Survival Kit für Bachelor-Studenten

Überall – auch hier – sind kritische Meinungen über die Bachelor-Studiengänge zu lesen. Wie soll man als Bachelor-Student damit umgehen? Hier ein paar Tips  von jemandem, der selbst ein bachelor-ähnliches Studium – zu einer anderen Zeit in einem anderen Land – überlebt hat und kein allzu großes Trauma davon trägt.

Neugierig und begeistert sein

Studieren ist nicht einfach. Ohne Neugier und ohne Begeisterung für sein Studienfach bringt niemand die nötige Studierfreude und die nötige Ausdauer auf, die ein Studium verlangt.

Fachbewußt studieren

Wer Informatik studiert hat, muss programieren und Englisch können. Wer Sinologie studiert, muss Chinesisch lesen, schreiben und sprechen können. Wer Kunstgeschichte studiert, muss sehr viele Kunstwerke kennen und vergleichen können. Für jedes Studiumhaupt- und Nebenfach gibt es implizite Anforderungen, die schnell erkannt werden sollen. In vielen Fällen reicht das Studierangebot der Universität nicht, um sie zu erfüllen. Das Studium  muss dann außerhalb der Universität ergänzt werden: durch lesen, durch selbst lernen, durch berufliche Tätigkeiten, durch Auslandsreisen, etc.

Zeitbewusst studieren

  • In den Bachelor-Studiengänge ist der Zeitdruck hoch. Folglich soll keine Zeit verloren werden: Krankheiten – insbesondere unmittelbar vor oder an Klausurtagen – sollte sich der Student  schon ab zwei oder drei Tagen von Arzt vorsichtshalber bescheiningen lassen und für alle Fälle die ärzliche Atteste behalten.
  • Den psychologischen Dienst des Studentenwerkes sollte man ohne Bedenken besuchen: ein bischen oder viel Hilfe, je nach dem, was man braucht, ist keine Schande.
  • Zu häufige Ortswechslen für Lehrveranstaltungen sollte man sich nicht gefallen lassen. Das kostet viel Zeit und Energie, die Bachelor-Studenten nicht verschwenden sollten.
  • Ein Semester lang pausieren kann ein Studium retten: Neben einem Teilzeitjob – leben muss man ja – kann nachgelernt werden.
  • Bei Studierpausen unbedingt sich beurlauben lassen, damit die „Verwaltungsuhr“ nicht weiter tickt.

Notenbewußt studieren

Nur die x% – was ist denn x? – der Bestnotierten unter den Bachelorstudenten werden sich zu einem Master-Studium anmelden dürfen. Auf Noten muss also aufgepasst werden. Dies übrigens verpflichtet die Dozenten: Man sollte nicht scheuen, mit ihnen das Thema anzusprechen.

Berufbewußt studieren

Auf das Versprechen, die Bachelor-Studiengänge „befähigen zum Beruf„, sollte man sich nicht verlassen: Wer weiss denn, was Informatiker in fünf oder zehn Jahren werden wissen müssen?  Man sollte folglich selbst die Qualifikationen erwerben, die einem für den angestrebten Beruf relevant erscheinen, und sich immer wieder fragen, was sie sind. Es gibt viele Wege zum Traumberuf und die Ungewöhnlichen sind oft die Erfolgsreichsten.

Auch im Ausland studieren

Ein oder mehrere Semester im Ausland – eine der Berechtigungen der Politiker für die Einführung der Bachelors – bringen eine wertvolle Erfahrung, die bei der Stellensuche gut ankommt. Der Auslandaufenthalt soll aber so geplant werden, dass es Konkretes, Fach- oder Berufrelevantes bringt. Unbedingt vor dem Auslandaufenthalt mit dem Prüfungsamt klären, wie im Ausland erworbenen ECTS an der Heimatuniversität anerkannt werden können und sich dies für alle Fälle schriftlich geben lassen.

