Bologna fördert den ewigen Student – Praktisch hat ein Bologna-Studium keine Höchstdauer

Ein der Ziele der Bologna-Reform, das zur Zustimmung für die ansonsten nicht unumstrittene Reform sorgte,  war die Behinderung des „ewigen Studenten“ – eines Studenten, der im 20., 30. oder gar 50. Semester immer noch einem Studium nachgeht und in der deutschen Kultur große Bekanntheit erlangt hat. Nun erweist sich, dass die Bologna-Reform nicht nur ewige Studenten zulässt, sondern auch im Vergleich mit den vor-Bologna-Zeiten sogar fördert.

Um zu verstehen, warum es so ist, muss man ein paar Regeln kennen. Ein Grundprinzip ist, dass ab einer gewissen Anzahl an Semester –  für ein Bachelor-Studiengang 10 – Studenten zwangsexmatrikuliert werden, die ihr Studium noch nicht erfolgreich abgeschlossen haben. Dann dürfen solche Studenten sich für das selbe Studium nirgendwo mehr in Deutschland immatrikulieren. Man sagt, dass sie im genannten Studium „endgültig gescheitert“ sind.

Vor der Bologna-Reform boten zwei Studiengänge das selbe Studium an, wenn sie „im Grundstudium gleich“ waren. Vor der Bologna-Reform waren mehr oder weniger alle Studiengänge eines Faches aus zwei Gründe „im Grundstudium“ gleich. Erstens waren die Beschreibungen in den Studien- und Prüfungsordnungen sehr allgemein – etwa „Einführung in die Algebra I“, „Einführung in die Programmierung II“ oder „Epochen der Kunstgeschichte“. Allgemeine Beschreibungen sind vernünftig, weil sie Anpassungen etwa an Wünsche von Studenten ermöglichen: die „Einführung in die Algebra I“ kann das Prinzip einer Suchmacschine erläutern, wenn der Dozent es beherrscht; anstatt der Programmiersprache Java kann C++ in der „Einführung in die Programmierung II“ beigrebracht werden. Allgemeine Beschreibungen in einer Studienordnung sind auch deswegen empfehlenswert, weil sie keine Änderung der Studien- und Prüfungsordnung verlangen, wenn die Dozenten, die einige Spezial-Vorlesungen – wie „Robotik“, „Data Science“, „Soziale Meiden“ – halten konnen, die Hochschule verlassen.

Seit der Bologna-Reform gibt es kein Grundstudium mehr, die so genannte Modulen, woraus Studiengänge bestehen, müssen sehr detailliert beschrieben werden, und zwei Studiengänge gelten nur noch dann als gleich, wenn ihre Module gleich heißen und gleich beschrieben werden.

Als Folge sind zwei Bachelor-Studiengänge in Informatik, in Kunstgeschichte oder in irgendeinem Fach an zwei verschiedenen Hochschulen zwangsläufig „ungleich“. Es gibt nämlich keine einheitliche Beschreibungen von Studiengänge, die für mehrere Hochschulen gelten. Die Vorstellung, hochschulübergreifende Modulbeschreibungen flächendeckend einzuführen, ist völlig abwegig: Es wäre eine bürokratische Unternehmung von einem riesigen Ausmass, die kaum möglich wäre und völlig die Anpassung der Studienangebote verhindern würde. Konkret heißt es also, dass ein Student im 10. Semester eines Bachelor-Studiengangs problemlos im selben Fach weiter studieren darf, wenn er die Hochschule wechselt. Die Bologna-Reform erleichtert sogar das Weiterstudium nach einem Scheitern, weil sämtliche Studienleistungen aus frühere Studium-Versuche für den nächste Studium-Versuch übernommen werden können.

