Coursera an der LMU?

Zwischen Tür und Angel habe ich in den letzten Tagen von verschiedenen Personen gehört, dass die Online-Kurs-Plattform Coursera an meiner Universität, der Ludwig-Maximilians-Universität Universität München, eingeführt wird. Ein Vertrag sei abgeschlossen worden oder stünde kurz vor dem Abschluss. Es wurde übrigens öffentlich und offen darüber gesprochen. Niemand bat um Vertraulichkeit.

Coursera ist ein Unternehmen, dass von zwei Professoren der Universität Stanford, Andrew Ng und Daphne Koller, gegründet wurde – die Wikipedia-Artikel über Coursera in englischer und deutscher Sprachen sind informativ. Der Coursera-Kurs von Andrew über Maschinelles Lernen genießt unter Informatikern einen exzellenten Ruf. Er wurde an meiner Universität von einigen Studierenden zum Selbstlernen benutzt, die sich mir gegenüber sehr positiv darüber geäußert haben. Das Geschäftsmodell von Coursera scheint noch nicht ganz ausgearbeitet worden zu sein, wie bei so vielen Start-Ups in den USA (auch Google hatte bei der Gründung noch kein Geschäftsmodell). Coursera und andere MOOC-Unternehmen scheinen Profit aus den folgenden Quellen erzielen zu wollen:

  • Veranstaltung von kostenpflichtigen beaufsichtigten Prüfungen, um die auf der MOOC-Platform erworbenen Zertifikate in ECTS oder sonstigen Credits umzuwandeln, die im Gegenteil zu MOOC-Zertifikate zum Erhalt eines Hochschulzeugnisses verwendbar sind.
  • Verkauf von Daten über Prüfungsleistungen von Studenten an Unternehmen – siehe den Artikel „Providers of Free MOOC’s Now Charge Employers for Access to Student Data“ der Chronicle of Higher Education vom 4.12.2012. Dabei wird sich selbstverständlich für die MOOC-Unternehmen die nicht ganz einfache Frage stellen, die sehr unterschiedlichen Datenschutzbestimmungen der verschiedenen Ländern einzuhalten.
  • Verkauf von Kurse an Hochschulen, die dann mit mehr menschlichen Betreuung abgehalten werden als übliche MOOC-Kurse.
  • Zusammenarbeit mit Hochschulen für die Entwicklung von weiteren Kursen oder für die Betreuung von MOOCs.

Für die Hochschulen, die MOOC-Unternehmen gegründet haben, scheint es vor allem darum zu gehen, ihre weltweite Sichtbarkeit weiter zu vergrößern, an weiteren guten Studenten aus allen Ländern zu kommen, an teuren Lehrpersonal zu sparen und ein Gebiet mit Unternehmen früh zu besetzen, das finanziell sehr profitabel werden könnte. Ich frage mich, wie die Kooperation zwischen meiner Universität und  Coursera gestaltet ist, was sie davon gewinnen können und wird leisten müssen.

Die Einführung von eLearning an europäischen Schulen, Gymnasien und Hochschulen halte ich für sehr wünschenswert und überfällig. Europäische Hochschulen haben seit Jahrzehnten mit einem noch weitgehend ungelösten Problem zu kämpfen: Die Massen-Lehrveranstaltungen. Ich sehe in den neuen Medien die Chance einige, wenn auch vermutlich nicht alle, Probleme der Massen-Lehrveranstaltungen zu überwinden. Seit dem Aufkommen der Massenuniversität in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts – schon seit 40 Jahren! – hat es, meine ich, noch keine solche Chance gegeben. Allerdings muss diese Chance ergriffen werden. Ob das dadurch gelingt, dass man Lehrangebote aus einem Hochschulsystem übernimmt, wo Massen-Lehrveranstaltungen weitgehend unbekannt sind, steht für mich offen.  Der Sinn eines teuren Studiums an einer Elite-Universität der USA, die nun MOOC-Unternehmen wie Coursera gegründet haben,  ist eben, nicht in Massen-Lehrveranstaltungen sondern unter wenigen Auserwählten lernen zu können.

Die Gründung von Unternehmen für eine solche Einführung halte ich als Informatiker für unabdingbar: Behörden, Hochschulen und staatliche Unternehmensgründungen wie in Deutschland HIS genießen an Hochschulen den Ruf, Qualitätssoftware weder konzipierten noch pflegen zu können. Ihre Software wird trotzdem verwendet, was gewaltige Kosten und einen bedauerlichen technischen Rückstand an Hochschulen angeblich verursacht. (Ob diese verbreitete Meinung ganz, zum Teil oder gar nicht zutrifft, will ich an dieser Stelle nicht diskutieren.) Ohne Qualitätssoftware zu arbeiten, können sich aber europäische Hochschule nicht länger leisten. (Das hört man an europäischen Hochschulen oft, jedoch scheint kaum jemand es offen und öffentlich sagen  zu wollen. Warum?)

