Das Institutsgebäude in der Oettigenstraße ist gefährlich

Ist das Institutsgebäude der Ludwig-Maximilians-Universität München in der Oettingenstraße gefährlich?“ habe ich mich oft gefragt. Meine Arbeitsgruppe hat ihre Arbeitsräume in diesem Gebäude, wo auch ein Teil ihrer Lehre stattfindet. Ich hatte den Eindruck, dass das Institutsgebäude zu wenig Notausgänge hatte. Die zuständige Mitarbeiterin der Universitätsverwaltung versicherte mir zuerst, dass alles in Ordnung war. Dann wurde das Gebäude renoviert und ungefähr 20 zusätzliche Notausgänge wurden gebaut.

Oft haben mich Mitarbeiter oder Studenten über die Sicherheit im Gebäude angesprochen. Neulich sagte mir die Sekretärin unserer Arbeitsgruppe, die meine Blog-Artikel und Schreiben an den Kanzler über den Asbestbefund im Institutsgebäude kennt: „Meinen Sie nicht, dass abgesehen vom Asbest einiges im Gebäude nicht gefährlich sein könnte?“ „Abgesehen von Asbest? Was meinen Sie?“ fragte ich sie. „Seit mehreren Wochen kam die Feuerwehr nicht mehr“ antwortete sie „früher kann sie aber jede Woche wegen eines falschen Alarms. Sind die Feuermelder vielleicht abgeschaltet?“ Das kann ich wirklich nicht jetzt bei der Universitätsverwaltung fragen, von der ich schon versuche Auskünfte über den Asbestbefund zu bekommen, dachte ich. Ich lag falsch und unsere Sekretärin, wie allzu oft, richtig. Die Feuermelder sind nicht ausgeschaltet – zumindest waren gestern manche nicht abgeschaltet – aber das Gebäude ist – „abgesehen vom Asbest“ – keineswegs ungefährlich.

Gestern wurde im F-Flügel ein neuer Bodenbelag verlegt. Teil der Arbeiten war eine Art Verschweißung der blauen mit den grauen Bodenbelägen, was zwei Folgen hatte: Erstens roch es im ganzen Haus verbrannt; zweitens haben die Feuermelder gegen 11-12 Uhr reagiert, einen Höllenlärm veranstaltet und auch die Feuerwehr gerufen. Diese stand zunächst hilflos vor dem Haupteingang, der wegen Bauarbeiten seit Wochen versperrt ist, und musste genau wie viele Studenten in den letzten Wochen erst den Zugang ins Haus suchen.

Als die Feuerwehr dann im Haus waren und schließlich den Arbeiter fanden, dessen Arbeit vermutlich der Auslöser war, gab es Verständigungsschwierigkeiten, weil dieser Arbeiter kein Deutsch kann. Irgendwie wurde die Sache dann wohl telefonisch mit jemandem in seiner Firma geklärt. Die Feuerwehrleute waren schockiert, weil sie mehrere Verstöße gegen die Brandschutzvorschriften festgestellt hatten. „Zum Glück war es kein Feuer“ sagte der Einsatzleiter, „sonst hätte es verheerende Folgen haben können.“ In der Tat: Gestern fanden sich wegen einer Sonderveranstaltung sehr viele Menschen im Institutsgebäude.

Einiges davon, was die Feuerwehr gestern missfallen haben muss, war heute Abend – ungefähr dreißig Stunden nach dem Feuerwehreinsatz! – immer noch zu sehen, als ob gestern nichts passiert wäre. Auf dem 3 Minuten langen Weg zu einer Lehrveranstaltung habe ich heute  ein paar Fotos davon aufgenommen. Das Ergebnis hat mich selbst erschüttert, der im Gebäude arbeitet. Ich habe mich offenbar daran gewöhnt, Gefährliches im Institutsgebäude zu übersehen.

Die meisten Notausgänge im Untergeschoss waren heute gegen 16 Uhr mit Baumaterialien gesperrt.

