Just-in-time-Klausurvorbereitung

Am Wochenende rief ein Student den Lehrstuhl an, um zu fragen, wie er die Musterlösungen zu den Übungsblätter in „Logik und Diskrete Strukturen“ erhalten kann. Er wollte sich auf die Klausur vorbereiten, die zwei Tage später stattfinden würde. Musterlösungen sind aber nicht veröffentlicht worden – warum es so ist, ist ein anderes Thema – und das wusste jeder Student, der – sei es nur kurz – am Lehrbetrieb teilgenommen hat. Offenbar fing der Anrufer zwei Tage vor der Klausur an, sich darauf vorzubereiten.

So kann der mathematisch oder informatisch begabteste Mensch der Welt den Stoff der Einführung in Logik und Diskrete Strukturen des zweiten Semesters eines Informatik-Studiengangs nicht lernen.

Der Hinweis des vorherigen Abschnitts wird den meisten Studenten nicht viel mitgeteilt haben, was sie nicht schon wissen. Der folgende Hinweis dürfte dafür für ein breiteres Publikum relevant sein: Informatisches Lernen verlangt stetiges Lernen, Üben und wiederholtes Lernen sowie wiederholtes Üben. Es verlangt auch, mehr als nur die Vorlesungsunterlagen zu lesen.

Stetiges Lernen. Pausen während des Lernens gehören geplant und gut überlegt. Erfolgreiches Lernen verlangt einen andauernden Einsatz und eine ununterbrochene Hinwendung. Das stetige Lernen ist anstrengend.  An einer Hochschule kann dies nur noch vom Student selbst kommen.  Ich habe mal gelesen, dass ein Kleinkind sich ein Wort erst dann bemerkt hat, wenn es es mindestens 600 Mal gehört hat. Das sagt Bände über den nötigen Einsatz im Lernen – und nebenbei klar macht, warum die frühkindliche Bildung nicht länger den Familien alleine überlassen werden kann.

Üben. Geht es um Mathematik, um eine Fremdsprache oder um eine Programmiersprache, reicht das passive Wissen nicht aus, welches man sich bei Lernen aneignen kann. Das passive Wissen muss in ein aktives Wissen umgewandelt werden, was nur durch üben, üben und noch mal üben möglich ist. Alle Menschen, die in irgend einer Tätigkeit besonders erfolgreich waren – etwa Bill Gate als Programmierer , als er 25 Jahre alt war, die Beatles als Sänger und Musiker  oder Picasso als junger Maler – haben vor ihrem Erfolg ungefähr zehn Jahre lang vollzeit geübt. Vom weniger intensiven Üben auf welchem Gebiet auch sollte sich niemand viel versprechen.

Wiederholtes Lernen und wiederholtes Üben. Etwas, was man gelernt oder schon geübt hat, kann man in jedem Alter vergessen – übrigens, so überraschend es wirken mag, auch die Muttersprache. Lernen und üben ist nie für immer. Es muss bis zum Lebensende wiederholt werden. Nebenbei bemerkt: Die Vorstellung, ältere Menschen können nicht mehr lernen, hat die neuere Hirnforschung widerlegt.

Lesen über die Vorlesungsunterlagen hinaus. Kein Informatik-Student, der nur die in den Lehrveranstaltungen verteilten Unterlagen liest, wird genug lernen. Es ist für jeden Informatik-Student notwendig, über die Vorlesungsunterlagen hinaus selbst Recherchiertes zu lesen. Wie viel? So viel wie möglich. Ein Informatik-Studium ist kein X-Studium. (Lieber Leser, ersetze X damit, was dir besonders passend erscheint. :-))

Studieren ist mehr als ein Beruf, der 8 Stunde pro Tag 5 Tage pro Woche ausgeübt werden kann und nach Feierabend vergessen werden kann. Studieren ist eine Lebenseinstellung, die viel mehr Einsatz und Zeit verlangt als ein  Standard-Beruf.

Studieren ist auch kein Sammeln von ECTS-Punkten wie von Herzen bei Tengelmann oder von Meilen bei der Star Alliance.*

FB

* Studieren ist eher ein Überflieger- als ein Vielflieger-Programm. 🙂

14 Responses to “Just-in-time-Klausurvorbereitung”

  1. Tobias sagt:

    Hallo Herr Bry,

    inhaltlich stimme ich Ihnen voll und ganz zu.
    Ich habe zwar noch Diplom gemacht, aber einige der von Ihnen geschilderten Punkte kommen mir sehr bekannt vor. Vor allem der letzte Satz ist absolut zitierwürdig.