Die MOOCs haben im Jahr 2012 eine großen Streit an US-Hochschulen entfacht, die erstaunlicherweise in Europa kaum Echo bisher gehabt hat – siehe dazu meinen Blog-Artikel „Hochschullehrer erheben die Stimme gegen die MOOCs“ vom 8.11.2012. Über die MOOCs wird man vermutlich im Jahr 2013 an deutschen Hochschulen sprechen…

Über die Verwendung von MOOCs an europäischen Hochschulen habe ich neulich im Blog-Artikel „eLearning: Eine europäische Perspektive“ ein paar Gedanken veröffentlicht. Ich verweise auf die in diesem Blog-Artikel zitierte Studie über die MOOCs, „Making Sense of MOOCs: Musings in a Maze of Myth, Paradox and Possibility„, die die umfassendste und interessanteste ist, die ich bisher zum Thema gelesen habe. Es ist davon auszugehen, dass diese Studie ein der Grundlage bei der Einführung der MOOCs in Groß-Britannien gewesen ist – dazu siehe den Blog-Artikel „MOOCs für Großbritannien„.

FB

13 Responses to “Coursera an der LMU?”

  1. Stefanie sagt:

    Hallo!

    Weißt du schon genaueres zum Thema des Kurses? Es soll ja auch einen von der TUM geben, weißt du dazu mehr?

  2. FB sagt:

    @Stefanie: „Weißt du schon genaueres zum Thema des Kurses?“ Coursera bietet viele verschiedene Kurse an. Nein, ich kenne kein spezielles LMU-Angebot auf Coursera. Ich nehme an, dass solche Kurse derzeit vorbereitet werden.

  3. Stefanie sagt:

    @FB

    Ich weiß, bin selbst seit ersten Minute bei Coursera/Udacity dabei und gespannt auf die deutsche Zusammenarbeit. Sie können mich ja auf dem Laufenden halten 🙂

  4. FB sagt:

    Stefanie: Gerne! So bald ich mehr erfahre, werde ich es hier mitteilen.

  5. Stefanie sagt:

    Vielen Dank!

  6. FB sagt:

    @Stefanie: Bitte sehr.

  7. Stefanie sagt:

    Sorry, wer Lesen kann ist klar im Vorteil 🙂 Ist schon gelistet:
    https://www.coursera.org/lmu
    https://www.coursera.org/tum

  8. FB sagt:

    @Stefanie: Vielen Dank!

    Weiss jemand, wie aus einem „Statement of Accomplishment“ ECTS gewonnen werden können?

  9. Stefanie sagt:

    Seit diesem Monat kann man ein offizielles Zertifikat der Uni erhalten über ein sog. Signature Track (49$, Webcam, ID und Schrifterkennung). Für weitere 49 $ gibts CPs. Beides ist bis jetzt in der Testphase für ausgewählte Kurse. Wahrscheinlich wird es so was auch für EU Kurse geben, wenn alles gut läuft.

    https://plus.google.com/u/0/communities/117130483000476703182?tab=mX ist eventuell von Interesse.

    Es bleibt spannend…

  10. FB sagt:

    @Stefanie: Was sind CPs? Wohl Bestätigungen über „course participation“, d.h., „Statement of Accomplishment“, oder? Die Kernfrage ist aber die Anerkennung fürs Studium an der LMU oder sonstwo in Europa, also der Erwerb von ECTS-Punkte.

  11. Stefanie sagt:

    Credit Points in Amerika. Ich weiß nicht, in wie weit diese auf ECTS übertragbar sind, da ich keine Studentin bin (ich nutze MOOCs aus Interesse/Beruf).

    Das ist alles noch offen, bis jetzt gab es keine CPs, da diese Kurse eher Hobbyisten/Schüler/Studienvorbereiter waren.
    Jetzt vertieft sich das ganze, bei Udacity kann man zum Beispiel ein offiziellen Zertifikat an einem Pearson VUE Test Center machen (weltweit). Ich denke das alles muss sich erst in den USA etablieren und anerkannt sein, um es dann auch in Europa zu verwirklichen.

    Die Dinge ändern sich bezüglich MOOC fast wöchentlich, daher können wir gespannt sein, wohin es führen wird. Vor einem Jahr konnte man die Kurse an einer Hand abzählen und es gab keine CPs oder Zertifikate. Es ist halt alles ein „Experiment“. Mich hat es aber doch sehr erstaunt, das Europa und speziell Deutschland schon jetzt mit einsteigt. Hätte ich eher in 5 Jahren erwartet…

    Sie können ja mal bei einem Coursera Meetup in München vorbeischauen. Bei solchen Treffen kommen immer interessante Leute und Gespräche zusammen.

  12. Gerry sagt:

    Falls es jemanden interessiert, die Kurse werden folgende sein:

    https://www.coursera.org/course/compvision

    https://www.coursera.org/course/compstrategy

  13. […] auch eine Antwort auf die Probleme von Massenveranstaltungen im deutschen Universitätssystem sein (Coursera an der LMU?). Wir werden auf jeden Fall 2013 mehr von Moocs im deutschen Bildungssystem […]

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