 

Fast alle Rauchschutztüren waren heute fest verkeilt. Das dritte Foto ist besonders interessant: Das rote Kabel ist das Kabel der Feuermelder, welches derzeit an der Wand verläuft und somit zwei Zwecke erfüllt.

 

 

Einige Rauchschutztürhalter sind beschädigt, obwohl sie alle vor der Renovierung des Gebäudes im guten Zustand waren.

 

Und am Boden lauern alle mögliche Gefahren (das erste Foto wurde am 30.10.2012 aufgenommen, die anderen heute).

Eine Steckdose unter Strom hing heute halb aus der Wand, so das die Stromkabel berührt werden könnten. (Die Steckdose liefert den Strom für das Licht, das im Hintergrund am Boden liegt. Das zweite Foto wurde am 13.11.2012 aufgenommen.)

Die Verantwortlichen sind in den letzten Jahren oft durch viele verschiedenen Personen über die Missstände im Institutsgebäude in der Oettingenstraße aufmerksam gemacht worden. Aber „man kriegt nur Ärger, wenn man ein Problem im Institutsgebäude meldet„, sagte mir heute ein ehemaliger Personalvertreter,“folglich haben alle die Waffen gestreckt.“ Die größte Gefahr geht also nicht von der Missachtung der Sicherheitsvorschriften im Institutsgebäude in der Oettingenstraße aus, sondern von der Untätigkeit und Verantwortungslosigkeit derjenigen bei den Bauunternehmen, bei der Universitätsverwaltung und vielleicht auch beim staatlichen Bauamt, die „Verantwortlichen“ heißen: Ganz offensichtlich wird schon seit Monaten die Baustelle unzureichend überwacht. Das erklärt auch, dass erst Monate nach der Freilegung eines Stoffes erkannt wurde, dass er asbesthaltig war (siehe „Fragen zum Asbest in der Oettingenstraße„).

Ist also das Institutsgebäude in der Oettingenstraße gefährlich? Heute antworte ich: Ganz eindeutig Ja.

FB

Post Scriptum: Am 10.12.2012 ist in der Süddeutschen Artikel ein Artikel mit dem Titel „Gefährliche Löcher“ erschienen, der den leitender Branddirektor im Kreisverwaltungsreferat München, Ewald Penzenstadler, wie folgt zitiert:

Da gab es brandschutzrechtliche Mängel, die teils eine erhebliche Gefahr für die Nutzer des Gebäudes bedeutet haben. Man muss sich fragen, was die am Bau Beteiligten für ein Verantwortungsbewusstsein haben. […] Bei den Brandschutzmängeln, die man während einer Begehung Ende November vorgefunden habe […], hätte das Gebäude eigentlich nicht benutzt werden dürfen. […] Bei einem privaten Betreiber hätten die Mängel ‚auch Sanktionen gerechtfertigt‚, das sei bei einem staatlichen Betreiber wie in diesem Falle aber nicht möglich.

Die meisten im obigen Blog-Artikel erwähnten Mängel waren vor der Begehung der Branddirektion München im Institutsgebäude beseitigt worden.

Post Post Scriptum: Seit Anfang des Jahres 2013 wird bei der noch laufenden Renovierungsarbeiten im Institutsgebäude Rücksicht wie nie zuvor auf sowohl Sicherheit wie Menschen genommen. Ab und zu parken Fahrzeuge der Unternehmen, die an der Renovierung beteiligt sind, auf der Feuerwehrweg um das Gebäude. Eine Meldung reicht nun aber aus, damit sie woanders geparkt werden. Innerhalb des Gebäudes werden jedoch immer wieder Arbeiten durchgeführt, ohne dass der Arbeitsbereich abgetrennt wird, was in einigen Fälle mir nicht unbedenklich erscheint. Auffällig ist, dass Arbeite, die viel Staub erzeugen, nun nur noch mit laufenden Staubsauger durchgeführt werden.