Sinnlose Lehrveranstaltungen meiden

Ein Blockseminar mit 25 Vorträgen in zwei Tagen ist lauter Quatsch. Ein Bachelor-Arbeit soll nicht leicht und schnell hinter sich zu bringen sein, sondern eine begeisternde Erfahrung sowie ein Aushängeschild für seine zukünftigen Bewerbungen.Wo man die Wahl hat, sollte man kritisch übertlegen, ob die Lehrveranstaltung sinnvoll ist. Wenn man keine Wahl hat und am Sinn oder an der Qualität der Lehrveranstaltung zweifelt, sollte man – vorzugsweise mit Kommilitonen – die Dozenten ansprechen. In einigen Fällen können sie den Sinn einer anscheinend sinnlosen oder schlechten Lehrveranstaltung erklären. Gelingt es ihnen aber nicht, so werden ihnen die Nachfragen zu nachdenken geben und sie zum einlenken bewegen.

Eine gesunde Skepsis der Verwaltung gegenüber aufbringen

Die Verwaltung an Universitäten ist leider eine Welt für sich, die sich manchmal langsamer entwickelt, und andere Regeln scheint zu haben, als die reale Welt. Es ist daher ratsam, sämtliche Belege – record of studies, transcript of records, usw. – früh zu sammeln und parat zu halten. Studien- und Prüfungsordnungen sollte man frühzeitig lesen und sich unklare Regelungen erklären lassen. So vermeidet man böse Überraschungen.

Sozial sein

Im Studium sowie überall im Leben kann man von vielen Menschen Hilfe bekommen. Es ist wichtig, ein paar Kommilitonen zu kennen, die den Lehrtoff erklären können, die Voirlesungsnotizen kopieren lassen, wenn man abwesend war, usw. Sekretärinen und Lehrstuhlmitarbeiter sind oft die besten Vermittler zu den Professoren. Professoren wirken oft gestresst aber sie haben in der Regel ein Herz für Studenten. Sie haben meist selbst viele der Fehler begangen, die man als Student begehen kann. Einige erinnern sich daran. Die meisten Mitarnbeiter der Universitätsverwaltung sind engagiert und helfen gerne. In der Regel gilt: Wer unaufdringlich danach fragt, wird geholfen. Übrigens: Die beste Weise, geholfen zu werden, ist selbst zu helfen. Auch Sekretärinen und Dozenten können Studenten gelegentlich helfen.

Und letztlich nicht vergessen

  • Wenn alle Bachelor-Abschlüsse haben, ist ein Bachelor-Abschluss kein Nachteil.
  • Ein guter Studienabschluss ist nicht alles. Er ist lediglich eine Eintrittskarte. Entscheidend ist, was man damit macht.
  • Sobald das Studium beendet ist, sollte man sich fragen: Wie und was lerne ich weiter?

Wer kann dieses „Survival Kit“ mit weiteren Tips ergänzen? Wer teilt meine Meinung nicht?

FB

4 Responses to “Survival Kit für Bachelor-Studenten”

  1. Achim sagt:

    Man sollte außerdem und das ist vielleicht etwas aus der angewandten Sicht einer FH gesehen:

    Frühzeitig Kontakt zu interessanten Unternehmen aufbauen, um dort möglicherweise neben dem Studium schon als Werkstudent oder Praktikant arbeiten zu können, insbesondere aber eine spannende und herausfordernde Abschlussarbeit schreiben zu können. Mir ist bewußt, dass 6 Semester super kurz sind und man sich im ersten Jahr darüber vielleicht noch keine Gedanken machen will, aber es wäre sehr hilfreich.