    Was ich etwas bedauerlich finde, ist die katastrophale Rechtschreibung bzw. Sorgfalt.
    Beispiel? Erster Satz: Fehlt da eventuell ein „bekommen kann“?
    In Absatz 2 fehlt ein „nicht“, oder? Ansonsten würde dieser Absatz ja dem Grundtenor des Artikels widersprechen.
    Diese, teilweise sinnentstellende, mangelnde Sorgfalt kostet Ihren Artikel meiner Meinung nach seine Glaubwürdigkeit.

    Die verbreitete Haltung, dass im Internet durchaus gute und interessante Ideen auch einfach mal hingeschnoddert werden können, schadet dem gesamten Medium.

    Ich hoffe Sie verübeln mir meine Kritik nicht. Ich meine sie durchaus konstruktiv. Da ich Ihre Gedanken inhaltlich interessant finde, werde ich Ihr Blog auch mal wieder besuchen.

    Viele Grüße

    Tobias F

    PS: Ich vermute anhand Ihres Profils, dass Sie kein Muttersprachler sind. Da aber weder Ihre Grammatik noch Ihr Ausdruck dies erkennen lassen, vermute ich dennoch einfach Schludrigkeit.

  2. FB sagt:

    @Tobias: Vielen Dank für die Zustimmung und für die Hinweise auf Schreibfehler. Ja ich bin kein Muttersprachler. Die Meinung, der Artikel sei wegen Schreib- oder Sprachfehler nicht glaubwürdig, finde ich allerdings übertrieben.

    Mein Deutsch ist, meine ich, nicht schlechter als das Englische von vielen angesehenen Hochschullehrer an guten US-Universitäten. In Deutschland – sowie übrigens Frankreich – sind die Anforderungen, was die Sprache angeht, höher als in den USA…

  3. Tobias sagt:

    Hallo,

    danke für die Freischaltung des Kommentars und Ihre Stellungnahme.
    Vielleicht habe ich mich unscharf ausgedrückt, jedenfalls habe ich den Eindruck dass meine Worte härter klangen als von mir beabsichtigt.

    Ich finde eben Ihr Deutsch von der Grammatik, dem Ausdruck und der Wortwahl sehr gut. Von einem Muttersprachler sind Sie eigentlich nicht zu unterscheiden, bzw. übertreffen viele davon.

    Die Fehler die ich angemerkt habe sehe ich weniger in einer mangelnden Sprachkompetenz, von einer solchen ist nämlich nichts zu merken, sondern vielmehr darin dass Worte oder Buchstaben fehlen. Diese Probleme würde ich eher auf die früh morgendliche Veröffentlichung als auf Sprachprobleme schieben.

    Ich will aber auch nicht pedantisch wirken. Ich habe einfach mal Ihren Artikel kommentiert, weil es mir im Internet oft auffällt, dass interessante Inhalte von Personen die auch tatsächlich etwas zu sagen haben in einer suboptimalen Form präsentiert werden.

    Hierin sehe ich einen der Gründe, warum beispielsweise Blogs nicht als „seriöses Medien“ betrachtet werden. Dies repräsentiert übrigens nicht meine Meinung, sondern die gefühlte Durchschnittsmeinung.
    Ich denke in diesem Punkt könnte etwas mehr „journalistische Sorgfalt“ der gesamten Blogosphäre helfen.

    Ich hoffe dass Sie meinen Beitrag nicht als Geringschätzung aufgefasst haben. Falls dem so ist, bitte ich Sie um Entschuldigung. Ebenfalls hoffe ich Sie mit meinem Kommentar nicht demotiviert zu haben.

    Ich finde die Themen und die inhaltliche Auseinandersetzung sehr interessant und aufschlussreich. Sowohl als ehemaliger Student als auch heute als Arbeitgeber, der regelmäßig mit Diplomanden oder Absolventen zu tun hat, interessiert mich die „Insiderperspektive“ aus den Hochschulen sehr.

    Ich werde Ihr Blog vermutlich häufiger besuchen. In Zukunft versuche ich dann durch Beiträge zur Sache und nicht durch Kritik an der Form in Erscheinung zu treten.

