Studenten sind nicht so schnell krank wie sonstige Menschen

Dass rechtliche Bestimmungen wichtig sind, wußte ich schon. In welchem Ausmaß sie ein Studium bestimmen, wundert mich immer wieder.

Neulich habe ich von der Rechtsabteilung meiner Universität erfahren, dass Studenten nicht so schnell krank sind wie sonstige Menschen:

Für Studierende, die aus nicht selbst zu vertretenden Gründen die Prüfung im konkreten Termin nicht bestanden haben (insbesondere wegen Krankheit), sehen die Prüfungs- und Studienordnungen Folgendes vor: ‚Gründe, die das Überschreiten einer der Fristen … rechtfertigen sollen, müssen unverzüglich nach ihrem Auftreten beim Prüfungsamt schriftlich geltend und glaubhaft gemacht werden. Bei Krankheit muss ein ärztliches Attest vorgelegt werden; die Vorlage einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung genügt nicht. Das Prüfungsamt kann im Einzelfall oder allgemein die Vorlage eines amtsärztlichen Attestes oder eines Attestes einer oder eines vom Prüfungsamt bestimmten Ärztin oder Arztes verlangen. Wird der Grund anerkannt, so wird ein neuer Termin anberaumt. Bei teilbaren Modulprüfungen, Modulteilprüfungen und Vorleistungen sind bereits vorliegende Prüfungsergebnisse anzurechnen.‘

Auf meine Frage, was genau ein ärztliches Attest beinhalten muss, um als zulässige Krankmeldung eines Students zu gelten, habe ich die folgende Antwort erhalten:

Das ärztliche bzw. amtsärztliche Attest muss die aktuellen krankheitsbedingten und zugleich prüfungsrelevanten körperlichen, geistigen und/oder seelischen Funktionsstörungen aus ärztlicher Sicht so konkret und nachvollziehbar beschreiben, dass das Prüfungsamt daraus schließen kann, ob am Prüfungstag tatsächlich Prüfungsunfähigkeit (=Rechtsbegriff!) bestanden hat. D.h., bei ambulanter oder anderer hausärztlicher Behandlung müssen aus dem ärztlichen Attest die Hindernisse, an der Prüfung teilzunehmen, klar hervorgehen, z.B. notwendige Bettruhe, objektive Unfähigkeit, sich ohne erhebliche Beschwerden oder, ohne die Krankheitserscheinungen zu verschlimmern, zum Prüfungslokal zu begeben und/oder dort sich der Prüfung zu unterziehen, o.a. Das Attest braucht keine medizinische Diagnose zu enthalten. Am Schluss des Attests kann die Ärztin bzw. der Arzt feststellen, ob sie bzw. er aus ärztlicher bzw. amtsärztlicher Sicht Prüfungsunfähigkeit annimmt. Wer am Prüfungstag stationär in einem Krankenhaus behandelt wird, muss unverzüglich eine diesbezügliche Bescheinigung des Krankenhauses vorlegen.

Ich sehe ein, dass immer wieder kehrende Krankmeldungen an Prüfungstagen zu einem Problem führen können. Ist jemand über einen sehr langen Zeitraum an Prüfungstagen immer wieder krank krank, so gibt es keinen Grund dafür, dass eine Hochschule – und die Gesellschaft – dieses nicht mehr mögliche Studium ermöglichen. Dabei spielt es meiner Meinung nach keine Rolle, ob die Krankheit vorgetäuscht oder echt ist. Auch schwer kranke Menschen sowie Menschen, die sich als schwer krank ansehen oder angeben, sollen sich bilden lassen können. Ist dies aber im Rahmen eines normalen Studiums nicht möglich, so soll ein Sonderrahmen dafür geschaffen werden.

Ich sehe überhaupt nicht ein, wieso Studenten ihre Krankheiten anders als Arbeitnehmer nachweisen müssen. Erstens hält das Studenten in einer Abhängigkeit, die nicht gerechtfertigt ist. Zweitens erhöht es die Hochschulverwaltung und belastet die Beziehungen zwischen Studenten und Dozenten. Drittens ist die Vorstellung, dass heutzutage ein Arzt sich weigern könnte jemanden als prüfungsunfähig zu bescheinigen völlig naiv. Welcher Arzt wird denn wagen große Kopfschmerzen als vorgetäuscht zu bezeichnen? Der Patient könnte ja an einem Hirntumor leiden und sein Arzt in Regress nehmen! Und welcher Arzt würde heutzutage jemanden als prüfungsfähig, der sich über unerträgliche Kopfschmerzen beklagt? Auch in einem solchen Fall könnte der Patient den Arzt – einen Amtsarzt ebenfalls – auch dann in Regress nehmen, wenn die Kopfschmerzen psycho-somatischer Art sind!

Genauso wie der Straßenverkehr benötigen Studium und Prüfungen Ordnungen. Studien- und Prüfungsordnungen sollen aber zeitgemäß sein und nicht von gesellschaftlichen Vorstellungen geprägt sein, die spätestens seit den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts als überholt gelten.

So lange die oben geschilderte Regelung gilt,  sollten Studenten,

  • sich von ihren Prüfungsämter schriftlich bescheinigen lassen, wann ein Krankheitsfall von einem Amtsarzt attestiert werden muss, wann v
  • und bei jeder Krankheiten zu Prüfungszeiten unverzüglich sich das erforderliche Attest geben zu lassen.

FB

Post Scriptum: Die Bologna-Reform hat unter anderem zu Folge, dass jeder Student um die 10 Mal im Jahr geprüft wird. Bleibt es bei der oben geschilderten Regelung, so sollte konsequenterweise die Zahl der Amtsärzten vervielfacht werden.

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