    Generell kann ich nur empfehlen, wie es in der Ziel- und Zeitmanagementliteratur auch hinreichend dargestellt ist, sich immer wieder der eigenen Ziele bewußt zu werden und diese möglichst regelmäßig neu schriftlich zu fixieren. Vielleicht auch sogar direkt zu Beginn des Studiums einen kleinen „Projektplan“ aufzustellen – das Curriculum gibt dafür schon einen guten Rahmen vor. So vermeidet man spätere Überraschungen

    Studien- und Prüfungsordnungen lesen
    Diese Dokumente sind zwar meistens furchtbar zu lesen, aber eigentlich sollte sich jeder Studierende vor oder am Anfang seines Studiums mal die Zeit nehmen, sich durch diese zu ackern, denn auch so kann man die oben schon genannten späteren Überraschungen vermeiden wie z.B. „Wie, ich muss mich innerhalb einer bestimmten Frist für meine Klausuren anmelden“ oder „Ich wusste nicht, dass ich eine Version meiner Abschlussarbeit im Prüfungsamt abgeben muss.“ Hier gilt, wie auch sonst meistens, Unwissenheit schützt vor Strafe nicht und die Strafe ist hier in erster Linie der Zeitverlust.

    Das ist ein interessantes Thema und vielleicht schreibe ich in meinem Blog darüber nach einer weiteren Brainstorming-Phase weiter.

  2. Vielen Dank, Achim, für die Hinweise!

    Es stimmt: Den Tip, die Studien- und Prüfungsordnungen zu lesen, habe ich vergessen!

    Als ich Student war, scherzte ich: Studien- und Prüfungsordnungen sind schwieriger zu verstehen als der Lehrstoff. Ich fürchte, es ist immer noch so. 🙂

  3. […] Professor für Programmier- und Modellierungssprachen an der LMU München, der dort Survival Kit für Bachelor-Studenten – ein sehr hilfreicher Beitrag – […]

  4. Marianne sagt:

    > Notenbewußt studieren

    Ärgerlich. Ich glaube viele (Bachelor-)Studenten gehen nur noch wegen der guten Noten (=gleichgesetzt mit guten Bewerbungschancen und Chancen auf einen Masterstudienplatz?) in die Uni. Das schließt sich nahtlos an das Vermeidungsverhalten aus der Schule an: In der Schule ist es schließlich derjenige der „Coolste“, der mit möglichst wenig Aufwand noch möglichst passable Noten erreicht. Sich für etwas wirklich zu interessieren gilt in der Schule unter den meisten Schülern als absolut uncool.

    Bei den Diplomstudenten mussten die Prüfungen zwar immerhin bestanden werden, aber wann immer ich eine Wahl hatte, habe ich nach meinem Interesse wählen können und nicht nach voraussichtlicher Einfachkeit und den daraus resultierenden guten Noten.

    Mir stellt sich die Frage, wie man diese Situation entschärfen kann, denn so gesehen sind ja momentan die wissbegierigen Studenten offenbar die Benachteiligten. Ich warte auf den Moment, wann es im Bachelorsystem zu einer derartigen generellen Noteninflation kommt, dass Noten komplett an Aussagekraft verlieren.

    Tja, u.a. wurde der Bachelor ja eingeführt, weil die Diplomstudiengänge angeblich zu gute Abschlussnoten hatten.. ich glaube die Noten waren fairer, weil man konnte während des Studiums wirklich etwas lernen und während man lernt muss man noch nicht gut sein. Am Ende vom Studium haben wir dann die Chance gehabt das Gelernte nochmal zu perfektionieren und daraus resultieren dann unsere/meine guten Noten. Fair, wie ich finde, schließlich haben wir uns den Stoff einiger Fächer dann am Ende auch wirklich gründlich angeeignet!

    P.S. Ich finde es extrem bedenklich, dass das Bachelor-Mastersystem es den Studenten schwerer macht, ein vorhandenes Interesse zu entdecken und zu fördern, denn in meinen Augen ist man nur in der Arbeit wirklich gut, für die man sich auch von Herzen begeistern kann. Bestimmt ist ein Teil davon auch Einstellungssache: Man kann sich für etwas interessieren. Nur glaube ich, dass man weit mehr Schwung und Energie aus einem schon vorhandenen Interesse nehmen kann, als aus einem „konstruierten Interesse“ für etwas, „das halt sein musste“.

    Wo führt das hin? Pflichterfüllung als Lebensinhalt? Macht das glücklich, oder erhöht das nicht eher die Depressionswahrscheinlichkeit?

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