Ein Informatik-Studium in drei Jahre ergibt keinen Sinn

Als Hochschullehrer stelle ich fest: Ein Universitätsstudium der Informatik in drei Jahre ergibt keinen Sinn. Innerhalb dieses Zeitraumes haben die überwältigende Mehrheit der Informatik-Studenten nicht die Zeit, erstens sich in Themen einzuarbeiten, die im Gymnasium zu wenig oder gar nicht behandelt wurden (in der Mathematik vor allem mathematische Beweise, Logik, Linearalgebra, Analysis und Statistik; in der Informatik: Datenmodellierung, Programmierung, Grundlagen der Komplexität von Algorithmen), zweitens ausreichen selbst das Erlernte umzusetzen, um für den beruflichen Einsatz als Informatiker ausreichend vorbereitet zu sein.

Es mag ein paar wenige Studenten, die innerhalb der vorgeschriebenen drei Jahren eines Bachelor-Studium gut genug lernen können, um als Informatiker berufstätig zu sein. Ich stelle aber fest, dass mir bisher keinen einzigen solchen Student über den Weg gelaufen ist. Und ich glaube nicht, dass es daran liegt, dass die Studiengänge, in denen ich unterrichte, viel schlechter sind als woanders.

Der Ausgangspunkt der Gestaltung eines Studienganges muss … das Fach und die Schulbildung der Studierenden sein. Wollte man im Ernst einen guten Informatik-Studiengang gestalten, so müsste man beides berücksichtigen und dadurch auch, klare Anforderungen an die Gymnasien und Gymnasiasten stellen und annehmen, dass nicht alle sie erfüllen. Das wird nicht getan, weil unsere Gesellschaft die bequeme und politisch-korrekte Illusion pflegt, dass ein einheitliches Abitur jeden Abiturienten für jeden Studiengang ausreichend qualifiziert. Es ist nicht der Fall und wer daran zweifelt, sollte sich an Hochschulen umsehen … oder zehn bis zwanzig Jahre abwarten: Dann wird höchstwahrscheinlich die deutsche IT-Branche Informatiker aus China und Indien massenhaft einstellen, um die Mängel der hiesigen Informatiker-Ausbildung auszugleichen.

Man wird mir sagen, dass die Bachelor-Studiengänge doch „berufsqualifizierend“ seien. So steht es in der Tat in den Studienordnungen. Diese Aussage ist nichts anderes als ein Betrug. Sie hat keinerlei Grundlage. Sie wurde von Bildungspolitikern erzwungen, ohne dass Fachleute – seien sie Hochschulpädagogen, Hochschullehrer oder Berufsinformatiker – darüber angefragt wurden. Diese Aussage ist genauso so idiotisch wie die Behauptung, der Straßenverkehr bliebe sicher, wenn man ohne jegliche Anpassung der Straßen und Autobahnen die Höchstgeschwindigkeit verdoppeln würde.

Rückblickend finde ich beschämend, dass wir, Hochschullehrer, bei der Einführung von verkürzten Studiengängen so brav mitgemacht haben. Zugegeben wussten wir nicht, dass die Studiendauer zu kurz war. Warum denn nicht? Das ist eine Frage, die wir, Hochschullehrer,  uns stellen sollten!

FB

13 Responses to “Ein Informatik-Studium in drei Jahre ergibt keinen Sinn”

  1. hck sagt:

    Mehrerlei:

    1. Wir werden bezahlt von Steuerzahler’s Geld. Wenn/da Steuerzahler’s gewählte Vertreter beschlossen haben, dass ein Abitur für jeden grundständigen Studiengang qualifiziert: müssen wir unsere Studiengänge so ausgestalten, dass das zutrifft. „Wer zahlt schafft an.“

    2. Philosophie bietet an der LMU neben 3JahreBA+2JahreMA auch 4JahreBA+1JahrMA an. Es liegen noch zu wenige Erfahrungen vor um sagen zu können ob’s was bringt, aber es zeigt zumindest, dass derlei möglich ist.

    3. B A „berufsbefähigend“ : Ist wohl von Fach zu Fach verschieden. War ja auch früher schon so, dass z.B. wer Chemie studiert hatte nach dem Diplom auch noch promovieren musste, um gute Chance auf einen ordentlichen Chemiker-Arbeitsplatz zu haben.
    Und wenn wir die Hürden für den Zugang zu den Masterstudiengängen nicht zu hoch legen (und nicht zu viele Studierende bereits während der grundständigen Studiengänge verlieren): sehe ich auch nicht das Problem zu weniger arebeitsmarkttauglich ausgebildeter Absolvent/inn/en.

  2. Marianne sagt:

    Ach was, viele Informatiker arbeiten in der Industrie und programmieren! Das haben viele vor dem Studium schon gemacht und das werden sie nach dem Studium weiterhin tun.

    Seien wir ehrlich: Ganz viele Themen aus dem Studium haben in der Industrie auf die tägliche Arbeit keinerlei Auswirkungen. Da zählt vor allem, dass man ein findiger Kopf ist, der sich schnell selbstständig in neue Technologien einarbeiten kann.

    Ein Studium mit Hintergrundinformationen ist zwar interessant und eine gute Übung sein Gehirn zu schulen, aber das mit „Berufsqualifikation“ gleichzusetzen war doch schon immer ein Märchen. Wirkliche Berufsqualifikation erwirbt man im Normalfall durch weit mehr Faktoren als nur durch die Hochschulbildung.

  3. FB sagt:

    @Marianne: Das sehe ich nicht so. Während der letzten Wochen habe ich zwei Informatiker getroffen, die mit 40 Jahre ihre Stellen verloren haben und seit Monaten keine neue finden, weil ihre Informatik-Ausbildung nur dafür ausgereicht hat, dass sie anderthalb Jahrzehnt lang „in der Industrie programmierten“.

