Was ist denn der Sinn davon, Vorlesungen zu halten…

Heute hat ein Student in einer meiner Lehrveranstaltungen einen Nervenzusammenbruch erlitten. In der vorherigen Nacht hatte er bis 3 Uhr am Vortrag gearbeitet, sagte er mir, den er heute gehalten hat. „Ich bin froh, dass dies nicht während des Vortrags passiert ist“ sagte er dazu.

In einer Diskussion mit den anwesenden Studenten versuchte ich herauszufinden, wie groß für sie der Zeit- und der Prüfungsdruck ist. Sehr groß und für alle. Einige Studenten, die mir während den letzten Monaten den Eindruck gegeben hatten, ihr Studium souverän zu meistern, erzählten mir, dass sie mehr als einem Monat vor dem Ende der Vorlesungszeit schon nur noch für die Klausuren pauken, die am Ende der Vorlesungszeit stattfinden werden, und deswegen kaum noch Zeit für den Besuch von Vorlesungen noch haben.

Vor der Bologna-Reform gab es Studenten, die ein paar Tage oder Wochen vor anstehenden Prüfungen Lehrveranstaltungen nicht mehr besucht haben. Das tasten aber nur weinige. Nun ist es ein Massenerscheinung geworden.

Was ist denn der Sinn davon, Vorlesungen zu halten, wenn eine Großzahl der Studenten wegen Zeit- und Prüfungsdruck sie nicht besuchen können?

FB

Post Scriptum: Ein Kollege der Geisteswissenschaften hat mir gesagt, dass auch in seinem Fach schon zwei Monate vor dem Ende der Vorlesungszeit eine sehr große Zahl von Studenten die Lehrveranstaltungen nicht mehr besuchen.

10 Responses to “Was ist denn der Sinn davon, Vorlesungen zu halten…”

  1. lars sagt:

    Was ist ein Nervenzusammenbruch bzw wie lief dieser ab?
    Ich kann so ein Verhalten (in diesem Zusammenhang) nicht wirklich nachempfinden.
    Da muss es ja drastische Gründe geben.

    Zugegeben: Eine zu hohe Leistungsbereitschaft musste ich auch schon büßen, allerdings würde ich in meinen Fall nicht die Uni als Ursache nennen wollen.

    Ich arbeite auch oft in der Nacht an Übngsblättern, lese Blogs, lerne, löse Übungsblätter, arbeite an einem Vortrag, korrigiere Auswertungen… – allerdings wähle ich diese Arbeitszeit meist freiwillig, da ich in den ersten Stunden ab ca. Mitternacht am effizientesten vorankomme.
    Bleibt allerdings diese Wahlmöglichkeit aus, da zB von Seiten der Uni zuviel verlangt wird, so ist dies ein Problem dem man begegnen muss.
    Ein Einzelfall würde ich da lediglich höchstens als Warnsignal sehen, da man hier auch von anderen Gründen ausgehen kann. ZB kann auch Überforderung oder unnötiger Perfektionismus Ursache sein.

    Zu den Prüfungen:
    Was spricht dagegen den Prüfungszeitraum über mehrere Monate (mind. 2) zu strecken ?
    Wieso werden sämtliche Prüfungen innerhalb kürzester Zeit abgehalten (teils 3 oder mehr pro Woche) bzw noch weit schwerwiegender: wieso schreibt man bereits teilweise WÄHREND oder unmittelbar nach der Vorlesungszeit Klausuren ?
    Wieso keine längere Pause bis zu den ersten Prüfungen ? (ProMo ist da jetzt mal eine unfreiwillig angenehme Ausnahme )

    Man könnte zB für dieses Sommersemester die Klausurenzeit im September beginnen lassen. Ich würde dies begrüßen. Ich weiß, dass es genug gibt, die anderer Ansicht sind. 😉

    Das jetzige Modell (Vorlesung mit unmittelbar anschließenden Prüfungen innerhalb weniger Wochen (idR max 3) muss doch solche Symptome provozieren.

  2. FB sagt:

    @lars: Über den Vorfall werde aus Rücksicht auf den Betroffenen nichts mehr mitteilen, als dass er stattfand.

    Jeder reagiert anders auf Druck. Und nicht jeder ist zu jeder Zeit so stark, wie andere in ähnlichen Situation es sind.

    Wenn mehrere Studenten mir berichten, Vorlesungen nicht mehr besuchen zu können, weil sie sich auf Klausuren vorbereiten, dann ist die Lage ernst. Und wenn viele Dozenten und ich selbst feststellen, dass tatsächlich viel mehr Studenten als je zuvor in der zweiten Hälfte der Vorlesungszeit fern von Vorlesungen bleiben, dann ist die Lage sehr ernst.

    Ich boin ganz Ihrer Meinung, dass die Prüfungen nicht unmittelbar am oder nach dem Ende der Vorlesungszeit und über einen längeren Zeitraum stattfinden sollten – wenn auch derzeit die Mehrheit der Studenten wahrscheinlich dagegen ist.

