Posts Tagged ‘Bildungspolitik’

Hochschulpolitische Veränderungen in Groß-Britannien

Freitag, Juni 10th, 2016

Die Britische Regierung hat gerade ein Programm zur Veränderung der Hochschullandschaft in Groß-Britannien dem Parlament vorgestellt und veröffentlicht: „Success in a Knowledge Economy: Teaching Excellence, Social Mobility & Student Choice„.

Die Eckpunkte des langen und diskursiven Berichtes sind meiner Meinung nach wie folgt:

  1. Öffnung der Hochschullandschaft zu neuen Akteuren: „We will make it easier for new high quality challenger institutions to enter the market and award their own degrees.“ (Foreword, page 6)
  2. Bessere Information der (ankommenden) Studierenden über die Studienmöglichkeiten: „We need to address the lack of clear information available to university applicants and the variation in quality and outcomes experienced by some students.“ (Foreword, page 5)

Im Bericht ist es auch davon die Rede, die Forschung durch eine Umorganisation der Forschungsförderung zu stärken. In den angekündigten Maßnahmen erkenne aber nichts anderes als bürokratische Umstrukturierungen und Machtverschiebungen zwischen Behörden. Es lohnt sich also vermutlich nicht, diese Maßnahmen allzu ernst zu nehmen.

Die  angekündigte Öffnung der Hochschullandschaft wird nicht zufällig  mit einem Vokabular aus der Wirtschaft angekündigt: Wie der Minister im Vorwort schreibt, es geht um die Öffnung eines Marktes für neue Wettbewerber. Diese Entwicklung soll nicht überraschen: Die öffentlichen Hochschulen von Europa sind seit Jahrzehnten von hohen Studierendenzahlen, einem dramatischen Ressourcenmangel, eine erschütternde Ideenlosigkeit, und einer ineffizienten Verwaltung geplagt. In den USA sind neue Lerhrformen entstanden –  Stichwort „MOOCs“ – und weitere werden entwickelt und erprobt, eine Entwicklung, die Geld kostet und nun Absatz liefern soll. Dieser Druck entlädt sich zuerst ganz natürlich zuerst auf das große Englisch-sprechende Land.

Das Ziel, ankommende Studierenden besser über die Lehrangebote zu informieren ist gut. Die Britische Regierung will dafür eine neue Behörde schaffen: ein „Office for Student“. Das halte ich für ungut. Viel vernünftiger wäre es, jede Hochschule per Gesetz dazu zu verpflichten, brauchbaren Statistiken in einem festgelegten einfachen Format zu veröffentlichen – über Lehr- und Verwaltungspersonal, über die Studierenden Zahlen, über die zur Verfügung stehenden Infrastruktur wie Flächen,  über den Anteil der Studienabbrecher, über die Studiendauer, usw. Und all dies für die gesamte Hochschule, für jede Fakultät und für jeden Studiengang. Werden einmal solche Zahlen flächendeckend veröffentlicht, dann kann, wer es will, seinen eigenen Überblick nach eigenen Kriterien erstellen – u.a. frei von politischen Interesse.

Hoffentlich kommt es den EU-Verantwortlichen in den Sinn, eine solche Offenlegung zu verlangen. Das wäre gleichermaßen ein Beitrag zum Verbraucherschutz, zur europäischen Integration und zur Verbesserung der Qualität der Lehre.

Die Gesetzesnovellen aus Groß-Britannien, die mit dem Bericht „Success in a Knowledge Economy“ angekündigt werden,  werden nach und nach auf Europa wirken. Früher oder später wird jede europäische Regierung ebenfalls neue wirtschaftliche Wettbewerber in der Hochschulbildung zulassen. Dafür sprechen viele Argumente: Die hohe Kosten der Hochschulen, die Ineffizienz der öffentlichen Hochschulen, der steigende Anzahl an Studierenden, und die erschütternde partei-übergreifende Ideenlosigkeit, was die Bildungspolitik angeht.

