Warum wir nicht alle Übungs- und Klausuraufgaben veröffentlichen

Der Blog-Artikel “‚Meine‘ Übungsblätter, ‚meine‘ Klausurhefte„, den ich neulich veröffentlicht habe, hat zu einer regen Diskussion unter meinen Lesern geführt, warum nicht alle Übungs- und Klausuraufgaben veröffentlicht werden.

Viele Studierende wünschen sich, die Übungsblätter und die Klausuraufgaben der Vergangenheit sowie Musterlösungen dazu jederzeit erhalten zu können. Dieser Wunsch ist verständlich. Einiges wird allerdings übersehen, was die Verwirklichung dieses Wunsches erschwert.

Erstens müssen schriftliche Musterlösungen, die mit dem Ziel verfasst werden, veröffentlicht zu werden, eine viel höhere schriftliche Qualität als schriftliche Notizen, die Dozenten selbst verwenden oder Tutoren liefern. Es ist nun einmal so, dass sehr gute Notizen für den Gebrauch des Dozenten oder Tutors viel leichter und schneller zu verfassen als veröffentliche Musterlösungen, die so zu sagen nach ihrer Veröffentlichung ein selbständiges Leben führen. Der Unterschied an Arbeitsaufwand ist nicht groß, sondern gewaltig. Dozentennotizen müssen nicht auf jede denkbare Frage eingehen, weil der Dozent diese Frage selbst beantworten kann. Veröffentliche Musterlösungen müssen dafür viel umfangreicher sein.

Ein konkretes Beispiel mag den Unterschied zwischen Dozentennotizen und veröffentlichte Musterlösungen erklären. Geht es darum, unter Verwendung der Programmiersprache Java die Programmiertechnik der Endrekursion zu erklären, so reichen auf Dozentennotizen ein oder zwei Beispiele. Werden die Beispiele veröffentlicht, so muss unbedingt erklärt werden… Was denn? Das die JVM (Java Virtual Machine) nicht alle endrekursive Methode zur Laufzeit zu iterative Prozesse führt (Welche doch? Welcher nicht?), dass deswegen Java eine Annotation bietet, damit bei der Kompilierung mitgeteilt wird, ob eine endrekursive Methode in einen iterativen Prozess überführt wird, und letztlich dass deswegen eine Programmiertechnik namens Trempolining verwendet wird. Stimmt ganz, was ich da geschrieben habe? Reicht es für eine Veröffentlichung? Vermutlich nicht…  Ich kann gut verstehen, dass Berufsanfänger und Studierende die Schwierigkeit wenig verstehen, wie schwierig es ist, eine ausreichend gute Musterlösung zu verfassen, damit sie veröffentlicht werden kann. Es ist aber so. Wer übrigens versucht wäre, zu meinen, meine Mitarbeiter und ich drücken uns vor Arbeit, soll sich die Skripten ansehen, die wir veröffentlicht haben.

Zweitens ist die Zeit der Lehrenden an deutschen Hochschulen sehr knapp, viel zu knapp. Es wird viel mehr gearbeitet als gesund  ist und wofür bezahlt wird. Viele Lehrende gehen mit Kopf- oder Rückenschmerzen arbeiten, weil sonst Lehrveranstaltungen ausfallen müssten: Es gibt kein Ersatzlehrpersonal; es gibt kaum Hoffnung auf Räume außerhalb der regulären Lehrpläne. Vieles, was wünschenswert wäre, lässt sich einfach wegen Arbeitsüberbelastung nicht – gar nicht – realisieren. Zu dieser Lage gibt es einen einzigen Ausweg: Deutlich mehr Lehrende pro Studierende (oder deutlich weniger Studierende pro Lehrende) als derzeit an deutschen Hochschulen zu finden sind. Angesicht der dramatischen Staatsverschuldung in Europa und der Bankrettungen, die sehr viel öffentliche Gelder verbraucht hat, ist keine Verbesserung in den kommenden Jahrzehnten zu erwarten. Es ist notwendig, Übungs- und Klausuraufgaben wieder verwenden zu können, weil sonst die Lehre nicht möglich wäre. Eine solche Wiederverwendung spricht gegen ihre Veröffentlichung.

