Muss völlig überschneidungsfrei studiert werden können?

An meiner Universität, der Ludwig-Maximilians-Universität München, wird die Nebenfächerauswahl dramatisch verringert, damit „überschneidungsfrei“ studiert werden kann: für keinen Student dürfen nunmehr sich eine Haupt- und  eine Nebenfachlehrveranstaltungen zeitlich überschneiden.

Auf dem ersten Blick sieht es wie eine vernünftige Bestimmung aus. Beim Nachdenken kann man aber einsehen, dass zeitliche Überschneidungen nur an Universitäten möglich sind, die nur wenige Fächer anbieten. Da aber  dies an meiner Universität nicht der Fall ist, wird das Nebenfachangebot jedes Studienganges künstlich verringert: Im Informatik-Studiengang konnte man früher unter mehr als 20 Nebenfächer wählen, so darf man – offiziell – nur noch unter 6.

Diese 6 Nebenfächer sind zu einem Zeitpunkt genehmigt worden, als an unserer Universität vom „überschneidungsfrei studieren können“ noch nicht die Rede war. Auch für diese Fächer kann eigentlich das „überschneidungsfreie Studium“ gar nicht sichergestellt werden!

Diese Verringerung der Zahl an Nebenfächer stellt keine Nebenerscheinung einer im Grunde positiven Erneuerung der Studiengänge dar. Vielmehr ist sie eine Schädigung von – u.a. wirtschaftlichen – Perspektiven. In einer Zeit wo die Informatik allerlei Lebensbereiche bereichert und verändert, ist ein breites Nebenfachangebot nötig. Auch in den meisten anderen Fächer dürften die Folge der Regelung katastrophal sein.

Nun wird an meiner Universität behauptet, es  sei aus rechtlichen Gründen unabdingbar, völlig überschneidungsfrei studieren zu können. Stimmt das? Wird es allen anderen deutschen Universitäten so wie bei uns gesehen und gehandhabt?

Liebe Leserin, lieber Leser, kannst Du mir bitte helfen, diese Fragen zu beantworten?

FB

Tags:

7 Responses to “Muss völlig überschneidungsfrei studiert werden können?”

  1. Christoph sagt:

    Ich kann die Frage zwar nicht wirklich beantworten, aber soweit ich weiß haben zumindest Lehramtsstudenten in Erlangen bei einigen Veranstaltungen Anwesenheitspflicht – die wird zwar scheinbar nicht wirklich akribisch durchgesetzt – soll heißen, es wird eine Liste herumgegeben, aber wenn mal jemand anderes für einen Unterschreibt, stört es niemanden – aber zumindest ist es rechtlich so, dass man anwesend sein muss. Das weiß ich aber auch nur vom Hörensagen, ich bin mir also nicht wirklich sicher.
    Wenn es Anwesenheitspflicht gibt, ist es klar, dass Überschneidungen ein Problem darstellen, und dann auch durchaus gerechtfertigt, dass es ein rechtliches Problem ist, sein Studium deshalb nicht sinnvoll führen zu können. Wie das in der Bachelor-Informatik aussieht, ist mir allerdings nicht bekannt.
    Generell denke ich mal, es ist insofern ein rechtliches Problem, dass einige Studenten vermutlich andernfalls mit der Standardausrede „ich zahle Studiengebühren, ich will auch, dass alle Veranstaltungen so gelegt werden, dass ich sie besuchen kann“ kommen werden, um schlechte Zensuren zu rechtfertigen, und man dem vorbauen will. Ja, an vielem Verwaltungsunsinn sind garnicht die Entscheider, sondern ehr die Leute selbst schuld.
    Dieses Problem könnte man mit zwei einfachen Methoden lösen: Aufhören, auf Bachelor umzustellen, und die Studiengebühren wieder abschaffen. Es hat doch ganz gut so funktioniert, wie es war – nicht alles war perfekt, aber man hätte sich ja erstmal auf kleine Änderungen beschränken können. Oder wie der Informatiker es wohl ausdrücken würde: Never change a running system.