FB

Blick nach Saumur, um Hamburg zu verstehen

Donnerstag, Juli 22nd, 2010

Das Hamburger Volksbegehren über das längere gemeinsam Lernen lehrt viel über die Irrwege der Bildungspolitik. Kann eine Reform, die alle Parteien von den Linken über die SPD und die Grünen bis hin zur CDU unterstützen, so schlecht sein? Haben die Reformgegner, meist Akademiker und Nutznießer des Bildungssystems, gute Argumente gegen eine Schule, die Kinder aller sozialen Schichten länger gemeinsam halten soll?

Ja, sie haben gute Argumente: Der Blick über den Rhein nach Frankreich überzeugt davon. In Frankreich gibt es seit Ende der 60er Jahren des 20. Jahrhunderts eine solche gemeinsame Schule. Das länger gemeinsam Lernen wurde sogar in den letzten Jahrzehnten weiter ausgedehnt, dafür die Gymnasialzeit sehr verkürzt. In Frankreich gilt die Schulpflicht in den gemeinsamen Schulen (zuerst in den „écoles primaire, danach in den „collèges“) bis zum 16. Lebensjahr. Wie sieht es dort aus?

Betrachten wir die Stadt Saumur an der Loire. Sie liegt in einer Region, die für ihren Obst- und Gemüseanbau berühmt ist. Die saisonale Feldarbeit zieht nicht-sesshafte Roma und Sinti an, deren Kinder die gemeinsamen Schulen von und um Saumur besuchen – meist zeitweise. Die sozialen Problemen in den Schulen sind gewalltig: Gewaltausbrüche zu unterbinden ist die Hauptsorge der Schulleitungen. Der Schulpflicht wegen verweilen lernunwillige Kinder bis zum 16. Lebenjahr in den Schulen – oft in besonderen dafür, wohlbemarkt inoffiziell eingerichteten Klassen. Was können denn sonst Lehrer mit Jugendlichen tun, die kaum lesen und schreiben können? Für die Förderung der Bildungsbenachteiligten gibt es dort eben weder Ansätze, noch Personal, noch Mittel. Der Ansatz zu Bewätligung der unterschielichen Bildungsniveaux und offenbar -zielen der verschiedenen Bevölkerungsgruppen ist beinahe ausschließlich das lange gemeinsam Lernen.

Eine solche Lage ist in Frankreich keine Ausnahme sondern die Regel. Es ist nicht anders in Arles, Straßburg und in den Vorstädten von Lyon oder Paris. Daraus entsteht eine berufliche und folglich auch soziale Ausgrenzung von Bevölkerungsgruppen wie Roma, Sinti und Menschen nordafrikanischer Herkunft, die in regelmäßigen Gewaltausbrüche mündet. Deswegen brennen zum Beispiel fast jedes Jahr um Weihnachten Autos in den Vortstädten von Straßburg. Deswegen gibt es in Frankreich Gefängnisse, deren Insassen fast ausschließlich zu den oben genannten Gesellschaftsgruppen gehören.

Trotz engagierte Lehrerinen und Lehrer kann in Frankreich von keiner Förderung des bildungsbenachteiligen Nachwuchs die Rede sein. Eine Sonderpädagogik, die diesen Namen verdient, gibt es mangels ausreichend ausgebildeten Personals und Mittels nicht. Aussagekrüftige Statistiken über die Bildung von sozial- und bildungsbenachteiligten Kindern und Jugendlichen gibt es in Frankreich kaum. Die Berücksichtigung der kulturellen Herkunft in den offiziellen Statistiken des egalitären Frankreichs ist Tabu. Wie bequem!

Wieder einmal ein Vertreter des Bildungsbürgertums, der nicht bereit ist zu teilen!“ werden manche Leser über diesen Artikel meinen. Eine solche Kritik, die derzeit oft zu erfahren ist, ist völlig unbegründet. Für die ernsthafte und erfolgversprechende Förderung der Bildungsbenachteiligten bin ich bereit mich einzusetzen – und auch zu zahlen. Das lange gemeinsam Lernen wie in Saumur ist aber keine Förderung sondern eine Verschleierung.