Drittens, nicht wenige Studierende schreiben einfach ab (unter anderem auswendig gelernte aber nicht verstanden Lösungen), wenn sie dadurch ECTS-Punkte erhalten können. Es ist überraschend. Es ist traurig. Es ist aber leider so. Folglich können Aufgaben, die mit oder ohne Musterlösungen veröffentlicht wurden,  kaum noch verwendet werden. „Meine Übungsstunde von heute war ein Quatsch,“ habe ich in der Vergangenheit gehört, „mehr als zwei Drittel der Studierenden haben einfach Lösungen abgeschrieben ohne verstanden zu haben!“ Ich muss unter anderem dafür Sorgen, dass die Mitarbeiter und Tutoren nicht allzu frustriert sind. Dies ist übrigens nicht leicht.

Viertens, ist das Verfassen von vielen Übungs- und Klausuraufgaben eine bemerkenswerte geistige Leistung. Selbstverständlich gibt es viele Standardaufgaben, die alle Lehrende verwenden. Gute Lehrer beschränken sich aber nicht darauf. Zudem besteht die geistige Leistung nicht nur darin einzelne Aufgaben zu entwerfen, sondern inhaltlich stimmige Übungsblätter und Klausuren zusammenzusetzen. Dies ist meist eine sehr schwierige Aufgabe.  Wer noch keine Übungs-. und Klausuraufgaben entworfen hat, soll nicht vorschnell behaupten, diese Arbeit sei keine geistige Leistung!

Ich persönlich bin dafür, insbesondere an Hochschulen so viel wie möglich zu veröffentlichen. Ich habe Skripten mit-verfasst, die „Buchqualität haben„, wie mir ein sichtbar schockierter Kollege einmal sagte. Diese Skripten sind für alle kostenlos zugänglich. Ich bin aber auch für Mitarbeiter verantwortlich, die gegen eine die Veröffentlichung der Übungs- und Klausuraufgaben aussprechen, die sie verfasst oder mit verfasst haben. Die Argument dagegen sind vernünftig und nachvollziehbar. Den Studierenden steht folglich nicht alles zur Verfügung, was meine Arbeitsgruppe an Lehrmaterial verwendet und entwirft – aber sehr viel. Die Studierenden werden, meine ich, von meiner Arbeitsgruppe jedoch gut bedient.

FB

11 Responses to “Warum wir nicht alle Übungs- und Klausuraufgaben veröffentlichen”

  1. nr sagt:

    Ich habe nie behauptet, daß das Verfassen von guten Klausuraufgaben und Übungsblättern keine geistige Leistung ist. Nicht jede geistige Leistung wird jedoch durch Schutzrechte geschützt.

    Klausuren können, soweit ich das erfahren habe, bei Ihrer Uni inzwischen beliebig wiederholt werden. Ein Teil der Studenten kennt also die alten Aufgaben (und, wenn die Klausur besprochen wird und er hingeht, auch die Musterlösung).

    Wenn jetzt Aufgaben nochmals genutzt werden, hat dieser Teil einen Vorteil. Nach Gleichbehandlung oder einer gerechten Lösung klingt das nicht.

    Wenn aber alle Studenten Zugriff auf die alten Angaben hätten, gäbe es diese Ungleichbehandlung nicht. Die Aufgabenstellung und Bewertung müßte natürlich daran angepaßt sein.

  2. FB sagt:

    @nr: So einfach, wie sie es offenbar annehmen, ist es nicht. Wiederverwendete Aufgaben werden meist so abgeändert, dass sie nur von Studierenden wieder erkannt werden, die sie gut verstehen. Aufgaben, die ähnlich sind, kommen in manchen Klausuren zwangsläufig immer wieder vor. Wer zum Beispiel in Theoretischer Informatik geprüft wird, muss mit einer Aufgaben zu einem Pumping Lemma rechnen. Egal, wie die Aufgabe genau ist, das Nötige, um die Aufgabe zu bestehen ist dabei immer das Selbe. Dass es das Selbe ist, was dieses „selbe“ genau ist, das sollte jeder Prüfling wissen.