In der Praxis kann ein Bachelor-Student, der im 10. Semester seinen Abschluss nicht erhalten hat, meist sogar an der selben Hochschule weiter für den selben Abschluss studieren. Der Grund ist, dass Studien- und Prüfungsordnungen alle paar Jahre erneuert werden. Dafür gibt es zwei Gründe. Erstens können manche Lehrveranstaltungen nicht mehr angeboten werden – etwa eine Spezialvorlesung kann nicht mehr angeboten werden, weil der Dozent, der sie hielt, die Hochschule verlassen hat. Zweitens müssen technische Fehler in der Studien- und Prüfungsordnung immer wieder beseitigt werden. Ein Bachelor-Studiengang mit der selben Bezeichnung – Informatik, Kunstgeschichte, usw. – hat schnell zwei, drei oder vier Studien- und Prüfungsordnungen. Um nach dem 10. Semester an der selben Hochschule weiter im „selben“ Studiengang zu studieren reicht es meist aus … die Studien- und Prüfungsordnung zu wechseln. Ein Antrag darauf kann mit Inhaltsänderungen begründet werden: die neue Studienordnung bietet ein neues Modul vor, das der Student besonders interessant findet. Besucht ein ewiger Student brav zu jedem Semester Lehrveranstatlungen und Klausuren, so darf er nicht exmatrikuliert werden. Viele Bachelor-Studenten, denen die mit der Bologna-Reform gekürzten Studienzeiten um ein oder zwei Semester zu wenig sind, dürften im Wechsel vom Studien- und Prüfungsordnung eine Rettung ihres Studiums finden.

So ist die Rechtslage in ganz Deutschland – zumindest nach Ansicht der Juristen meiner Universität. Vor der Bologna-Reform mussten ewige Studenten das Fach regelmäßig wechseln. Seit der Bologna-Reform können ewige Studenten 20 oder gar 40 Semester im selben Fach an der selben Hochschule studieren. Vermutlich haben sie ab einem gewissen Alter auch Anspruch auf Sozialhilfe!

Die Bologna-Reform ist mit einem Makel behaftet, der sich in den letzten Jahren viel verbreitet hat: Juristisch ist sie schlecht ausgearbeitet worden. Ohne Gesetzesänderung wird weiterhin der ewige Student an deutschen Hochschulen anzutreffen sein. Die Bologna-Reform hat also einen Vorteil: Sie trägt zum Erhalt eines Kulturwertes bei.

FB

3 Responses to “Bologna fördert den ewigen Student – Praktisch hat ein Bologna-Studium keine Höchstdauer”

  1. B.S. sagt:

    Gibt es Fälle in denen das wirklich funktioniert hat? Hier an der Uni (!= LMU) ist die Prüfungsordnung und die Modulauflistung getrennt. Ein neues Modul führt *nicht* zu einer neuen Prüfungsordnung und damit nicht zu einem neuen Studiengang. Auch eine geänderte Prüfungsordnung tut dies nicht. Die 10 Semester – hier laut Prüfungsordnung 9 – lassen sich nicht ohne weiteres erweitern.

    Ob die Umsetzung hier restriktiver ist als das Gesetz zulässt oder ob die LMU mehr zulässt als sie müsste kann ich nicht einschätzen. Ich vermute aber eher letzteres.

  2. FB sagt:

    B.S.: In der Informatik scheinen die Modulbeschreibungen Bestandteil der Studien- und Prüfungsordnungen zu sein. Die Auskünfte, die ich gegeben habe, gehen auf eine Anfrage des zuständigen Informatik-Professors bei der Rechtsabteilung der LMU zurück. Ich mag allerdings einiges missverstanden haben. Fest steht aber, dass die Begrenzung der Studiendauer auf 9 Semester mindestens was die Informatik-Studiengänge der LMU angeht Makultatur ist – so die Rechtsabteilung meiner Universität.

  3. B.S. sagt:

    @FB Ich kann Ihnen mit Sicherheit sagen, dass das hier anders gehandhabt wird. Formal gibt es die „Prüfungsordnung“ und diese delegiert die Aufgabe die Module zu definieren an den sogenannten „Studienplan“. Die Prüfungsordnung zu ändern ist im Gegensatz zum Studienplan ein heiden Aufwand. Im Anhang vom Studienplan gibt es noch das „Modulhandbuch“ – eine Auflistung aller Module. Diese Liste wird laufend geändert ohne dass da irgendein offizielles Gremium (z.b. FakRat oder StuKo) zustimmen würde. Eine Verlängerung der Studienzeit findet wegen dieser Änderungen auch definitiv nicht statt.

    Die 9 Semester sind auch hier meistens nicht so fest. Das liegt aber primär daran, dass es einige Prüfer es nicht schaffen noch im selben Semester Prüfungstermine anzubieten und somit der Studenten die Fristüberschreitung nicht zu verantworten hat.

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