schweigegesetzes beliebt, folglich mach sich auch kein Beamter bei seinen Vorgesetzten beliebt, der selbst dieses Schweigegesetz bricht. Zwei Beispiele – unter vielen – zeigen, wie bedenklich die Lage an einer Hochschule sein kann:

  • In 17 Jahren an einer Universität bin ich kein einziges Mal über Notmaßnahmen im Brandfall unterrichtet worden. Dabei halte ich immer wieder Vorlesungen vor ein paar hundert Studenten in Hörsäle mit mir und zweifelsohne meinen Studenten auch völlig unbekannten Notwege.
  • Seit einem Jahr ist das Gebäude, wo meine Mitarbeiter und ich lehren und forschen, eine Baustelle mit immer wieder für Studenten und Personal zugänglichen ungesicherten Stellen. Von der städtischen Verwaltung habe ich sogar erfahren, dass sich die Münchner Feuerwehr darüber beklagt hat, wegen der Baustelle einen unzureichenden Zugang zum Gebäude zu haben. Diese Klage blieb deswegen ohne Folgen, sagte man mir, weil die Universität nicht der Stadt sondern dem Staat unterstellt ist.

Das Brechen des Schweigegesetzes über Notfälle ist notwendig. In unserer hoch-komplizierten hoch-technologisierten Welt kann niemand – darf niemand! – sich darauf verlassen, dass die zuständigen Behörden oder Unternehmen alles rechtzeitig merken und immer das richtige tun. Die Technik entwickelt sich dafür zu schnell, die Interesse sind zu vielseitig, die Kostenfrage droht immer, das Nötige überflüssig erscheinen zu lassen. Fukushima ist wegen der atomaren Gefahr besonders tragisch. Was dazu geführt hat, muss aber überall aufgedeckt werden – auch dort, wo die Gefahr geringer ist.

Das Brechen des Schweigegesetzes über Notfälle ist nicht nur eine Frage des Menschenverstands sondern auch der Ethik. Tun es diejenigen nicht, die etwas bedenkliches beobachten oder über das nötige Wissen verfügen,  so handeln sie unethisch. Besonders Wissenschaftler stehen diesbezüglich in einer großen Pflicht. Sind sie Hochschullehrer, so stehen sie auch in der Pflicht, das Brechen des Schweigegesetzes über Notfälle ihren Studenten zu vermitteln.

FB

Was wird denn mit Studenten besprochen?

Mittwoch, Oktober 20th, 2010

Ich erhalte heute  eine Rechnung in Höhe von 72 Euro für eine „telefonische Bestellung von Chat-Diensten“ vor einem Jahr. Mich wundert die Rechnung: Was mag ich wohl vor so langer Zeit bestellt haben? „Chat“ erinnert mich nur an die Verwendung des IRC (Internet Relay Chat) vom W3C für Besprechungen mit Kollegen aus verschiedenen Länder. Der Zugang ging aber immer über das Internet je nach Uhrzeit vom Büro an der Universität oder von Zu Hause: Ein Drittanbieter, zudem ein Deutscher, war nie involviert.

Was habe ich denn zum Zeitpunkt der angeblichen telefonischen Bestellung getan, die in der Rechnung mit Tag und Uhrzeit angegeben ist? Ich werfe einen Blick in meinem Kalendar: Zu diesem Zeitpunkt fand die erste Besprechung der Abschlussarbeit eines Students. An der Besprechung erinnere ich mich sehr gut, weil mir der mitbetreunde Doktorand und der Student eine sehr vielversprechende Idee vorgestellt haben, die sich später als erfolgreich erwiesen hat.

Ich google nach dem Namen des Unternehmens, Vision Communication GmbH, das mir die Rechnung gestellt hat und finde mehrere Berichte über Abzocke:  „Chat-Dienste“ ist als Sex-Telefon zu verstehen; viele Empfänger solcher Rechnungen zahlen, weil sie sich schämmen, als Nutzer von Telefon-Sex gebrandmarkt zu werden.

Ich prüfe die Rechnung weiter und stelle fest, dass die Mobil-Telefonnummer, aus der ich angeblich „Chat-Dienste“ bestellt habe, mir unbekannt ist. Sie befindet sich auch nirgandwo in meinem Adressbuch.

Ich verfasse eine Anforderung an das Unternehmen, welche mir die Rechnung geschickt hat, innerhalb von zwei Wochen mir schriftlich zu bestätigen, dass es keine Forderungen mir gegenüber hat. Ich warne, dass ich eine Strafanzeige wegen Betrug erstatten werde, sollte ich diese Bestätigung nicht fristgemäß erhalten oder durch weitere Forderungen belästigt werden. Auf dem Weg zu meiner Vorlesung werde ich den Brief sowolh als Einschreiben wie auch als Einschreiben mit Antwortschein schicken – ein Antwortschein zu erhalten wäre gut aber möglicherweise wird niemand mein Schreiben in Empfang nehmen.

Warum gebe ich mir so viel Mühe, wenn ich einfach die Rechnung ignorieren könnte? Weil es viele Menschen gibt, die sich weniger gut wehren können als wir, Akademiker. Und warum berichte ich hier über dieses Erlebnis? Weil es um die Ethik geht.