  4. FB sagt:

    @hck: Wenn die Steuerzahler beschließen würden, dass in einem Jahr Chinesisch gelernt werden müsste, dann musste man es auch glauben? Mit Verlaub: Das ist Quatsch!

  5. hck sagt:

    Wenn der Gesetzgeber sagt dass in einem Jahr Chinesisch zu lernen ist, dann müssen wir unsere Chinesisch-Studiengänge so umstellen, dass wir entsprechzenden Intensivunterricht erteilen, der das möglich macht. (Ja, das bedeutet, dass sehr viel weniger Leute in einem solchen Studiengang Chinesisch studieren können, als in einem der länger dauert.) Oder wir verlangen mehr Eingenarbeit der Studierenden. (Für Altprovenzalisch war damals weit zurück in der Vergangenheit wo ich’s gelernt habe auch nur 1 Semester für die Grundlagen und 1 Semester für den Ausbau vorgesehen.)

  6. FB sagt:

    @hck: Entschuldigung: Auch in einer Demokratie ist diese Meinung Quatsch: Was nicht geht, muss die Fachperson auch dann ablehnen, wenn die Mehrheit es beschlossen hat. Das wissen wir übrigens seit der griechischen Antike, die die Demokratie erfunden hat. Die Kadavergehorsam wird beim Militär (aus guten Gründen und schlechten Erfahrungen) nicht länger verlangt. Sollte sie von Hochschullehrer deswegen erwartet werden, weil sie Beamte sind?

  7. hck sagt:

    Es geht nicht um Kadavergehorsam. Es *ist* möglich eine Sprache innerhalb eines Jahres zum lernen. Z.T. geht’s auch schneller. (Cf. das Nachlernen von Griechisch und Hebräisch in Protestatintischer und Katholischer Theologie.)

    Demokreatische Beschlüsse können nicht festlegen welche Aussagen wahr oder falsch sind.

    Aber wo sie umsetzbar sind sind sie umzusetzen.

  8. FB sagt:

    @hck: Lassen wir die Femdsprachen beiseite, die nicht mein Gebiet sind. Ich bleibe bei der Meinung, dass ein Universitätsstudium der Informatik in nur drei Jahre in Deutschland vor allem die Chinesen und die Inder zugute kommen wird, die ein besseres Studium als viel der der hiesigen Informatik-Studenten geniessen.

  9. jota sagt:

    Der Bachelor ohne eine ehrliche Aufnahmeprüfung, die im Voraus die Einstiegshürden klarstellt ist meiner Meinung nach sinnlos, nicht in drei Jahren machbar und letztendlich von schlechter Qualität. Ich glaube, dass es die hiesige freiheitliche Auffassung des Studiums ist, die zu einer Erwartung führt, bspw. schulische Unterschiede, im Studium noch ausgleichen zu können. Das ist aber vermutlich rein zeitlich nicht möglich (bleibe man bei den 6 Semestern).

    Und genau das finde ich am Bachelor so „tricky“, denn es ist möglich, die Module nach und nach hinter sich zu bringen, jedoch ohne das Erlangen von einem tieferen Verständnis wegen schlechter Grundlagen. Ich glaube, dass die Leute, die das notwendige Niveau an Schulmathe am Start mitbringen und die drei Jahre mehr und weniger ordentlich mitarbeiten, am Schluss sowohl für den Master als auch für einen Berufseinstieg bereit sind. Mehr oder weniger ordentlich bedeutet aber einen klaren Kopf für das Vollzeitstudium, d.h. keine Doppelbelastung wie Jobben für den Lebensunterhalt.

  10. lars sagt:

    Was ist denn der Unterschied im Studiumsaufbau im Vgl zum Ausland ?

  11. FB sagt:

    @jota: So sehe ich es auch.

  12. FB sagt:

    @lars: Eine belastbaren Vergleich, sei es nur für die Informatik, ist mir mnicht bekannt. In den Niederlände zum Beispiel gibt es mehr Zeit für ein Informatik-Bachelor als in Deutschland.

  13. MGM sagt:

    Es hat wohl niemand erwartet, dass der Übergang zum Bachelor-Master Studium völlig rebungsfrei verläuft. Die Probleme die wir heute haben folgen IMHO aus politsch und formal korrekter Gleichschaltung. Das enge Korsett aus Prüfungen und (der sogenannten) Regelstudienzeit dient allem, jedoch nicht dem Studium der Informatik. Das ist natürlich, da es von nicht-Universitätsangehörigen gefordert und beschlossen wurde.

    Den einzigen Vorwurf den sich Hochschulen und Hochschullehrer gefallen lassen müssen ist, dass den Lernenden keine Möglichkeit geboten wird sich dem Formalismus zu entziehen und dem Studium der Informatik zu widmen. Die Vorteile für Studenten aus dem Bolognaprozess sind nicht unveräußerlich.

    Das Phänomen und den Begriff des Bulimielernens kannte mein Physiklehrer schon da war Bologna eine Autobahnausfahrt auf dem Weg in den Urlaub und kein Prozess. Über die Implikationen der Tatsache, dass man eine echte Teilmenge des prototypischen abgeschlossenen Studiums der Informatik als „berufsqualifizierend“ bezeichnet darf sich jeder selbst freuen.

    Am Ende aller zielführenden Überlegungen und zynischer Eskapaden sollte man verinnerlichen, dass vollendete Informatiker Meister ihres Fachs sind und man quasi modo für den Beruf qualifiziert ist.

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