Die Verfechter des abgelehnten hamburger Modells sprechen von Bildungsföderung. Welche Förderung hätten denn die bildungsbenachteiligten Kinder und Jugendliche erhalten sollen? Ist sie denn inhaltlich beschrieben worden? Sind ihre Kosten beziffert worden?

FB

178.571 Bachelors, 19.230 Promotionen oder 15.000 Lehrstuhljahre

Montag, Dezember 14th, 2009

Ein Sprecher des Bayerischen Finanzministeriums teilte heute dem Bayerischen Rundfunk mit, dass das Abenteuer der Bayerischen Landesbank mit dem  Kärntner Bank Hypo Group Alpe Adria (HGAA) Bayern insgesamt 3,75 Milliarden € gekostet hat.

Eine solche Zahl sagt mir wenig, weswegen ich sie auf Größen zurückführe, die mir geläufiger sind. Mit 3,75 Milliarden € kann man die Kosten eines der folgenden Punkten bezahlen:

  • Das (sechssemestrige) Bachelor-Studium von 178.571 Studenten.
    (Ein Studiumjahr kostet dem Staat ca. 7.000 € pro Jahr.)
  • Die (dreijährige, vollzeit bezahlte) Promotion für 19.230 Doktoranden.
    (Bei Drittmittelanträge werden für eine Doktorandenstelle ca. 65.000 € pro Jahr beantragt.)
  • 15.000 Jahren eines mit zwei (vollzeit beschäftigten) wissenschaftlichen Mitarbeitern und einem Professor ausgestatteten Lehrstuhls.
    (Die Gehälter und ein Jahresetat von ca. 20.000 bis 30.000 € für einen solchen Lehrstuhl betragen ca. 250.000 € pro Jahr.)

Mir wird schwindeling… Von der Staatsverwaltung verstehe ich (leider) wenig. Vermutlich deswegen kommt mir in den Sinn, dass die möglichst schnelle Schließung der Bayerischen Landesbank vielleicht der vernünftgiste Beitrag zur Bildungspolitik des Landes wäre.

FB

Finanzierung des Begabten-Stipendiums: Geht die Demontage der Hochschulen weiter?

Montag, November 23rd, 2009

Die Bundesregierung hat ihre Pläne zur Finanzierung des „Begabten-Stipendiums“ angekündigt (siehe zum Beispiel „Staatliches Stipendium – 300 Euro monatlich für begabte Studenten – Koalition einigt sich auf nationales Stipendiensystem – Private Förderer zahlen die Hälfte„, „Koalitionsvertrag – Was verspricht er für Studenten?„; die Süddeutsche Zeitung hat am 20. oder 21.11.2009 ebenfalls darüber berichtet): Die Hälfte sollen die Hochschulen durch das Eintreiben von Spenden selbst bezahlen. Zur Erinnerung: Das Begabten-Stipendium ist eine monatlichen Zahlung von 300 € an die 10% besten Studenten unabhängig vom Einkommen.

Betrachten wir einen kleinen Studiengang mit jährlich 100 Studenten. Pi mal Daumen kann man annehmen, dass die Zahl der Studienabbrecher die Zahl der langsamen Studenten ausgleicht. Für ein vierjähriges Bachelor sind also jährlich 4 x 12 x 10 x 150 € = 72.000 €, für ein darauf aufbauendes zweijähriges Master mit jährlich 30 Studenten jährlich 2 x 12 x 3 x 150 = 10.800 €, insgesamt jährlich 82.800 € pro 100 Studienanfänger an Spenden von der Hochschule einzuwerben.