    Viele Grüße & noch einen erfolgreichen Tag

    Tobias F

  4. FB sagt:

    @Tobias: Vielen Dank für das sehr freundliches Kommentar. Meine Sprach- und Schreibfehler – in welcher Sprache – auch, ärgern mich. Tatsächlich ist es so, dass ich ziemlich schnell meine Artikel und Kommentare verfasse. Anders ginge es gar nicht, weil ich nicht hauptberuflich Blogger bin! 🙂 Fehler von zwei Arten mache ich immer wieder: Ich vergesse den letzten Teil von einem geteilten Verb – offenbar weil diese deutsche Spezialität in meiner Muttersprache unbekannt ist -; ich verwechsle oder vergesse manche Substantivendungen im Dativ oder Genitiv (Genetivem?).

    In wissenschaftlichen Artikeln sind mir auch Fehler unterlaufen. Darüber werde ich mal in einem Artikel berichten, weil es interessant und lustig ist…

    Sie haben recht, dass eine gute Schreibweise einem Medium gut tut. Schreibt man allerdings viel und schnell, was das Web und die sozialen Medien sehr fördern, so Schreibfehlern unvermeidlich. Man findet Schreibfehler immer wieder in den elektronischen Fassungen von großen Zeitschriften, die im Vor-Web-Zeitalter nicht denkbar gewesen wäre. Das finde ich nicht schlimm. Ich bin aber Informatiker und somit jemand, der mehr Wert auf Semantik als Syntax legt. Und irgend wann wird die Software zur Fehlerkorrektur besser sein… 😉

  5. AngeblicherStudent sagt:

    Sehr geehrter Herr Prof. Bry,

    ich stimme Ihnen zu, dass ein (sinnvolles) Informatik Studium alle von Ihnen genannten Punkte verlangt. Genau dies ist auch der Grund, warum ich wie der Student im ersten Abstatz auch inzwischen für jegliche Klausuren erst ein paar Tage vor dem Klausurtermin lerne. Beispielsweise habe ich laut meinem ECTS Kontoauszug den Stoff Ihrer Klausur Web Informationssysteme gut genug verstanden, um die 6 ECTS Punkte dafür gut geschrieben zu bekommen. Bei knapp 12 Stunden Lernen und ohne vorher je eine Vorlesung oder Übung besucht zu haben, halte ich diese Einschätzung für sehr fraglich. Bisher waren es 8 Klausuren, die ich auf diese Art und Weise „hinter mich gebracht habe“ und noch einige mehr, bei denen ich (immerhin) Bruchteile der Vorlesung besucht habe. Zurückblickend muss ich sagen, dass ich zuletzt im 1. Semester eine Vorlesung zu mehr als 50% der Termine besucht habe. Diese Tendenz wird sich in den kommenden Semester sicherlich noch verstärken.

    Durch diese „Just-in-Time Klausurvorbereitung“ (vielen Dank für diese wunderbare Wortschöpfung) habe ich im Semester die freie Zeit, die ich für ein sinnvolles Informatik Studium benötige. Unabhängig von oftmals fragwürdigen Vorlesungen, schlecht organisierten Übungen mit noch schlechter vorbereiteten Übungsaufgaben kann ich mich so mit den Themen beschäftigen, die mich wirklich interessieren. Mit meinem eigenen Lerntempo und meinen eigenen Schwerpunkten. Interessanterweise lernt es sich wesentlich einfacher, sinnvoller und schneller, wenn man den Stoff um des Stoffs willen lernt und nicht einfach nur, um die nächste Klausur zu bestehen.

    Für die Qualität der Lehre sind im übrigen Sie als Professor verantwortlich. Sicherlich können Sie versuchen, Studenten wie mir mit einem Blog Eintrag ins Gewissen zu reden. Letztendlich werde ich aber weiterhin lieber unabhängig von der Uni lernen und mir in der Uni nur die ECTS Punkte und schließlich mein Abschlusszeugnis abholen.

    Ich glaube ehrlich gesagt nicht mehr daran, dass sich in den nächsten Jahren groß etwas an den ganzen Problemen ändert. Zwar halte ich nicht besonders viel von der Bologna-Reform, allerdings mache ich mir auch keine Illusionen, dass es vorher signifikant besser war. Ich habe diesen Post lediglich geschrieben, um Ihnen zu erklären, warum ich zu den Studenten gehöre, die nur zu den Klausuren erscheinen. Ich werde auch nächstes Jahr eine Ihrer Vorlesungen „besuchen“. Falls mündliche Prüfungen angeboten werden, könnte ich Sie also endlich mal wieder persönlich zu Gesicht bekommen. Ansonsten werde ich wahrscheinlich durch mein ganzes Studium gekommen sein, ohne Sie nach dem ersten Tag der O-Phase je wieder gesehen zu haben.

  6. FB sagt:

    @AngeblicherStudent: Wie gut, dass Sie sich zu Wort melden!

