„Ich werde die Bachelor-Arbeit betreuen“

Die E-Mail wirkt auf mich wie aus einer anderen Welt:

Ich werde Frau N.N. bei Ihrer Bachelor-Arbeit betreuen. Gerne würde ich mit Ihnen einen Termin vereinbaren, um die nächsten Schritte zu besprechen. Haben Sie eine Telefonnummer, unter der ich Sie erreichen kann?

Eine Studien-Arbeit ist eine Studienleistung, was heißt, dass sie von einer prüfungsberechtigte Person vergeben und bewertet werden muss. Zudem soll eine Bachelor-Arbeit nicht irgendeines Praktikum in einem Unternehmen, sondern eine wissenschaftliche Arbeit sein. Und meine Telefonnummer an der Universität ist leicht zu erfahren: Nach meinem Familiennamen zu googeln reicht dafür aus.

Ich betreue gerne Studien-Arbeiten mit, die in Unternehmen durchgeführt werden. Dafür müssen ein paar Bedingungen erfüllt werden. Erstens muss zwischen Unternehmen und meiner Arbeitsgruppe ein Thema vereinbart werden, das für beide interessant ist. Eine Zusammenarbeit hat eben nur dann Erfolgsaussichten, wenn alle daran beteiligt etwas davon haben. Zweitens muss im Unternehmen eine Person sein, mit der sowohl der Studierende wie meine Arbeitsgruppe sich gut austauschen kann. Eine Zusammenarbeit setzt eben eine gute Kommunikation voraus. Drittens muss das Unternehmen dem Studierenden die nötige Betreuung anbieten. Bin ich davon nicht überzeugt, so lasse ich mich auf eine Studien-Arbeit in diesem Unternehmen nicht ein, weil der Studierende ein Schaden davon tragen könnte. Viertens muss für alle klar sein, wer welche Verantwortung trägt: Für Vergabe und Bewertung einer Studienarbeit ist ein prüfungsberechtigte Dozent zuständig, nicht ein Mitarbeiter von einem Unternehmen. Dabei geht es nicht um ein sinnloser Machtanspruch, sondern um die Ausübung einer Verantwortung, die letztendlich Studierende vor Pannen sicher soll.

FB

5 Responses to “„Ich werde die Bachelor-Arbeit betreuen“”

  1. Marianne sagt:

    Ich finde die E-Mail absolut normal. Natürlich ist der/demjenigen klar, dass sie/er die Arbeit mitbetreut. Nach Ihrer Telefonnummer zu fragen bedeutet vermutlich auch nur, dass man Sie nicht auf Anhieb erreichen konnte und gibt Ihnen die Gelegenheit eine bevorzugte Nummer anzugeben.

    Gute Kommunikation scheint mir auch gegeben, schließlich möchte man sich persönlich mit Ihnen treffen und nicht „nur“ telefonisch.

  2. FB sagt:

    @Marianne: Eine solche E-Mail ist ähnlich, wie wenn ich dem Leiter einer Personalabteilung ohne jegliche Vorbesprechung schreiben würde: „Ich schicke Ihnen den Student N.N., der bald in Ihrem Unternehmen eine Stelle bekommen wird. Teilen Sie mir bitte mit an wenn er sich wenden soll.“ So läuft es in dieser Welt nicht – an einer Hochschule auch nicht.

  3. Achim sagt:

    Ich sehe es auch nicht so kritisch und habe derartige Fälle häufiger an der FH. Der Vergleich mit der Personalabteilung hinkt meiner Meinung nach ein wenig, da diese Person den Kontakt zu Ihnen ja wahrscheinlich nur hergestellt hat, da die Studentin auf Sie als potentiellen Betreuer hingewiesen hat. Dabei war sicherlich Ihr Lehr- und Forschungsgebiet für die Auswahl entscheidend, so dass das angedachte Thema für die Arbeit nun auch in Ihren Wunschthemenbereich passen könnte. Alles weitere bzgl. der funktionierenden Zusammenarbeit und Betreuung kann man ja dann klären.

    Natürlich wäre folgendes Vorgehen optimal:
    – Studentin kommt zu Ihnen und fragt, ob Sie bereit sind, sie zu betreuen
    – dabei merkt sie an, dass sie ein Unternehmen im Auge hat, bei dem sie die Arbeit gerne schreiben möchte
    – nun bespricht Sie das weitere Vorgehen mit Ihnen, also wie den Kontakt mit dem Unternehmen herstellen und wie die weiteren Punkte mit dem Unternehmen abklären

    Vielleicht liegt es ja an Ihren umfangreichen Betreuungskapazitäten an der Uni durch viele wissenschaftliche Mitarbeiter, dass Sie die Betreuung am liebsten selbst aus Ihrem Team bewerkstelligen. Ich dagegen freue mich über Unternehmen, in denen die Studierenden gut – darauf kommt es natürlich an – betreut werden. Auch sehe ich die Win-Win Situation dann in erster Linie zwischen dem Unternehmen und der Studierenden. Natürlich sollte mir das Thema vertraut sein, aber ich selbst muss nicht unbedingt einen Mehrwert aus der Arbeit ziehen abgesehen davon, dass ich meine Aufgabe, die Studierenden gut zu betreuen und sie auf Ihrem Weg in die Arbeitswelt zu unterstützen, gut erfüllt habe.

    Zuletzt noch ein Punkt: Mich verwirrt Ihre Mischung der Begriffe Studienarbeit und Bachelorarbeit. Eine Studienarbeit ist nach meinem Verständnis nicht mit einer Bachelorarbeit gleich zu setzen.

  4. FB sagt:

    @Achim: Ich stehe ganz offen zu Studien-Arbeiten in Unternehmen. Allerdings erweisen sie sich oft als schwierig, wenn sie unternehmensintern nicht ausreichend durchdacht und betreuet werden. Und dies kommt erfahrungsgemäß vor allem dann vor, wenn niemand im Unternehmen sich die Mühe macht, mit dem möglichen betreuenden Dozent über ein mögliches Thema, die Rahmenbedingungen der Studien-Arbeit und die Erwartungen aller Betroffenen (einschließlich übrigens dem Student). Wer mit jemanden zusammenarbeiten möchte, soll es so ankündige und nicht den Eindruck erwecken, es gäbe wohl kaum zu besprechen.

  5. Sijo sagt:

    Es ist so, wie bei vielem anderem: Der Ton macht die Musik. Zudem ist es symptomatisch, wenn einfachste Formen nicht gewahrt bleiben, dann rutscht man in eine Spirale rein. Im Klartext, wenn sich der Professor so etwas bieten lässt, wird er auch in Zukunft so behandelt werden: Dann können Termine einfach verkündet werden ohne vorherige Abstimmung, dann kann auch eine Kooperation verkündet werden, ohne dass so etwas überhaupt existiert usw. Im schlimmsten Fall kann der Professor hinterher für schlechte Leistungen des Studenten angeklagt werden (vom Unternehmen). Alles schon vorgekommen.
    Der Spielraum ist da gewaltig. Ich persönlich habe die Erfahrung gemacht, dass, wenn der Ton respektvoll bleibt, die Zusammenarbeit deutlich fruchtbarer verläuft.

Leave a Reply