13 Responses to “Das Institutsgebäude in der Oettigenstraße ist gefährlich”

  1. NE sagt:

    Es ist ja nicht so, dass der Feuerwehreinsatz ganz ohne Folgen geblieben wäre. Am Montag Vormittag kam folgende Mitteilung an die Mitarbeiter (!)

    Zitat:
    „Aus Brandschutzgründen müssen die Fluchtwege und Gänge frei sein.
    Deswegen die Bitte an alle, die Flure nicht zu verstellen.
    Salz,Klimaanlagen,BauMüll,Gitterwagen,Kühlgeräte, vorallem Brandlastiges
    Verpackungsmaterial oder Behältnisse aus Plastik,etc.haben dort nichts zu
    suchen.
    Bitte bis 30.11.2012 entfernen.“
    Zitat Ende

    Sind Baumüll, Salz und überhaupt die Zustände im Gebäude vielleicht Abfallprodukte von Lehre und Forschung?

  2. FB sagt:

    @NE: „Aus Brandschutzgründen müssen die Fluchtwege und Gänge frei sein. Deswegen die Bitte an alle, die Flure nicht zu verstellen. Salz, Klimaanlagen, BauMüll, Gitterwagen, Kühlgeräte, vorallem Brandlastiges Verpackungsmaterial oder Behältnisse aus Plastik,etc.haben dort nichts zu
    suchen. Bitte bis 30.11.2012 entfernen.

    Die Verantwortung für die Gebäudesicherheit wird mit solcher Rund-E-Mail auf Mitarbeitern geschoben, die weder dafür verantwortlich sind, noch die Gänge versperrt haben, noch in der Lage sind, die Gänge zu befreien.

  3. CM sagt:

    Also ich finde das ungeheurlich! Wie kann das die Universitätsleitung denn bitte verantworten, wenn mal was passiert? Ich kenne Institute, da fährt man das andere extrem, und viele regen sich immer wieder über die Vielzahl an Vorschriften zu Brandschutz und Fluchtwegen auf – auch ich manchmal. Aber wenn ich diese Zustände sehe, bin ich über Vorschriften froh!

  4. Flo sagt:

    In der Physik werden hier im Gebäude seit mehreren Jahren die Labore nicht alarmiert. Die Verwaltung wurde schon mehrfach darauf hingewiesen, aber es scheint nicht wichtig zu sein.

    In unserem Kafferaum wurde von der Verwaltung peinlich genau darauf geachtet, dass die Tür nicht verkeilt ist. Ob die Brandschutztüren verkeilt sind interessiert niemanden…

    Von dem Feueralarm hat man im restlichen Gebäude übrigens nichts mitbekommen: das ist auch Teil des neuen Brandschutzkonzepts!

  5. FB sagt:

    @CM: Brandschutzvorschriften sind in der Tat lästig und doch wichtig. Und wo sie missachtet werden, lauert Gefahr. In solchen Fällen muss man die Stimme auch erheben, wenn es unangenehme Folgen haben mag. Als Hochschullehrer sehe ich mich ganz besonders in der Verantwortung.

  6. Hattori Hanzo sagt:

    „Bitte bis 30.11.2012 entfernen.“

    Liebes Feuer,

    bitte warte Dezember, falls Du wirklich dringend ausbrechen willst. Wir brauchen leider noch zweieinhalb Wochen, um die Türen freizuräumen.

    Herzliche Grüße
    Dein Hochschulgebäude

  7. FB sagt:

    @NE: Gerade habe ich mit Herrn N.N., dem Hausverwalter (den ich fälschlich Hausmeister geannt habe) gesprochen, der gestern die Rund-Email verschickt hat: Er erfuhr erst heute gegen 16 Uhr über mich vom Feuerwehreinsatz am letzten Sonntag. Die Rund-Email ist nur eine Email, wie er seit längerer Zeit regelmäßig verschickt.