    Sie haben Recht, es gibt solche Studenten so wie Sie. Ganz ehrlich: Beim Verfassen des Artikels hatte ich es ganz vergessen. So ein Student war ich selbst in meinen ersten vier Semester- aber nicht länger: Ich habe nicht wenige Vorlesungsstunden geschwänzt, die ich langweilig fand, einiges alleine gelernt, einiges bei Kommilitonen. Die so gewonnene Freizeit habe ich für (wenige) Vorlesungsstunden von anderen Studiengängen, ein bisschen zum Jobben und vor allem, um einen Bildhauer-Atelier zu besuchen. Ab dem 5. Semester war für mich allerdings das leichte und angenehme Lernen – und damit die Bildhauerei – passé: Ich musste mich anstrengen und die Lehrveranstaltungen (meist) besuchen.

    Ich kenne Menschen, die das ganze Studium lang so lernen konnten, wie es Ihnen gelingt. Ja es gibt sie und sie sind zu beneiden. Aber solche Menschen sind selten. Für die Meisten endet die schöne freie Lernzeit irgend wann im Mitten des Studiums. Dann gilt mein Artikel auch für sie. 😉

    Auf ein Treffen mit Ihnen, das irgend wann stattfinden wird, freue ich mich sehr. So wie aufs Kennenlernen von jedem Student – auch von solchen, die nicht so leicht lernen.

    @Alle: Das Kommentar vom AngeblichenStudent sollte niemand für Angeberei halten. Es geht hier darum, sich über das Lernen – und Prüfen – auszutauschen. Die Vielfalt des Studentenseins gehört gehört.

  7. Florian S. sagt:

    Auch auf die Gefahr hin, mir eine – vielleich berechtigte – „Abfuhr“ einzufangen, hat dieser und weitere Blogeinträge und insbesondere auch der Kommentar vom AngeblichenStudent in mir einen Gedanken reifen lassen. Ich hoffe, vielleicht Ihrer Lehre und auch den zukünftigen Einträgen in diesem Blog einen neuen Aspekt zu geben.
    Man könnte den Gedanken als Formel der Prädikatenlogik 1. Stufe ausdrücken, oder aber auch einfach folgendermaßen Formulieren:
    aus einem guten Studiengang folgen gute Studenten.

    Was ich damit sagen möchte ist: Der „ideale Student“ mit Engagement, Arbeitseifer usw., den Sie in diesem Blog gerne beschreiben, können Sie mMn nur dann bekommen, wenn die Rahmenbedingung – in diesem Falle das Studium stimmt.
    Es muss nicht extra erwähnt werden, dass weder Sie noch Ich und vermutlich auch sonst niemand der hier mitliest wirklich die Chance hat, das Studium grundlegend zu verändern.
    Aber ich denke, Sie verlangen in Beiträgen wie diesem zu viel von Studenten, die ihrerseits meist mit großen Hoffnungen ihr Studium beginnen, um dann festzustellen, dass alles doch ganz anders ist.

    Ich kann den Beitrag vom AngeblichenStudent nachvollziehen, auch ich habe deutlich weniger Arbeit in das „formale“ Studium investiert, als Sie wohl erwarten – zwar wohl nicht ganz so drastisch wie mein Vorredner, aber das Just-In-Time Lernen ist mir durchaus geläufig (wenn auch in etwas milderer Form). Und die Gründe dafür wurden eigentlich klar dargelegt – Interesse. Auch ich habe festgestellt, dass die Starre Vorgabe der Studieninhalte in vielen Bereichen weit an meinem Interessensgebiet vorbeigehen und ich mir neben dem Studium häufig deutlich „interessantere“ Fähigkeiten und Wissen habe aneignen können. Mir ist auch klar, dass es wohl nicht genau so funktionieren kann wie ich mir das wünsche, trotzdem wäre ich an einigen informatischen Themen interessiert, die nicht mit einem Wort erwähnt wurden.