  2. Adrian sagt:

    Ich denke, eine überschneidungsfreies Studium ist sicher angenehm und sollte für übliche Nebenfächer selbstverständlich angestrebt werden. Dies aber als Voraussetzung zu nehmen erstickt eine mögliche Vielfalt ja im Keim!

    Ich meine, hier wird den Studenten eine mögliche Entfaltungsmöglichkeit im Studium genommen, auch exotische Kombinationen auszuwählen, die ihren persönlichen Interessen Rechnung tragen. Sein Hauptfach wählt man meist strikt nach beruflichen Interessen/Perspektiven, aber im Nebenfach ist man da freier. Also ich würde Japanologie trotz unsäglich vieler (unvermeidlicher) Überschneidungen nicht missen wollen – persönlich hat mich das so viel weiter gebracht (beruflich muss ich noch herausfinden), und das ist ja insbesondere auch ein Pluspunkt der LMU, das sowas möglich ist. Ein Studienkollege mit Informatik und Philosophie würde mir da, denke ich, auch zustimmen: Wir sind beides Informatiker, aber im Gespräch da merkt man uns unser Nebenfach schon an 😉

    Es wäre wirklich ein Armutszeugnis, dies aus rechtlichen Gründen einzustellen. Im Extremfall könnte ja vielleicht der geneigte Student gegenüber der Uni auf seine (falls vorhandenen) Rechte zum überschneidungsfreien Studium verzichten?

    Genauso allerdings wie mit Bachelor angeblich keinerlei verpflichtende Übungsaufgaben möglich sind, dies aber doch zahlreich praktiziert wird, gibt es wohl doch eine Anzahl von Regelungen, die eigentlich keinen Sinn machen. Warum sollte man diese dann umsetzen, anstatt sie zu boykottieren, oder zu versuchen sie zu ändern?

  3. widerspenst sagt:

    Ich habe meinen Stundenplan nie bauen können, ohne Überschneidungen zu haben, allerdings habe ich auch weder Bachelor studiert noch Gebühren bezahlt. Diese Herausforderung, mich zwischen zwei oder gar mehr Veranstaltungen entscheiden zu müssen, Prioritäten zu setzen und langfristige Überlegungen anstellen zu müssen (wenn ich es dieses Semester nicht tue, muss ich die Veranstaltung im übernächsten belegen), möchte ich im Nachhinein nicht missen. Im Berufsleben gibt mir schließlich auch niemand einen Stundenplan vor, es geht also nicht nur darum, Wissen anzuhäufen, sondern auch die Fähigkeit der Selbstorganisation zu erwerben. Das kommt in den verschulten Bachelorstudiengängen zu kurz.

  4. Alex sagt:

    Ich persönlich halte es für die beste Alternative, wenn dem Studenten die Wahl bleibt, ob er ein überschneidungsfreies Studium möchte (dafür aber die geringe Wahlfreiheit in Bezug auf das Nebenfach in Kauf nimmt) oder es vorzieht, ein „extravaganteres“ Nebenfach zu studieren (es dabei aber eben passieren kann, dass sich Veranstaltungen überschneiden). Dass ein überschneidungsfreies Studium nicht in allen Fachkombinationen gewährleistet werden kann, ist klar. Dass dies optimalerweise in den gängigen Fächerzusammenstellungen (so etwas wie „Informatik und Mathematik“) aber gebeben sein sollte, auch. Aber wenn ein Student sich auf eigene Verantwortung für den Mehraufwand, den zeitliche Überschneidungen mit sich bringen entscheidet, sollte das im Idealfall akzeptiert werden.

