Muss ein Arzt ein Doktor sein?

In vielen Länder – u.a. Frankreich, Deutschland, Österreich – ist ein Arzt ein Doktor. Muss es sein?

Nein. Ein guter Arzt muss überhaupt nicht sich einen wissenschaftlichen Beitrag geleistet haben. Neulich wurde mir von Bekannten einen Wiener Arzt aus Spanien empfohlen, der kein Doktortitel hat. Das war ein Arztbesuch wie in meiner Kindheit: Der Arzt nahm sich Zeit und half auch nach dem Besuch – ohne das Telefongespräch und die E-Mail, womit er mir Laborergebnisse weiterleitete,  in Rechnung zu stellen. So einen Arztbesuch habe ich in den letzten Jahrzehnten mit (promovierten) Ärzte selten erlebt.

Die meisten der Doktortitel, die in der Medizin vergeben werden, beruhen auf wissenschaftliche Studien, die in anderen Fächer gerade wenn  überhaupt für Studienarbeiten ausreichen würden. Das ist für keine Universität gut. Die Patienten haben nichts davon. Wenn man noch dazu erfährt, dass einige der Doktorarbeiten der Medizin sogar dieses Niveau nicht haben – wie heute aus der Universität Würzburg (siehe den Artikel „Die Doktorfabrik“ in der heutigen Süddeutschen Zeitung)  und vor einem Jahr auch aus meiner eigenen Universität (siehe den Artikel „Hum, hum, da läuft ein Dr. hum!“ aus diesem Blog), dann drängt sich die Überzeugung, dass endlich gehandelt werden muss.

Was hindert daran, ein überholtes System zu ändern, das Doktortiteln verleiht, wo keine nötig und verdient werden? Nur den fehlenden Willen und die fehlende Verantwortung. Für eine Arztausbildung ohne Doktortitel kann sich jede Universität, jede Medizinfakultät stark machen, die gut geleitet und gut bestellt sind.

FB

Tags:

9 Responses to “Muss ein Arzt ein Doktor sein?”

  1. Marianne sagt:

    Ich sehe das nicht so kritisch. Die meisten medizinischen Doktorarbeiten entsprechen dem Umfang einer Bachelorarbeit in der Informatik.

    Mit so einer Arbeit schnuppern die Mediziner am Ende ihres harten Studiums in die Wissenschaft hinein und mehr nicht. Wer anschließend wirklich wissenschaftlich arbeiten will muss sich – soweit ich weiß – auch in der Medizin ein umfangreicheres Thema suchen.

    Dass alle nachher „Dr. med“ vor ihren Namen schreiben dürfen mag zwar in sich etwas ungerecht sein, aber ich finde es ist zumindest eine winzige Belohnung dafür, dass das Studium der Medizin sehr lang ist und man später dann nochmal ewig auf den Facharzt lernen muss/sollte.

    Ich kenne allerdings auch einige Ärzte ohne Doktortitel und dass man im Alltag keinen Unterschied feststellen kann, liegt allein schon daran, dass das Thema dieser Bachelorarb-.. äh.. Dissertationen meist ja doch sehr speziell und damit kaum praxisrelevant für später ist.

  2. @Marianne: Sieht man ein Problem darin, dass manche Fakultäten und Universitäten Doktorwürde vergeben haben, die aus Mangel an wissenschaftliche Tiefe nicht hätten vergeben sollen, so muss man den Sonderfall des Medizin-Doktortitel ebenfalls in Frage stellen.

  3. gz sagt:

    nicht nur in der medizin, sondern sehr wohl auch in der informatik wird die meßlatte der promotion immer weiter nach unten geschraubt. es laufen mitunter leute, die offensichtlich nicht in der lage sind, eine gescheite literaturrecherche zu machen, mit dem titel herum.

    ein beispiel (von mehreren, die ich kenne): jemand, der 2000 an einer namhaften deutschen universität promoviert hat, und papers geschrieben hat wie am fließband, wusste nicht mal anfang 2011, was dblp ist.

    ich wage die behauptung, dass die tendenz zunehmen wird. die wissenschaft, ja die ganze gesellschaft, achtet immer mehr auf schein statt sein. und zwar nicht nur in der medizin.

  4. Marianne sagt:

    Da haben Sie Recht. Oder man führt zusätzlich zum Dr. med eben noch einen wissenschaftlicheren medizinischen Doktortitel ein.

  5. Katja sagt:

    Hat man als Arzt keine Doktortitel (wie meine Mutter), zeigt sich die Gesellschaft allerdings gerne mal irritiert und verleiht einem einen ehrenhalber, wie’s aussieht.. da gibt es regelmäßig Briefe und Telefonanrufe mit Titel.

  6. AB sagt:

    Allerdings kann man es für durchaus ungerecht halten, dass die Mediziner mit einem fast „geschenkten“ Dr. med. bereits ihre Eintrittskarte in die universitäre Forschung haben, während alle anderen Uni-Absolventen erst mal eine mindestens 3-jährige Promotionsphase absolvieren müssen – auch und gerade, wenn sie in der medizinischen Forschung arbeiten wollen! Dadurch sind z. B. Chemiker und Pharmazeuten, aber auch Informatiker, Statistiker etc. klar benachteiligt.

  7. @AB: Ich bezweifle, dass eine Promotion der Medizin den Zugang zur Forschung ermöglicht. Höchstwahrscheinlich müssen dafür Vortaussetzungen erfüllt werden, die der Promotion in anderen Fächer ermöglichen.

  8. Dominik sagt:

    Ich persönlich finde es auch sehr unfair, dass Mediziner so einfach einen Doktortitel bekommen. Ich denke außderdem, dass der Titel viel hermacht wenn es z.B. um die Stellenvergabe in Psychotherapeutischen/Psychologischen Einrichtungen geht. Fast jede Einrichtung wird von einem Mediziner geleitet. Da ich mich im Ramen meines Studiums viel mit Stereotypen und der Wahrnemung beschäftigt habe, glaube ich, dass so ein kleiner Titel WESENTLICH dazu beiträgt die Lobby der Mediziner zu vergrößern. Einfach unfair!

Leave a Reply