    Aber im Grunde haben Sie recht: Von einer Gleichbehandlung kann nicht die Rede sein. Wer zum Beispiel kaum in die Vorlesung und/oder Übungssunde geht, hat viel weniger Aussichten, die Klausur zu bestehen, als jemand der regelmäßig die Lehrveranstaltungen besucht. Wer zweimal eine Lehrveranstaltung besucht, ist jemandem nicht gleichgestellt, der sie nur einmal besucht. Usw.

    Aber Gleichbehandlung im Studium bedeutet etwas anderes: Es bedeutet, dass kein Studierender von einem Dozent besser behandelt wird als die anderen Studierenden. Wiederkehrende Themen (wie etwa Aufgaben zum Pumping Lemma), Vorkenntnisse (wer vor dem Studium schon programmiert hat, ist im Informatik-Studium im Vorteil), größere Erfahrung mit dem Lernen (wer als Kind sich daran gewöhnt hat, gründlich zu lernen, ist im Studium im Vorteil), sowie soziale Unterschiede (wer gebildte Eltern hat, ist an der Schule und im Studium im Vorteil), usw: All dies führt zu Ungleichheiten unter den Studierenden (und unter den Menschen), womit wir leben müssen. (Was wiederum nicht heißt, dass man diese Unterschiede nicht bekämpfen sollte.)

  3. nr sagt:

    Wenn Aufgaben sowieso bei der Wiederverwendung so abgeändert werden, daß man sie nur wiedererkennt, wenn man sie sowieso lösen könnte, warum sind sie dann weniger wiederverwendbar, wenn sie veröffentlich wurden?

  4. FB sagt:

    @nr: Man kann endlos reden und Argumente zitieren. Die Gründe, warum mein Lehrstuhl Aufgaben nicht veröffentlicht, habe ich erklärt. Sie sind klar und dürften für jede und jeden verständlich. Mir ist auch verständlich, dass viele Studierende gerne so viel Lehrmaterial wie möglich zur Verfügung haben möchten. Es hat aber, meine ich, nicht viel Sinn, Details herauszupicken und darüber zu streiten. Ein letzter Beitrag zu Debatte „Für und Gegen die Veröffentlichung von Aufgaben und Lösungen“ möchte ich noch dazu liefern: Vor kurzer Zeit belagte sich ein Student über eine für ihn ungünstige Korrektur: „x war doch die richtige Variable. Das war doch die Variable der Löung während der Übungsstunde zum selben Them„.

  5. JustAnotherReader sagt:

    Wenn sie die Anfertigung einer Musterlösung für zu viel Aufwand empfinden, da sie (wie sie schrieben) sehr umfangreich sein müsste, hätte ich eine kleine Anregung:

    Ich gehe mal davon aus, dass jeder Aufgabensteller bei der Erstellung seiner Aufgaben eine Intention der Lösung hat. (Ansonsten wäre es auch komisch, wenn der Aufgabensteller nicht wüsste was er als Antwort haben möchte)
    Wäre es in diesem Zuge möglich einen „Lösungsvorschlag“ z.B. eine Woche versetzt zu veröffentlich, um dem Bearbeiter der Aufgaben die Möglichkeit zu geben, sich selbst zu überprüfen, ob die Antwort in die richtige Richtung geht?
    Bei Aufagben, in welchen „lediglich“ Ergebnisse berechnet werden müssen oder ähnliches, würde auch nur das (ohne Gewähr) Ergebnis reichen, um eine Selbstkontrolle zu haben.
    Bei komplexeren Aufgaben bzw. offenen Fragen würde dies verständlicher machen, worauf der Prüfer am Ende hinaus will 😉

    Also kurz um: „Lösungsvorschlag“ statt Musterlösung?
    (Da eine Aufgabe (wie ich denke) ohnehin einmal durchgearbeitet werden muss bevor sie jemandem gestellt werden kann)