  5. Hubertus Kohle sagt:

    Dass in Zukunft nicht mehr so viele Nebenfächer wie bisher studiert werden können, ist in allen Fächern zu beobachten. Genau genommen passen Nebenfächer gar nicht in das Konzept der neuen Studiengänge. Deshalb gibt es in USA z.B. auch gar keine Nebenfächer, und wenn von dort jemand hierhin kommt, um zu promovieren, gibt es immer wieder Probleme, weil die Leute dann ein Nebenfach nachmachen müssen. Ich hätte daher das Ganze sowieso anders angelegt. Anstatt überall hochspezialisierte BAs aufzulegen, wie das im Moment passiert, hätte man die Sache eben pyramidal aufbauen müssen. Den BA sehr breit anlegen, dann erst im MA enger fassen. Damit wären dann auch alte Fachgrenzen aufgehoben worden und ein Nebenfach wäre – ich kenne das aber nur in den Geisteswissenschaften – gar nicht mehr so dringend notwendig gewesen.
    Konkret zur Überscheindungsfreiheit: Früher kam es auch vor, dass man auf andere Veranstaltungen ausweichen musste, da war das aber normalerweise kein Problem. Offenbar wird es jetzt durch die wahnsinnige Überregulierung zu einem Problem. Dass eine grundsätzliche Überscheindungsfreiheit gesichert sein muss, ist andererseits auch plausibel. Aber das jetzt zu bemängeln, scheint mir ein wenig spät: Wenn wir vor 5 oder 10 Jahren etwas gegen diesen ganzen Bologna-Prozess gesagt und massiv Krach geschlagen hätten, wäre vielleicht noch etwas gegen diese ganze Reform zu machen gewesen. Es tut mir übrigens um diese wunderschöne italienische Stadt wirklich ein wenig leid, dass sie jetzt immer mit diesem EU-Bürkoraten-Monstrum assoziiert wird.
    Hubertus Kohle

  6. Mein Freund Oliver Günther, Professor an der Humbiolt Universität zu Berlin, hat sich bei der Studiendekanin seiner Fakultät erkundigt. Ihre Antwort lautet:

    Natürlich gibt es auch bei uns das Problem der Überschneidungen in den Nebenfachangeboten. Aber wir haben bisher die Vielfalt der Angebote der Überschneidungsfreiheit vorgezogen. Wer sich für ein Nebenfach wirklich interessiert, findet auch Mittel und Wege, diese zu belegen. Und eine rechtliche Grundlage dafür, die Überschneidungen in Nebenfachangeboten strikt zu vermeiden, ist mir nicht bekannt. Habe mich auch noch im Studienbüro bei Frau Bönisch, die die Lehrveranstaltungen plant, erkundigt. Sie gab mir die gleiche Auskunft.

  7. Robert sagt:

    Während meines Studiums an der Universität des Saarlandes hat man sich zwar immer bemüht, die Anzahl der Überschneidungen so gering wie möglich zu halten, aber es gab diesbezüglich keine Vorschriften, und es hat auch keiner erwartet, völlig überschneidungsfrei studieren zu können. (Bei mir haben sich gleich im ersten Semester die Einführungsveranstaltungen von Haupt- und Nebenfach überschnitten.)

    Mich würde mal interessieren, worauf sich diese Überschneidungsfreiheit genau bezieht. Handelt es sich nur um Veranstaltungen, die man in einem gegebenen Semester belegen muss, oder die empfohlenen sind? Was ist mit Vorlesungen, die man ein Jahr später wiederholt? Oder solche, die man wählen könnte? Müssen diese alle überschneidungsfrei angeboten werden? Gibt es auch Regelungen, wenn zwei Hauptfach- oder zwei Nebenfachveranstaltungen untereinander kollidieren?

    Und speziell für München: wenn eine Hauptfachvorlesung im LMU-Hauptgebäude um 11:00 Uhr endet und die Nebenfachvorlesung auf dem TU-Campus in Garching um 11:15 Uhr beginnt, zählt das dann als überschneidungsfrei?

Leave a Reply