    Ich sehe hier interessanterweise deutliche Parallelen zu einem anderen Bereich meines Lebens:
    vor vielen Jahren habe ich angefangen, die Gitarre zu erlernen. Auch hier war es so, dass ich mit großen Erwartungen angefangen habe, die dann nach und nach zerschlagen wurden – nicht etwa, weil es nicht schnell genug ging, sondern eher weil der Inhalt meines Unterrichts einfach in keinster Weise dem entsprochen hat, was ich mir vorstellte. Nach einigen Jahren konnte ich die 6 Saiten dann auch einigermaßen „bedienen“ – und trotzdem habe ich nichts gespielt, was mir gefallen hat. Resultat der ganzen Sache war, dass ich zwischen meinen Unterrichtsstunden nicht mehr übte und auch während der Stunden jede Gelegenheit wahrnahm, etwas anderes zu machen, bis ich schließlich ganz aufhörte.
    Soweit sogut – vor einigen Wochen nun war es so weit, dass die über Jahre gewachsene Abneigung gegen dieses schöne Instrument wieder verflogen ist und ich habe die Entscheidung gefasst, es doch nocheinmal zu probieren – diesmal aber anders. So habe ich mir eine E-Gitarre gekauft und von Anfang an viel Wert darauf gelegt, Dinge damit zu spielen, die mir gefallen. Der Erfolg dieser „Taktik“ ist unüberhörbar – auch wenn mein ehemaliger Gitarrenlehrer möglicherweise die Hände über dem Kopf zusammenschlagen würde, da ich ja nicht „klassisch“ lerne.
    Aber ist denn das „reinprügeln“ von Wissen das Richtige, nur weil manche/viele meinen, dass dieses Wissen dem Betreffenden von Nutzen sein wird? Vielleicht – vielleicht aber auch nicht – vielleicht auch nur nicht für alle. Leider macht das Studium da keinen Unterschied und somit möchte ich Ihrem letzten Satz widersprechen – im Moment empfinde ich Studieren leider eher als Gefangenentransport mit Fußfesseln. Schön wenn es irgendwann die Freiheit des Fliegens ermöglichen würde.

  8. FB sagt:

    @Florian S.: Wieso „Abfuhr“? Hier wird um und mit Ideen konstruktiv gestritten. Einer Meinung müssen wir nicht sein. Aber voneinander lernen, sollten wir schon!

    Was Sie schreiben gefällt mir sehr. Lernen geschieht nur gut, wenn man genug Freude daran hat und wenn man aktiv übt, was man lernen will. Leider, leider ist das Lernen in (Hoch-)Schule allzuoft langweilig. Das Selbstlernen ist ein Mittel, diese Langweile bestenfalls zu überwinden, schlechtenfalls nur verringern. Vermutlich ist ein Studium nur dann sinnvoll und einigermaßen erfolgreich und ausreichend angenehm, wenn man das Angebotene selbst ergänzt.

    Ob gute Studenten nur in guten Studiengänge und Schulen zu finden sind, bezweifle ich sehr. Sonst gäbe es viel weniger davon, als man findet!

    Vieles an Hochschulen werden wir selbstverständlich nicht so schnell verbessern können. Es ist ein enorme Aufgabe, für sogar klare Ziele weitgehend noch fehlen. Ich bin aber überzeugt, dass das Debattierten über die Bildung – wie hier in bescheidener Weise praktiziert wird – eine große Bedeutung hat. Ich meine auch, dass das Vorhandensein eines Austausches zwischen Lehrer und Studenten schon eine – kleine – Verbesserung der Universität darstellt.

  9. AngeblicherStudent sagt:

    @ FB: Ich fürchte, dass Sie ein falsches Bild von mir haben.

    Es war nie so, dass ich ohne Arbeit durch das Studium gekommen wäre oder mir alle Vorlesungen auf Anhieb leicht gefallen wären. Im ersten Semester musste ich so hart lernen wie jeder andere. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich jedes Wochenende am Samstag und Sonntag meistens über 8 Stunden nur an Analysis gessessen habe, bloß um dort die Hälfte der Aufgaben halbwegs hinzubekommen. Es stimmt zwar, dass ich mit den meisten Vorlesungen wahrscheinlich weniger Schwierigkeiten als der Durschnitt hatte, da ich z.B. bereits etwas Python kannte. Insgesamt war ich aber sicherlich nur ein leicht überdurchschnittlicher Student.

    Nun liegt dieses 1. Semester schon etwas zurück und ich habe mich im Laufe der Zeit etwas geändert. Meine letzten zwei Prüfungen waren mündliche Master Prüfungen, auf die ich in beiden Fällen genau 3 Tage gelernt habe und mit 1,0 und 1,3 bestanden habe. In beiden Fällen war ich vorher in keiner Vorlesung, keiner Übung und kannte nicht einmal die Professoren vom Sehen. Wollen Sie dies der Tatsache zuschreiben, dass mir das Studium eben einfach leicht fällt, wie Ihre Antwort suggeriert?

