Empfehlungsschreiben

Unter den vielen Aufgaben eines Professors gibt es das Verfassen von Empfehlungsschreiben – für Studenten, Doktoranden und Kollegen als Unterstützung einer Bewerbung um ein Stipendium, um einen Praktikumplatz oder um eine Stelle.

Regelmäßig werde ich mit einer Email oder in einem Gespräch dazu gebeten, ein solches Schreiben zu verfassen: „Herr Bry, hätten Sie bitte zwei Minuten für mich? Ich brauche ein Empfehlungsschreiben.“ Zwei Minuten dauert es leider nicht. Um eine sinnvolle Empfehlung schreiben zu können, muss ich wissen worum es geht – etwa Studienstipendium, das sich an Studentinnen richtet und einen besonderen Wert auf das soziale Engagement legt oder Praktikumplatz in Frankreich im Medienbereich. Zu beachten sind auch etwaige Regeln, die die Empfänger von solchen Schreiben auferlegen: Für Stipendien muss oft das Empfehlungsschreiben eine Reihe von bestimmten Punkten ansprechen.

Auch über den Betroffenen muss man einiges wissen oder in Erinnerung rufen, um eine treffende Empfehlung verfassen zu können: Seit wann kenne ich die Person, wie habe ich sie kennen gelernt, was ist an dieser Person besonders, welche Noten in welcher Lehrveranstaltungen hat ein Student erhalten, usw.

Ich versuche solche Schreiben schnell zu liefern. Nicht selten jedoch, fällt es mir schwer, die gewünschte Schnelligkeit zu erzielen: „Für wann brauchen Sie das Empfehlungsschreiben?“ habe ich neulich eine Studentin gefragt. „Heute nachmittag vor 16 Uhr wäre gut, weil die Einreichungsfrist für den Stipendiumantrag um 17 Uhr endet und ich muss meine Bewerbungsunterlagen noch hinbringen.“

Bei Berufungsverfahren, das heißt bei der Einstellung von Professoren, muss auch ähnliche Schreiben, Gutachten genannt, der Universitätleitung und dem Ministerium vorgelegt werden. Einmal bekam ich eine Bitte um ein solches Gutachten, welche nicht nur frech formuliert war – so einen Ton hatte seit meinem Wehrdienst nicht mehr erlebt -, sondern auch betonte, dass dies in meinen Pflichten als Beamter falle und innerhalb von zwei Wochen zu liefern war. Ich habe das Gutachten geschrieben – jedoch innerhalb von drei statt zwei Wochen. Übrigens, für Gutachten und Empfehlungsschreiben wird man – natürlich – nicht zusätzlich zum Gehalt bezahlt.

Mein Universitätbriefpapier und meine eingescannte Unterschrift (mit durchsichtigem Hintergrund) habe ich auf dem Laptop gespeichert: So kann ich zu Hause abends oder vor dem Frühstück, im Zug oder in der Straßenbahn ein Empfehlungsschreiben noch schnell verfassen und per Email schicken.

Manchmal entpuppt sich ein Schtreiben als zwei oder sogar drei: „Übrigens, es wäre gut, das Empfehlungsschreiben nicht nur auf Englisch, sondern auch auf Französisch zu verfassen.“

FB

4 Responses to “Empfehlungsschreiben”

  1. Robert sagt:

    Die eigentlich interessante Frage ist doch aber: Arbeiten Sie mit Textbausteinen oder Vorlagen oder fangen Sie immer wieder mit dem blanken Briefkopf an?

  2. Ob ich mit Textbausteinen arbeite oder immer wieder von neu an, ein Empfehlungsschreiben verfasse, ist in der Tat eine interessante Frage.

    Ich fange jedesmal von neu an. Textbausteine wären hinderlich, weil ein überzeugendes Empfehlungsschreiben persönlich und auf den Bewerber bezogen sein muss.

    Allerdings habe ich im Kopf eine Liste von Punkten, die im Empfehlungsschreiben erwähnt werden sollten: Seit wann kennen ich den Bewerber, wie habe ich ihn kennen gelernt, Leistungen im Studium oder Beruf, Besonderes (etwa hohes soziales Engagement), gegebenenfalls eine persönliche Erinnerung (hat mir geholfen, mich in die Programmiersprache XYZ einzuarbeiten), Soziales (etwa besonders beleibt unter Studenten, weil …), usw.

    Und auch nicht vergessen: Für die USA etwa muss man viel mehr loben als für Deutschland, für Frankreich ist es oft angebracht anzudeuten (aber auf keinen Fall explizit zu schreiben), dass das Niveau an deutschen Universität im internationalem Vergleich besonders hoch ist.

    Es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass ein Punkt, den man vergisst, höchstwahrscheinlich interpretiert wird: Es wurde nicht erwähnt, weil nichts gutes dazu zu sagen war. Dies ist der Grund, warum das Verfassen von Empfehlungsschreiben manchmal belastet…

  3. […] Empfehlungsschreiben 1.002 […]

  4. […] und Lehre (wie kürzlich “In einem seltsamen Restaurant” und der Dauerrenner “Empfehlungsschreiben“) sowie soziale Themen wie etwa die Gleichstellung von Frauen (wie kürzlich “Studenten […]

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