  3. Tina sagt:

    Ein Wort zu den Prüfungsterminen: Es gibt ziemlich viele Studenten, die in der vorlesungsfreien Zeit a) arbeiten müssen, um das Studium überhaupt zu finanzieren und/oder b) von der Prüfungsordnung vorgeschriebene Praktika machen müssen, während denen sie keine Zeit zum Lernen haben. Vom rein pädagogischen Standpunkt aus bin ich absolut dafür, zwischen Vorlesungszeit und Prüfungen etwas Luft zu lassen. Die genannten Gründe sprechen allerdings dagegen.

  4. Katja sagt:

    Man kann die vorlesungsfreie Zeit schlecht planen (zb Arbeit oder Praktika), wenn man nicht weiß, wann Prüfungen stattfinden. Eine Möglichkeit ist, einen Teil der Prüfungen in der Woche vor dem Vorlesungsbeginn des nächsten Semesters zu machen.

  5. lars sagt:

    Ich finde auch dass man sich Gedanken über die Ursachen machen sollte. Ich will nur darauf hinweisen, dass die Ursachen auch abseits der Uni liegen können.

    Tritt dieses Phänomen vorwiegend bei den mittlerweile immer jüngen Studenten auf ?
    Betrifft es ältere und höhersemestrigere Studenten ebenso ?
    Ist es Fach- / Vorlesungs/Semester-/Länderspezifisch ?
    Lässt sich über einen größeren Zeitraum ein Trend erkennen ?

    Gibt es dazu gar schon Umfragen ?

    Aber im Bezug aufs Bachelor/Mastersystem:
    Ist der Notendruck auf die Studenten tatsächlich so massiv erhöht worden ? Liegt es an den scheinbar immer stärker einschränkenden Lehrplänen ? (für interessante,selbst gewählte Themen ist der Leidensdruck bei gleichem Aufwand vlt niedriger)
    Ist der zu erwartende Arbeitsaufwand gestiegen ?

    Ist es vielleicht auch dadurch bedingt, dass ein womöglich immer größerer Anteil der Studentenschaft arbeitet ?

    Sind die negativen Beriche stärker als die Studentenzahlen gestiegen ? (wo mehr Studenten da mehr Probleme)
    Kommt es lediglich bei gleichbeibender Zahl der Problemfälle aufgrund offenerem Umgangs mit der Thematik zu häufigeren Berichten ?

    Diese und sicherlich einige weitere Fragen gilt es zu beantworten. Ich würde Gründe nicht in einzelnen Vorlesungen sondern –wenn überhaupt– die rechtlichen Rahmenvorgaben sowie einen Mentalitätswandel als Ursache suchen.

    Die obige Frage zu Details des Vorfalls bitte ich an dieser Stelle zu entschuldigen. Die Frage diente der Einschätzung der Schwere des Vorfalls. Vielleicht war es ja eine bewusste Verwendung des unspezifischen Wortes „Nervenzusammenbruch“.

  6. lars sagt:

    Zu dem Prüfungszeitraum:
    Lässt sich da nicht mal testweise ein anderes Modell erzwingen ?Zudem dürfte ein strecken des Zeitraums auch das geliebte Problem der Raumeinteilung etwas bessern.
    Ist das allein nicht schon der Grund, der in naher Zukunft diese breitere Streuung der Klausurtermine erzwingen wird ? 😉

  7. FB sagt:

    @lars: Ich teile Ihre Meinung, dass die Gründe für das Fernbleiben von Studenten von Lehrveranstaltungen und die Belastung der Studenten untersucht gehören. Meines Wissens werden sie an meiner Universität nicht untersucht – und eben bisher unter Dozenten nicht besprochen.

  8. FB sagt:

    @Katja: Niemand kann planen, wenn die Prüfungstermine erst fünf Monate vor der Prüfung bekannt gegeben werden. Ist man verheiratet und hat man Kinder, dann ist es in einer solchen kurzen Zeit sehr schwer, alles – Termine für berufliche Reise des Partners, Kinderbetreuung während des Schulurlaubs, usw. – zu berücksichtigen. Für Studenten ist es natürlich nicht anders. Prüfungstermine sollten, meine ich, mindestens ein Jahr im Voraus bekannt gegeben werden. Am Besten wäre es, wenn wir feste Zeiträume hätten, zu denen jedes Semesters alle Prüfungen stattfinden würden. Ich versuche, dies zu erreichen.

  9. FB sagt:

    @lars: So sehe ich es auch. Ich bemühe mich, meine Kollegen zu überzeugen.

  10. lars sagt:

    Zu dem Einwand der Praktika und des teils notwendigen Arbeitens in Semesterferien:

    Eine reine Verschiebung der Klausurtermine würde für diese Studenten doch nicht viel an ihrer Situation ändern. Praktikas können immer noch entsprechend gelegt werden.
    Für alle anderen Studenten währe es hingegen ein (zumindest lerntechnischer)Vorteil.

    Gegen Klausurtermine kurz vor Vorlesungsbeginn des Wintersemesters spricht die Frage wann dann die Nachholklausuren geschrieben werden sollen. Im neuen Semester halte ich nämlich für etwas ungünstig.

    Interessant finde ich in diesem Zusammenhang auch mein eigenes Verhalten: Ich schreibe von Anfang an immer einen Teil der Klausuren in der Nachholklausur.

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