    Meiner Ansicht nach ist diese Erklärung zwar komfortabel, trifft aber nicht im geringsten zu. Stattdessen lässt sich der große Unterschied in der Leistungsfähigkeit vielmehr auf Eigenmotivation und extrem harte Arbeit zurückführen. Ich habe keine Zeit für einen Nebenjob oder Bildhauerei. In den 3 Tagen Lernen vor den mündlichen Prüfungen bin ich täglich um 6 Uhr aufgestanden und habe bis 22 Uhr gelernt, unterbrochen lediglich von einigen 5 – 15 min Pausen. Zum Teil bin ich am Morgen vor den mündlichen Prüfungen um 5 Uhr aufgestanden und habe mir noch ein paar Kapitel in den Kopf gepresst, die ich in den 3 Tagen davor nicht geschafft hatte. Ist das wirklich beneidenswert? Jetzt rechnen Sie diese Arbeitsbelastung auf knapp 80 ECTS Punkte pro Semester hoch und sie haben eine ungefähre Vorstellung davon, wie spaßig so etwas ist.

    Vielleicht gibt es Leute, die so etwas auf Dauer genießen, ich tue es auf alle Fälle nicht. Die Vorstellung, diesen Studiengang endlich hinter mir lassen zu können, ist allerdings eine Motivation, die sich nur schwer in Worte fassen lässt. Der Studiengang Informatik ist meines Erachtens eine toxische Lernumgebung. Ich habe inzwischen zu viele Kommilitonen gesehen, die jegliche Begeisterung für das verloren haben, was sie hier studieren und ich möchte verhindern, dass mir das gleiche passiert. Es sind Momente wie in Lineare Algebra, wo man sich plötzlich fragt, warum man diese Vorlesung so unbeschreiblich hasst, obwohl man Mathe früher eigentlich immer mochte. Wenn man dann plötzlich aus lauter Zufall außerhalb des Studiums auf Themen der Informatik trifft und wieder einsieht, warum man dieses Studium eigentlich begonnen hat und wie wunderschön solche Themen sein können, tja, was macht man dann?

    Der menschliche Organismus ist unter schwierigen Bedingungen anpassungsfähiger als man vielleicht glaubt. Das Gehirn ist davon nicht ausgeschlossen. Liegt die absolute Leistungsgrenze erst bei 45 ECTS Punkten in einem Semester, liegt sie im nächsten plötzlich bei 60, danach bei 78. Mit genügend Übung könnten sicherlich die meisten Studenten ihr Studium weit unter der Regelstudienzeit beenden. Die Frage ist lediglich, wie unzufrieden man mit dem Status quo ist…

    Ich fürchte, dass dieser Kommentar nicht besonders zur Diskussion beitragen wird. Zumindest wollte ich richtig stellen, _warum_ ich zu den Just-In-Time Lernern gehöre. Ob so etwas nur ein Einzeln-Phänomen ist oder auf weitere Studenten zutrifft, müssen sie entscheiden. Auf jeden Fall gibt es Studenten, die für Musterlösungen auch 3 Tage vor der Klausur noch dankbar wären. 😉

  10. FB sagt:

    @AngeblicherStudent: Vielen Dank für die Richtigstellung, die eigentlich meinen Artikel über die „unbekannten Studenten“ sehr ut ergänzt. Vielen Dank auch für den Hinweis darauf, dass unser „Studiengang Informatik eine toxische Lernumgebung“ ist.

    Beneidenswert sind Sie, meine ich, schon: Sie besitzen die Fähigkeit sehr intensiv mehrere Tagen intellektuell zu arbeiten und dies mit Erfolg.

    Beneidenswert sind Sie auch, weil sie eine eigene Motivation für ihr Studium und ihren Beruf entwickelt haben.

    Unter uns: Meine eigenen Linearalgebra-Vorlesung vor mehreren Jahren hat mich sehr genervt. Ich dachte damals, nur ich – und einige meiner Kommilitonen – verstehen das Zeug nicht gut genug. Erst in den letzten Jahren ist mir klar geworden, dass die meisten – einschließlich Mathematiker – es nicht besser haben … aber darüber schweigen. Ich spiele manchmal mit dem Gedanken, die Linearalgebra-Vorlesung in Form eines Buchlein zu verfassen, die rückblickend mir als Student gut gewesen wäre.

