Vorlesung mit nur zwei Hörer: Ziel erreicht!

In  diesem Semester halte ich drei Lehrveranstaltungen (neben Forschungseminare): eine Bachelor-Vorlesung über Web-Informationssysteme, ein Master-Seminar über Wikipedia als Wissensquelle für Textmining und eine Master-Vorlesung über Deklarative Sprachen. Die respektive Hörerzahlen lauten: 165, 47, und 2.

Die beiden erste Zahlen sind hoch, was zum einen an den Themen liegt zum anderen daran, dass beide Lehrveranstaltungen nicht nur der „reine Informatik“, sondern auch der Medien- bzw. der Computer-Linguistik zuzuordnen ist. Das Master-Seminar ist eine Joint Venture mit einem Kollege der Computer-Linguistik. Ein Drittel der Hörer dieses Master-Seminars scheinen Informatik- oder Medien-Informatik Studenten zu sein (ich möchte noch klären, ob sie es sind und woher sie kommen), einer oder zwei davon noch im alten Diplomstudiengang Informatik, zwei Drittel sind Studenten der Computer-Linguistik.

Lässt sich durch das Vorlesungsthema erklären, dass nur zwei Studenten die Master-Vorlesung über deklarative Sprachen besuchen? Nein Es kommt daher, dass es in diesem Semester bei uns nur insgesamt sieben Studenten im Master-Studiengang Informatik gibt und dass die Vorlesung eine Wahlpflichtvorlesung aus drei oder vier ist.

Ist solche eine kleine Hörerzahl als Bug, also als Ergebnis von Fehlern, anzusehen? Eigentlich nicht. Ein der Ziele der Bologna-Reform, die die alten Studiengänge durch Bachelor- und Master-Studiengänge ersetzt hat, war eben, dass der Bachelor der Regelabschluss wird und nur noch wenige Studenten ein Master anstreben. Aus verschiedenen Quelle habe ich erfahren, dass solche Hörerzahlen bei Master-Lehrveranstatlungen an verschiedenen deutschen Universität und in verschiedenen Studiengänge gewöhnlich sind. Wir können also melden: „Ziel erreicht!

Wie das auf den Wirtschaftsstandort wirken wird, werden wir in den kommenden fünf bis zehn Jahren beobachten. Sollten ausreichend qualifizierte Informatiker in Europa und Deutschland fehlen, so wird es immer möglich sein, Inder und Chinesen einzustellen.

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11 Responses to “Vorlesung mit nur zwei Hörer: Ziel erreicht!”

  1. Achim sagt:

    Und woher kommen dann zukünftig die wissenschaftlichen Mitarbeiter/Assistenten. Sieben reichen ja wohl kaum aus, um die Bedarfe der Lehrstühle zu decken, oder?

  2. Katja sagt:

    Die Masterstudenten sind wirklich so wenige? Betriebswirtschaftlich ist das aber sehr ungeschickt, für zwei Studenten eine Vorlesung zu veranstalten.. Sicherlich können Sie mit fast demselben Aufwand mindestens die fünffache Menge lehren, die Zusatzkosten sind also vernachlässigbar. Und für die Volkswirtschaft ist es trotz der längeren Wartezeit von 2 Jahren auf die dann besser ausgebildeten Leute wohl auch eher ein Gewinn. Was zum Teufel ist der Sinn dieser Aktion?

  3. @Achim: Und woher kommen dann zukünftig die wissenschaftlichen Mitarbeiter/Assistenten?Dies ist eine meiner großen Sorgen. Inder oder Chinesen als wissenschaftliche Mitarbeiter einzustellen ist schwierig, weil sie den deutschen Universitätsbetrieb nur dann kennen, wenn sie in Deutschland studiert haben, also in Deutschland ein Master gemacht haben.

  4. @Katja: Meine Hoffnung ist, dass in den nächsten Semester wir deutlich mehr Master-Studenten haben. Es ist nicht nur wirtschaftlich bedenklich, eine Vorlesung für zu wenige Hörer zu halten, es ist auch für Hörer und Dozent besonders anstrengend. Hält man anfangs die Vorlesung deswegen nicht, weil es zu wenig Studenten gibt, so werden wir höchstwahrscheinlich nie genug Master-Studenten haben. Es ist wie ein neues Lokal: Es muss anfangs auch dann die ganze Karte anbieten, wenn wenig Kunden das Lokal besuchen, weil sonst das Lokal die potentielle Kundschaft abschrecken würde.