Für ein Institut wie meines mit drei Hauptstudiengängen und insgesamt jährlich mindestens 400 Studienanfängern ergibt sich einen Spendenbedarf von 4 x 82.800 = 331.200 €, was fünf Stellen von wissenschaftlichen Mitarbeitern (TV-L A 13) entspricht. Für die Germanistik meiner Universität mit schätzungsweise jährlich mindestens 1.500  Studienanfängern beträgt der Spendenbedarf  pi mal Daumen 15 x 82.800 = 1.240.000 €.

Das Eintreiben jahr für jahr von Spenden in Höhe von jährlich 82.800 € für die Informatik ist nicht erreichbar: Höchstens ein zwanzigstel davon, jährlich 4.140 € erscheint mir Jahr für Jahr möglich, wenn auch immer wieder in günstigen Jahren mehr erhalten werden dürfte. Wie kann man denn träumen, Spenden in Höhe von jährlich über einer Million € für eine Germanistik zu erhalten? Welche Unternehmen werden für die Lehramt-Studiengänge spenden? Die Kultusministerien? Meine Universität hat ca. 45.000 Studenten. Wie soll sie denn Spenden in Höhe von 150 x 12 x 4.500 =  8.100.000 € jährlich einwerben?

Jeder Wissenschaftler, der – zum Beispiel für wissenschaftliche Tagungen – Spenden von Unternehmen eingetrieben hat, weiß es: Es ist völlig illusorisch dauerhaft und regelmäßig Spenden in einem solchen Umfang einzutreiben. Dafür gibt es drei Gründen.

  1. Erstens Unternehmenspenden dienen in der Regel entweder der Wohltätigkeit oder der Werbung. Nicht wenige deutsche Sotfware-Unternehmen spenden zum Beispiel regelmäßig für Brot für die Welt, Kinderdörfer und ähnlichen Organisationen. Die Finanzierung des Begabten-Stipendiums, das  unabhängig vom Einkommen gewährt wird, wird wohl nicht als Wohltätigkeit angesehen werden. Es bleibt also die Werbung. Spenden für Werbezwecke sind aber nicht dauerhaft, sondern in der Regel einmalig, und setzen einmalige Werbeeffekte voraus.
  2. Zweitens spenden Unternehmen in Krisenzeiten wenn überhaupt wenig. Alle Unternehmen, die ich kenne, sind von der Krise getroffen. Seit einem Jahr wurden in allen Unternehmen die Dienstreisen drastisch eingeschränkt mit der bekannten Folge, dass die Lufthansa in finanziellen Schwierigkeiten geraten ist, die Britisch Airways gegen eine Pleite kämpft. Wer seine Dienstreise streicht, spendet für Begabten-Stipendien wohl kaum.
  3. Drittens wenn alle Hochschulen Spenden in einem solchen Umfang versuchen einzutreiben, dann sind die gesamten Erfolgschancen sehr schlecht: Es geht um viel zu viel Spenden (bei ca. 2,13 Millionen Studenten, jährlich 213.000 x 12 x 150 = 383.400.000 € also beinahe 400 Millionen €) und der Werbeeffekt lässt desto mehr nach, dass mehr Unternehmen ähnlich werben.

Bleibt die Bundesregierung bei diesem Plan, dann werden die Hochschulen keine Alternative zu Stellenabbau  haben, weil sie die nötigen Spenden nicht werden eintreiben können. Der Stellenabbau wird nicht die Verwaltung, sondern den so genannten wissenschaftlichen Mittelbau treffen, weil nur er Zeitstellen besetzt, die kurzfristig verfügbar sind. Die Hochschulen werden zudem Verwaltungstellen für das Spendeneintreiben und für die Verwaltung der Begabten-Stipendien errichten, was bei ihrer bürokratischen, wenig automatisierten und folglich personalintensiven Verwaltung den Stellenabbau spürbar erhöhen wird. So wie bisher geplant wird das „Begabten-Stipendium“ also zur wesentlichen Verschlechterung der Lehre führen.

Bleibt die Bundesregierung bei ihrem Plan, so kann man gleich die Fortsetzung der Audimax-Besetzungen im kommenden Sommersemester voraussagen.

FB