  11. dongo sagt:

    Ich hoffe, dass auch ich als angehender Physik-Studet etwas zu diesen Themen sagen darf.
    Natürlich ist es wichtig, dass man stetig den in der Schule/Uni/Alltag gelernten „Stoff“, wobei Stoff hier im weiteren Sinne zu verstehen ist, wiederholen muss. Natürlich sind Übungen wichtig, um zu wissen, wie man Sache anwendet.
    Aufgrund einer während der Schulzeit zu reichhaltig bemessenen Freizeit, habe ich vor drei Jahren begonnen, mich in die Mathematik einzulesen, mittlerweile bin ich von meinem Kenntnisstand so weit, dass ich ca 90% von Rsearch-Texten aus der Differentialgeometrie verstehen kann. Übungsaufgaben habe ich in den seltensten Fällen gelöst – und ehrlich, mir fehlt auch die Motivation dazu.
    Vielmehr studiere ich Physik, weil mich das Theoriegebäude fasziniert hat (und es auch noch immer tut), obwohl natürlich nach einiger Zeit des Selbststudiums eine gewisse Ernüchterung einsetzt.
    Aus meiner Schulzeit kann ich nur sagen, dass ich vor Wirtschaftsklausuren, die gerne auch mal 100 Seiten Stoff abgedeckt haben, drei Tage vorher zu lernen angefangen habe. Warum? Klausuren sind unerheblich, wenn man interessiert ist, sollte man mMn keinerlei notentechnische Repressalien in Form von Klausuren befürchten müssen, die sich meiner Erfahrung nach lediglich durch bulimieartiges Lernen bestehen lassen – und das auch mit großem Erfolg!
    Viel wichtiger ist doch, dass man den Stoff verinnerlicht hat, verstanden hat, dass man in der Lage ist, auf Basis des behandelten Stoffes weiterzudenken!!! Warum wird das denn nicht (mehr) abgefragt? Warum kann bitte nicht jeder einzelne wählen, welche Prüfungsform für ihn am sinnvollsten ist? Wir sind ja an der Uni und nicht mehr in der Schule! Es ist doch wesentlich interessanter, einem Prüfer in einer Diskussion zu erläutern, wie man überhaupt auf gewisse Sachen (z.B. Energieerhaltungssatz in der Mechanik) kommt, als dass man irgendwelche stupiden Rechnungen vollzieht, die nichts, aber auch gar nichts mit Verständnis zu tun haben! Insofern kann ich ja gleich auf VWL umsteigen…
    Zur Lineare Algebra: Lineare Algebra ist die Basis für andere Gebiete, wie z.B. die lineare Funktionalanalysis. Hilberträume seine mal genannt. Wie hätte man sonst, wenn nicht über Matrizen, das ganze Gebäude der Integral- und Differentialoperatoren aufspannen können? Linearität ist eines der Fundamentalprinzipien in der Mathematik und Physik! Tensoren (damit beschäftigt sich die multilineare Algebra) oder lineare Zusammenhämnge auf Mannigfaltigkeiten sind ohne das theoriegebäude der LAlg nicht möglich!
    Mir ist bewusst, dass man als Informatiker nicht abstrakte Beweise benötigt, sondern mehr Rechentechniken. Wäre es nicht in diesem Zusammenhang nicht sinnvoller, sich mehr an das angloamerikaneische system anzulehnen, was die Vermittlung von Rechentechniken in den Vordergrund stellt (für Informatiker)?
    Verständnis braucht Zeit, so ist das nun einmal. Durch Prüfungsdruck und Prüfungsangst (vor schriftlichen prüfungen) geht bei mir ehrlich gesagt die Freude an der Naturwissenschaft verloren. Naturwissenschaftler studieren ihr Fach aus Idealismus, aus dem Anspruch, die Welt ergründen zu können. Muss man deswegen alles sofort qunatifizieren und jegliches Interesse durch eine Flut von prüfungen erdrücken? Offenbar ja.

  12. Alumnus sagt:

    Ich denke, mit dem Thema haben Sie durchaus einen Nerv getroffen. Als Ehemaliger möchte ich dazu auch ein paar Worte verlieren.

    In meinem Fall war es so, dass mir das Grundstudium ziemlich schwer fiel. Grade die Mathe-Vorlesungen und systemnahe Informatik waren nicht wirklich mein Fall. Nachdem ich jetzt schon ein wenig als Softwareentwickler arbeite, meine ich auch den Grund zu kennen: Im Studium erkennt man die Relevanz des Lehrinhalts nicht und es wird auch seitens der Lehrenden selten bis nie der Versuch unternommen, daran etwas zu ändern. Es wäre z.B. ein Leichtes, die Mathematik mit der Informatik zu vermengen und statt Verkettungen von Listen zum Beispiel mittels der aus Analysis und LinAlg bekannten Matrizenrechnung eine kleine 3D-Engine zu programmieren bzw. vorhandene Bibliotheken anzusprechen und damit Übungsaufgaben zu absolvieren.

