Hochschulrätin Schavan: Offener Brief an den LMU-Senatsvorsitzenden

Lieber Herr Kollege Hose,

ich wende mich an Sie als Vorsitzenden des Senats unserer Universität, der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) mit diesem offenen Brief, damit Sie einen Anlass bekommen, über die Berufung von Frau Annette Schavan in den Hochschulrat unserer Universität öffentlich Stellung zu nehmen. Herr Sebastian Krass zitiert Sie ja heute im Artikel „Senatschef verteidigt Schavan-Berufung“ wie folgt: Mangels einer solchen formalen universitätsinternen Bitte hatten Sie bisher keinen Anlass dazu.

Die Meinungen darüber sind geteilt, ob für die Aberkennung der Promotion von Frau Annette Schavan durch die Philosophische Fakultät der Universität Düsseldorf der Plagiatsvorwurf ausreichend gewichtig war. (Wie bekannt ist, zweifle ich selbst daran.) Auch darüber, ob die Klage von Frau Schavan Erfolg haben kann, sind die Meinungen geteilt. Über die Promotionsaberkennung und die Aussichten der Klage dagegen muss man nicht urteilen, so lange man Frau Schavan nicht in Ämter beruft – oder eine solche Berufung bestätigt –, die mit einer Promotionsaberkennung schwer verträglich sind. Tut man das aber, so darf die Öffentlichkeit eine Stellungnahme dazu erwarten. Folglich bitte ich Sie als Senatsvorsitzenden, sich dafür einzusetzen, dass die Leitung unserer Universität öffentlich Stellung zur Promotionsaberkennung von Frau Schavan nimmt. Ich bitte Sie ebenfalls um eine solche Stellungnahme.

Im Gespräch mit Herrn Sebastian Krass haben Sie bestätigt, wie er im oben erwähnten Artikel berichtet, was schon von Senatsmitgliedern zu erfahren war: Die Berufung von Frau Annette Schavan in den Hochschulrat unserer Universität wurde durch den Senat ohne Debatte und durch Akklamation bestätigt. Die Zustimmung durch Akklamation ist an Hochschulen üblich, wenn entweder über etwas ohne große Tragweite entscheiden wird oder wenn ein Stimmungsbild vor einer wichtigen Entscheidung gewinnen werden soll. Alle Personalentscheidungen werden aber letztendlich immer in geheimer Abstimmung getroffen. Wenn dem Hochschulrat unserer Universität eine wichtige Rolle zuerkannt wird, dann ist es schwer annehmbar, dass die Bestätigung seiner Mitglieder durch den Senat ohne Debatte und ohne geheimer Abstimmung stattfindet. Es liefert nämlich Anlass zu der Befürchtung, die Senatsmitglieder seien durch die Öffentlichkeit der Zustimmung durch Akklamation unter Druck gesetzt worden. Diese Befürchtung, so unzutreffend sie auch sein mag, schwächt sowohl die Leitung wie den Zusammenhalt unserer Universität. Ich bitte Sie folglich, in Zukunft die Hochschulräte unserer Universität durch den Senat nur nach Debatten und nur in geheimer Abstimmungen bestätigen zu lassen.

Im oben erwähnten Artikel berichtet Herr Sebastian Krass wie folgt von seinem Gespräch mit Ihnen:

„Entscheidend sei gewesen, ‚dass es nur wenige gibt, die sich so fundiert mit Wissenschaftspolitik auf Bundesebene auskennen wie Frau Schavan’. In den nächsten Jahren laufen mehrere große aus Bundesmitteln finanzierte Förderprogramme für die Universitäten aus, unter anderem die Exzellenzinitiative. Das Kalkül der LMU ist, dass Schavan, die weiter für die CDU im Bundestag sitzt, dabei hilft, die Uni bestmöglich für die Folgeprogramme zu positionieren. Bedenken wegen der Promotionsaffäre wurden dabei hintangestellt.“

Kann aber Frau Schavan Auskünfte liefern, die es unserer Universität ermöglicht, bei Förderprogrammen für Lehre oder Forschung erfolgreicher als andere Hochschulen zu sein, ohne gegen die Ethik zu verstoßen? Über die Schwerpunkte solcher Programme ist ja nicht die Politik, sondern die Wissenschaft entscheidend! Soll also Frau Schavan wenn keine inhaltliche vielleicht zeitliche, materielle oder strategische Vorteile unserer Universität verschaffen? Heißt es denn, dass die Leitung und der Senat unserer Universität an der Integrität von Frau Annette Schavan so sehr zweifeln, dass sie von ihr Ethikverstoße erwarten? Dazu bitte ich Sie als Senatsvorsitzenden, Stellung zu nehmen.

Mit kollegialen Grüßen

François Bry

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5 Responses to “Hochschulrätin Schavan: Offener Brief an den LMU-Senatsvorsitzenden”

  1. aus der sicht eines dr. phil. habil. der literaturwissenschaft möchte ich anmerken: das „zitierverhalten“ von frau schavan liegt offen zu tage. die promotionsaberkennung war nach allen handwerklichen regeln, die uns an der LMU seinerzeit vermittelt wurden, vollauf gerechtfertigt.

    man muss da kein großes ding daraus machen, skandal undsoweiter: es gibt regeln (die gut begründet sind), jemand hat sich aus welchen gründen auch immer nicht daran gehalten: das führt zur aberkennung. falls unsere geisteswissenschaften noch irgendeinen rest von selbstrespekt haben.

  2. Raphael Wimmer sagt:

    Vielen Dank dafür, dass Sie – auch stellvertretend für viele Uni-Mitarbeiter – hier nachfragen.
    Etwas befremdlich ist schon, dass Frau Schavan so gar kein Interesse hat, sich in irgendeiner Form zu irgendetwas zu äußern.
    Mal sehen, vielleicht wird ja in der Sitzung des Hochschulrates am Donnerstag [1] offenbar, wie Frau Schavan sich einzubringen gedenkt.

    [1] http://blogschavan.aaksis.de/?event=sitzung-des-hochschulrates-der-lmu-munchen

  3. FB sagt:

    @Raphael Wimmer: Bitte sehr! Sie haben recht: Es wäre passend, wenn Frau Schavan mitteilen würde, wie sie sich einzubringen gedenkt.

  4. […] des Senats der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) getroffen. Der Anlass war mein “offener Brief an den LMU-Senatsvorsitzenden” wegen der Aufnahme von Frau Annette Schavan in den Hochschulrat unserer […]

  5. […] Ein Informatik-Ordinarius der LMU München wiederum hatte auf Grund von Schavans bisheriger Berufung in den LMU-Hochschulrat etwas anders gefragt: […]

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