    Post Scriptum (am 16.11.2012 um 10:17): Den Namen desHausverwalters habe ich auf Anforderung seines Vorgesetzer durch N.N. ersetzt, der mich am 19.11.2012 um 9:38 Uhr dazu aufgefordert hat: „Herr N.N. (von mir ersetzt) bittet darum, ihn in Ihrem Blog nicht namentlich zu erwähnen. […] Könnten Sie hier bitte seinen Namen z.B. durch die Bezeichnung „Hausverwalter“ ersetzen. Ich sehe in dem Eintrag zwar keine Rufschädigung, aber es möchte eben nicht jeder namentlich in der Öffentlichkeit erscheinen.“

  8. dasuxullebt sagt:

    Ich möchte an dieser Stelle darauf hinweisen, dass im mathematischen Institut in der Theresienstraße die ausgewiesenen Fluchtwege (die Haupteingangstüren) nach 22 Uhr versperrt werden, also nicht einmal von innen zu öffnen sind, während der einzige mir bekannte Fluchtweg nicht ausgeschildert ist.
    In Anbetracht des Brimboriums mit Bänken und Stühlen die nicht im Flurbereich stehen dürfen, und dem Verbot, Papier an die Türen zu kleben – Snake Oil, wenn man mich fragt – finde ich das eher seltsam.

    Soll heißen, ich habe ohnehin bisher eher den Eindruck gewonnen, dass der Brandschutz and er LMU eher aus dem Elfenbeinturm der Verwaltungsmaschinerie betrachtet wird, und weniger somatisch.

  9. hmmmm sagt:

    Ich hätte ein schlechtes Gewissen, in so ein Gebäude Leute zu lassen.

    Vielleicht wäre es das Beste, alle Mitarbeiter, die einem unterstellt sind, aus dem Gebäude zu schicken. Und ebenfalls alle Studenten aufzufordern, es zu verlassen (und natürlich Veranstaltungen in dem Gebäude abzusagen).

    Sie können ja mal den zuständigen Brandschutz-/Sicherheitsbeauftragen fragen, ob er Ihnen schriftlich geben kann, daß er die Nutzung des Gebäudes für verantwortbar hält.

  10. FB sagt:

    @hmmmm: Ich habe den Verantwortlichen für die Gebäude der LMU kontaktiert und aufgefordert, so bald wie möglich für bessere Umstände zu sorgen. Ich werde darüber berichten, was passiert. Lehrveranstaltungen absagen ist leicht, könnte aber Studenten benachteiligen, weil Lehrveranstaltungen aus verschiedenen Gründen kaum nachzuholen sind: Es fehlt an Zeitlücken, die allen Studenten passen; es fehlt an Räume.

  11. hmmmm sagt:

    An einer Rauchvergiftung zu sterben ist aber auch ein Nachteil.

    Und so, wie das da aussieht, ist die Frage nicht ob was passiert, sondern wann was passiert.

    Rauch, der ungehindert durchs Gebäude zieht, eine Feuerwehr, die nicht reinkommt, Studenten, die nicht rausfinde oder sich vor dem verengten Notausgang erdrücken.

  12. FB sagt:

    @hmmmm: Ich sehe es genauso wie Sie, weswegen ich – als meines Wissens der einziger Professor im Institutsgebäude – handle: Mit meinem Blog-Artikel und mit einem Brief an den Verantwortlichen. Über jede Unterstützung freue ich mich. Höre ich aber auf, meine Lehrveranstaltungen zu halten, so würde ich in den Verruf geraten, einfach nicht arbeiten zu wollen. Alleine kann ich nicht anders handeln, meine ich. Über jeden Hinweis bin ich sehr dankbar, weil ich zu gut weiss, wie schnell man irrt.

  13. […] Tag nach dem Feuerwehreinsatz, worüber im Artikel “Das Institutsgebäude in der Oettigenstraße ist gefährlich” berichtet wird, schickte der Hausmeister des Institutsgebäude in der Oettingenstraße die […]

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