    Im Grunde geht meine Kritik also in eine sehr ähnliche Richtung wie die meiner Vorredner: Oft nimmt einem die Realität des Studiengangs jegliche Motivation, die geforderten Inhalte zu lernen.

    Meine Uni-Anwesenheit würde ich mit etwa 60% veranschlagen, wobei ein Gutteil davon auf das Grundstudium entfällt. Im Hauptstudium war ich selten in den Vorlesungen, habe aber überraschenderweise besser abgeschnitten und war motivierter. Das kann man mit gutem Grund auch auf den Lehrinhalt schieben, der m.E. im Hauptstudium wesentlich ansprechender ist. Damit habe ich mich auch motiviert, das trockene Grundstudium durchzuziehen. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass sich die Wahlmöglichkeiten und die außeruniversitäre Betätigung positiv auf die Motivation auswirken.

    Die ganze Thematik war für mich auch ein großer Grund, gegen die Bologna-Reform zu opponieren, die ja den Studenten in größerem Maße vorschreibt, was sie zu tun und zu lassen haben. Mich wundert außerdem, dass Sie – obwohl Sie meines Wissens für Studiengebühren sind – doch zugeben, dass ein Studium enormen Arbeitsaufwand bedeutet, oberhalb einer 40h-Woche. Da hat ein Nebenjob eigentlich keinen Platz, aber irgendwie muss man sich ja finanzieren (oder verschulden?). Aber das ist auch wieder ein anderes Thema…

    Zurück zum eigentlichen: Bei mir selbst war so, dass ich im Grundstudium relativ fleißig war, aber mit der Materie zu kämpfen hatte. Im Hauptstudium dagegen äußerlich eher faul, dafür um einiges besser dabei. Meine Klausurvorbereitung bestand auch meist aus wenigen Tagen intensiven Lernens. Für mich persönlich erreiche ich damit mehr als ausgedehntes, aber weniger intensives Lernen. Schwierig wird die Sache bei größeren oder thematisch diffuseren Prüfungen wie dem Vordiplom und Diplom. Für alle mündlichen Prüfungen habe ich wochenlang täglich mindestens 10 Stunden gelernt und zwar alles auswendig. Die Uni unterscheidet sich beim Lernen nicht wesentlich von der Schule. Gefragt wird theoretisches Wissen und davon sehr viel. Bulimisches Lernen ist also die einzige Möglichkeit für den Studenten, sich selbst nicht komplett zu verlieren und noch Zeit für sich und die Informatik-Praxis zu haben.

    Da mein bisheriger Beitrag wenig neues sagt, möchte ich Ihnen noch mitteilen, dass Sie mit dem Kapitel „Üben“ durchaus sehr richtig liegen. Es wäre nur sehr gut, wenn die Lehrenden den Studenten ein paar Tipps und Einblicke mitgeben könnten, wofür sie bestimmte Dinge einsetzen könnten. So könnte jeder Student den für ihn/sie passenden Lernweg einschlagen, die Uni wäre weniger Elfenbeinturm und die Lehrenden hätten mehr Freude an motivierteren Studenten. Denn der jetzige Betrieb geht ja immer mehr hin zu einer gnadenlosen Kosten-Nutzen-Rechnung, bei der die verschiedenen Talente und Interessen leider unter den Tisch fallen, obwohl sie gewinnbringend genutzt werden könnten.

  13. FB sagt:

    @Alumnusd: Für den interessanten und lehrreichen Beitrag vielen Dank.

    Übrigens: Für die Studiengebühren, wie sie erhoben und verwendet werden, bin ich gar nicht. Aber gegen jede Form von Studiengebühren bin ich auch nicht, se es nur aus Realismus: Wegen der katastrophalen Finanzkrise wird man wohl von jedem Student ein paar Euro – oder wie die Währung in Zukunft noch heißen mag – erhalten müssen.

  14. dongo sagt:

    @Alumnus: Bei uns in Physik läuft „üben“ offenbar folgendermaßen ab: Wir haben 4h Vorlesung, dann gibt es 2h Tutorium, wo einfache Aufgaben gerechnet werden, etc., dann gibt es Zentralübungen (Große Übungen), wo die Übungsblätter besprochen werden. Die Abgabe dieser Blätter ist bei uns nicht verpflichtend, weder in theoretischer noch in Experimentalphysik.

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