FB

„Es geht um die Menschen!“

Sonntag, Juni 27th, 2010

In den letzten Wochen habe ich immer wieder von Mitarbeitern, Kollegen, Studenten und Freunde eine ähnliche Erklärung für ihr Handeln erhalten: „Es geht um die Menschen!“ wie einer von ihnen sich ausdrückte.

Die Mitglieder der Gruppe, in der ich arbeite, engagieren sich sehr viel für die Lehre, für die Betreuung von Studienarbeite. Nicht selten verbringen sie viel Zeit mit Studenten, die Probleme haben – oder sogar Probleme machen! Eigentlich ist dieses Engagement schwer zu verstehen und vielleicht nach den Maßstäben ihres Berufes und ihres Arbeitgebers kontraproduktiv: Damit lassen sich ihre Leistungen in der Lehre und in der Forschung nicht verbessern – zumindest bei den geltenden Maßstäben.

Ein Kollege arbeitet seit nun Jahren daran, die Bologna-Reform – die an unserer Universität bisher ziemlich problematisch umgesetzt wurde – zu verbessern. Karriere wird er damit nicht machen. Anerkennung dafür wird er wohl kaum erhalten. „Jemand muss sich darum kümmern,“ sagte er mir einmal, „wir können die Studenten nicht im Stich lassen.

Ein ähnliches Engagement beobachte ich auch bei Studenten. So sagte mir neulich ein Student, der dank eines bescheidenen Familienwohlstandes viel berufliche Erfahrung gesammelt hat, dass er Stellenangebote in London, in Kalifornien und in München hat. Auf meine Frage, was er denn vorziehe, antwortete er, dass für ihn nur München in Frage kommt. Als ich mich wunderte, erklärte er ir zögerlich, dass er in München einen behinderten Verwandten mitbetreuen möchte.

Vor wenigen Tagen teilte mir ein Schulfreund mit, der Spitzenbeamter ist, dass er sich in die Leitung der Justizvollzugsanstalten seines Landes versetzen lassen hat. Der Versetzungantrag wurde schnell bewilligt, weil niemand hin will. Er aber wollte diese Versetzung, weil die Lage dort – für die Menschen – besonders schlimm ist.

Es geht im die Menschen!“ Ein schöner Grundsatz, um seine Karriere zu gestalten. Ich fühle mich sehr glücklich, von Menschen umgeben zu sein, die einem solchen Grundsatz  folgen!

FB

Unbeantwortete Gewissensfrage

Donnerstag, Februar 11th, 2010

Seit nun zwei Jahre beschäftigt mich eine unbeantwortete Gewissensfrage.

In der Vergangenheit habe ich immer wieder der Hausverwaltung der Universität darauf aufmerksam gemacht, dass einige Toiletten immer wieder sehr schmutzig sind und offenbar nicht ihrer Nutzung entsprechend häufig genug gereinigt werden. Die Hausverwaltung hat in einigen Fälle festgestellt, dass manche Toiletten nicht so häufig sauber gemacht wurden wie es sein sollte.

Zuerst kam zu mir ein leitender Angestellter der Reinigungfirma, um mir zu erklären, dass zu den mit der Universität vereinbarten Preise die vereinbarte Arbeit nicht geleistet werden kann. Die Universität vergibt die Reinigung ihrer Gebäude Unternehmen der freien Wirtschaft. Den Vorschriften für öffentlichen Einrichtungen folgend muss die Universität das billigste Angebot annehmen. In einem Fall teilte mir ein enttäuschte leitender Angestellter einer Reinigungfirma unserer Universität, die überboten wurde und folglich den Auftrag verlor, dass seiner Meinung nach die Arbeit zum neuen Preis gar nicht  durchzuführen sei.

Vor drei Jahren teilte mir die Person mit, die mein Arbeitzimmer seit einigen Jahren sauber gemacht hatte: „Mein Chef sagte mir, wenn Sie sich über die Reinigung der Toiletten wieder einmal beklagen, dann verliere ich meine Stelle.“ Dies war ein sehr kluger Zug von diesem Chef: Ein reines – wenn man es so nennen kann – Verwaltungproblem wurde für mich zu eine schwierige Gewissensfrage: Die Gefahr, jemanden in die Arbeitslosigkeit zu schicken, führte dazu, dass ich mich nicht mehr über Toiletten beklagte, die nach wie vor immer wieder sehr schmutzig sind. Die betroffene Person arbeitet  seit mehr als zwei Jahren nicht länger in Gebäude, wo sich mein Büro befindet. So wage ich, meine Geissensfrage zu offenbaren.

Ist denn Ethik in der Wissenschaft und in der Lehre, die wir Dozenten einzuhalten und zu ermitteln verpflichtet sind, von der Ethik im Allgemeinen zu trennen?

Sollten denn für eine Ausbildungsstätte nicht höhere ethische Maßstäben als zum Beispiel für eine Behörde gelten?

Würde die Reinigungarbeit nach China auswandern, wenn in dieser Branche Gehälter bezahlt werden würden, die keiner Aufstockung mit Sozialhilfe bedürfen würden?

FB