  5. „Tres faciunt collegium“ hieß es bei uns immer, was solche Veranstaltungen verhinderte (nicht, dass die Gefahr besonders groß gewesen wäre …)

    (P.S.: Was gemein ist: bei ausgeschaltetem Javascript merkt man hier nicht, dass ein Captcha fehlt)

  6. Fabian sagt:

    Asu eigener Erfahrung weiß ich, dass solche Größenordnung (nur einstellige Hörerzahl) zu weilen in Wahlfächern des Hauptstudiums auch bei Diplomstudiengängen vorkommen können, jedenfalls wenn sehr breite Differenzierungsmöglichkeiten angeboten werden. Das solche Veranstaltungen auch für die Studenten sehr anstrengend sind kann ich nur bestätigen; aus Dozentensicht glaube ich das sofort, schon allein deshalb, weil es bei zwei Leuten sicher schwierig ist das solche Vorlesungen dann nicht zum reinen Kaffeeklatsch ausarten (Dialog ist eine super Sache, insbesondere vom Lerneffekt her, wenn der Fokus auf dem Thema bleibt…). Aber auch bei breiten Auswahlmöglichkeiten sind solche Veranstaltungen doch nicht ganz die Regel, meist liegt die Teilnehmerzahl in der Größenordnung einer Klasse oder eines Kurses in der Oberstufe, also irgendwo zwischen 10 und 30 Personen, was in meinen Augen auch ganz allgemein ein gutes Verhältnis (rein didaktisch betrachtet) darstellt im Gegensatz zu den ca. 100-300 Hörern (je nach dem wie gut das Wetter draußen ist) von Pflichtveranstaltungen.

    Die Frage die sich mir stellt, liegt das daran, das an der LMU der erste Jahrgang von Bachelorstudenten vielleicht erst im 5. oder niedrigeren Semester ist und es demzufolge noch sehr wenig \Eigengewächse\ gibt und sich die geringe Anzahl der Masterstudenten ausschließlich aus externen Bewerbern zusammensetzt oder daran das die LMU so wenige Masterstudienplätze anbietet oder daran das die Leute nach dem Bachelor nicht mehr weiterstudieren sondern in den Beruf gehen?

    Mir scheint für letzteres die Stimmung unter Kommilitonen aus jüngeren Semestern nicht besonders geneigt zu sein, da heißt es (zwar völlig unrepräsentativ) \aufjedenfall noch den Master machen\, es herrscht eher die Angst nicht weitermachen zu dürfen (oder irgendwo hinzumüssen, wo das ach so konsekutive Studium dann doch nicht so richtig wie zwei Puzzle-Teile zusammenpasst). Bei Freunden von der FH sieht die Stimmung (auch unrepräsentativ) eher 50:50 für Berufseinstieg und weiteres Studium aus (klar zwischen 7 Semester BA und 8 Semester Dipl (FH) ist der Kulturschock auch nicht so riesig wie zwischen 6 Semestern BA und 9-10 Semester Dipl. Univ., außerdem ist ja auch der Übergang zur Uni für FHler mit dem Bachelor leichter geworden).

  7. Achim sagt:

    Bei uns sind nun im vierten Jahr Master die Studierendenzahlen sehr viel höher und ich habe in diesem Semester 15 Studierende in meinem Fach, was (nur) ein Wahlpflichtfach ist.

  8. @Achim: Im selben Semester habe ich in einem Wahlseminar für Master-Studenten 47 Hörer… Vielleicht ist die nächste Steigerung von Bologna, dass alle dasselbe studieren müßen.

    Das erinnert mich an einem Erlebnis in Samarkand vor 6 Jahren. Es fand im Stadtzentrum eine feierliche Veranstaltung der Universität statt. Ich fragte Studentenm, was ihr Fach sei. Erstaunlich viele studierten Japanologie. Zu meiner Frage, wieso Japanologie so beleibt unter jungen Menschen aus Zentralasien ist, sagte mir eine Studentin: „Das war für uns alle, entweder Japanologie studieren, oder gar nicht studieren.

  9. Tres facunt collegium,/em>“ ist ein Spruch aus der Universität des 19. Jahrhunderts (oder auch aus früheren Zeiten?): Eine Lehrveranstaltung wird erst ab zwei Hörer gehalten, die dritte („tres“) Person der Gruppe („collegium“) ist der Dozent.

  10. @Achim: Dan werrden wir nicht nur Chinesen und Inder als wissenschaftliche Mitarbeiter einstellen können, sondern auch – wie übrigens von der Politik gewünscht – Fachhochschulabsolventen. Pardon, Hochschulabsolventen, wie es nun heißt.

  11. Johannes sagt:

    Das ist wohl ein Übergangsproblem. Es sind wahrscheinlich wie bei uns nur wenige Leute in Regelzeit mit dem Bachelor fertig geworden. Nächstes Jahr wird es besser! Bei uns ging es von 7auf 70 Letue rauf.

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