  6. FB sagt:

    @JustAnotherReader: Ich fürchte, Sie haben meine Beiträge nicht aufmerksam genug gelesen. Musterlösungen oder Lösungsvorschläge oder sonst etwas, was man veröffentlicht, verlangen mehr Erläuterungen als Dozentennotizen, weil sie ohne den Dozent gelesen werden. Meine Mitarbeiter sind nicht ganz dumm. Sie bemühen sich seit Jahren, Ihre Lehre so gut wie möglich durchzuführen. Ideen, wie Sie erwähnen, wurden und werden immer wieder am Lehrstuhl besprochen. So einfach ist es aber nicht, wie viele sich vorstellen mögen. Sie greifen einen Aspekt auf und versuche damit, ohne die restlichen Aspekte zu berücksichtigen, mir zu erklären, dass meine Mitarbeiter und ich schlecht arbeiten. Verzeihen Sie mir meine Direktheit: Ganz passend finde ich das nicht! 😉

  7. Alexander Schönl sagt:

    Ich verstehe die ganze Aufregung nicht. Es gibt zum einem die Möglichkeiten fehlende Mitschriften von Mitstudenten zu kopieren. Dies würde aber ja schon eine gewisses Maß an sozialer Kompetenz erfordern, weil man evtl. eine noch unbekannte Person darum bitten müsste. Zweitens steht es doch jeden frei ein Gedächtnisprotokoll einer Klausur anzufertigen. Ein Gedächtnisprotokoll würde das Urheberrecht noch nicht verletzten. Vielleicht sind das einfach Dinge, um die sich die Studierende einfach selbst kümmern könnten. Aber das würde ja wieder eigene Arbeit erfordern, und das mag heutzutage ja wirklich keiner mehr.

  8. FB sagt:

    @Alexander Schönl: Gedächtnisprotokolle austauschen und besprechen hätte den Vorteil, sich mit dem Prüfungsstoff auseinanderzusetzen.

  9. edik sagt:

    Ich will mich nicht fuer oder gegen die Veroeffentlichung aussprechen sondern das erste Gegenargument etwas praezisieren. Muessen die Notizen wirklich umfangreicher sein, wenn sie veroffentlicht werden sollen? Wenn ein Dozent seine spaerlichen Notizen veroeffentlicht, ist das doch immer noch besser als nichts. Man sollte in dem Fall natuerlich angeben, dass die Notizen unter Umstaenden unvollkommen sind. Wenn man dies tut, sind die einzigen mir einlaeuchtenden Gegenargumente zum einen die Moeglichkeit, dass die Studenten trotz der Warnung ausschließlich des Dozenten Notizen zum Lernen verwenden – dann muss man abwaegen, ob man den Studenten diese Verantwortung uebertragen will. Zum anderen waere da vielleicht die Eitelkeit mancher Dozenten, die verhindert, dass sie etwas Unfertiges veroeffentlichen.

    Ich finde beide Punkte zumindest verstaendlich und kann mir vorstellen, dass sie vor allem dem erste Argument zustimmen. Vielleicht sollten sie deshalb diesen oder beide Punkte in den Blogpost einfuegen, sofern sie meiner Praezisierung zustimmen? 😀

  10. FB sagt:

    @edik: Meine Erfahrung als Dozent hat mich davon überzeugt, dass Schriftliches von manchen Studierenden schnell missverstanden wird. Daraus schließe ich, dass es eben nicht besser ist, wenn ein Dozent irgend etwas veröffentlicht als nichts. Es gibt heute für alle die Möglichkeit allerlei Lehrtbücher und Lehrmaterialien kostenlos zu bekommen. Ich halte für nicht gut, erstens wenn die Studierende nicht selbst danach suchen, sondern sich völlig auf die Lehrenden verlassen, zweitens wenn Lehrende unzureichend ausgearbeitete Notizen zur Verfügung stellen. Es hat mit Eitelkeit nichts zu tun.

    Für den Betrag herzlichen Dank! Es ist der sinn dieses Blogs, dass gegenseitige Meinungen besprochen werden.

  11. Frank sagt:

    Gibt es zu diesem Beitrag noch antworten wenn ich eine Frage stelle?

    Meine Frage – aus ihrer Sicht; Darf ein Student seine eigenen Lösungen veröffentlichen, ohne die Aufgaben (also ohne die urheberrechtlich dem Lehrenden zuzuordnenden Teile)
    Im Sinne von:

    Meine Lösungen zur Mathematik Klausur XY

    Aufgabe 1:
    Lösung……

    Aufgabe 2:
    Lösung….

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