Eignungsfeststellungsverfahren aus Sicht eines Prüfers

Das bayerische Hochschulgesetz lässt zur Auswahl der Studienanfänger ein so-genanntes Eignungsfeststellungsverfahren, kurz EFV,  zu: Wer einen Platz in einen Studiengang mit EFV bekommen möchte, muss sich bewerben.

Neulich habe ich als Prüfer am Eignungsfeststellungsverfahren des Bachelor-Studiengangs Informatik meiner Universität teilgenommen. Nach Ansicht der Bewerbungsunterlagen musste ich entscheiden, ob der Bewerber angenommen, zur einer Klausur eingeladen wird, deren Ergebnis über Aufnahme entscheiden wird, oder meiner Meinung nach abzulehnen ist. Jede Ablehnung führt zu einer weiteren unabhängigen Prüfung durch einen Kollegen. Spricht sich der Kollege für die unbedingte oder klausurbedingte Annahme, so gilt es als Entscheidung.

Die Bewerbungsunterlagen bestehen aus die Abiturnoten (für Bewerber aus dem Ausland auf die deutsche Abiturskala sorgfältig angepasst), aus einem Lebenslauf und aus einem Motivationschreiben. Abiturnoten und Lebensläufe bereiten selten Überraschungen. Bemerkenswert fand ich zum einen die nicht geringe Anzahl an zweier oder dreier in Mathematik oder Physik sowie die ziemlich hohe Anzahl an Bewerber mit guten Noten in Mathematik und Physik und schlechten in Deutsch. Beides finde sehr bedenklich.

Wer als Abiturnote eine 2 oder eine bessere Note hat, wird in den Studiengang aufgenommen. Wer eine Abiturnote  zwischen zwei und drei hat, wird zur Klausur eingeladen, es sei denn die Noten in Mathematik und Physik liegen bei 4. In solchen Fällen kommt die Ablehnung in Frage.

Lebensläufe und Motivationschreiben können zur Aufnahme ohne Klausur oder zur Einladung zur Klausur statt Ablehnung bewegen. Was ist dabei wichtig? Zum einen die reife, die ein Lebenslauf belegen kann – durch berufliche oder soziale Tätigkeiten, durch die Interesse, die er mitteilt. Bei jungen Menschen können aber die Lebensläufe naturgemäß noch nicht viel verraten. Die Motivationschreiben sind deswegen besonders wichtig.

Die meisten Motivationschreiben haben mich enttäuscht, weil sie Allgemeinplätzen, manchmal sogar unüberlegte Aussagen enthielten. Jemand schrieb, die Mathematik sei für ihn kein Problem, weil er über einen ausgeprägtem logischen Vermögen verfügt. Mir sind oft Mathematik-Fragen  trotz Mathematik-Studium und -Promotion immer noch Herausforderungen; Berufsmathematiker übrigens auch! Erstaunlich viele schreiben, dass sie Informatik studieren möchten, weil sie seit ihrer Kindheit Computern begegnet sind. Gilt es denn nicht für alle? Manche schreiben, dass sie schon mit vier Informatiker werden wollten. Das kaufe ich nicht ab: mit vier will man Feuerwehrmann oder Krankenschwester werden, also einen Beruf ausüben, dass man in diesem Alter einordnen kann! Andere erklären ihre Wahl der Ludwig-Maximilians-Universität damit, dass die dortige Informatik eine der besten in Deutschland sei. Wie können denn Schüler wissen, wo die beste Informatik in Deutschland ist (das sie es nicht wissen können, ist übrigens aus meiner Sicht ein Problem). Glauben wirklich die Bewerber, dass sie mit Schmeicheleien ihre Aufnahmechancen verbessern?

Wie soll denn ein gutes Motivationschreiben sein? Authentisch. In diesem Jahr habe ich nur ein einziges authentisch-wirkendes Motivationschreiben gesehen. Es war sehr schön verfasst – von einem deutschen Schüler mit vietnamesischen Familiennamen.

FB

13 Responses to “Eignungsfeststellungsverfahren aus Sicht eines Prüfers”

  1. Raul sagt:

    Zu meiner Zeit sollte man auch ein Motivationsschreiben einreichen. Allerdings hatte ich als Zivi, der gerade mal Abitur hatte, keine Ahnung was das sein soll. Hatte gedacht, das wäre das gleiche wie ein Bewerungsschreiben und in einem solchem, so wurde uns beigebracht, müsse man dem Leser Honig um den Mund schmieren.

    Und dazu wird einem beigebracht, in so viele Sachen rein zu kommen wir möglich um dann eine Auswahl zu haben bzw. wenigstens „eine“ Sache machen zu können.

    Meines Erachtens ist allein das Vorhandensein des EFV schon eine Hürde die man für andere Studiengänge nicht nehmen muss. Die Bewertung nach Noten in der Mathematik oder Physik halte ich für irreführend, da diese Fächer in der Universität andere Zielsetzungen haben wir in der Schule. Daher lässt man sich als Schüler gerne zu der Aussage hinreißen Mathematik sei kein Problem.

    Just my 2 cents

  2. @Raul: Motivations- und Bewerbungsschreiben sollten auf keinen Fall „dem Leser Honig um den Mund schmieren“ und man sollte sich h¨tten, „in so vielen Sachen wie möglich reinzukommen“ es sei denn, man hält wenig vom Leser und will zudem es ihm klarmachen.

    Werrt ist denn so dumm, solche Empfehlungen zu geben?

    Meine Erfahrung als Hochschullehrer ist, dass diejenigen, die in Mathematik an der Schule gut waren, fast immer im Informatik-Studium gut sind. Aber ich glaube schon, dass Mathematik an der Schule nicht unbedingt dies ist, was zur Mathematik an der Universität und im Beruf perfekt vorbereitet.

  3. P.L. sagt:

    Die Frage, Wer so dumm ist solche Empfehlungen zu geben ist aus meiner Vergangenheit einfach zu beantworten:

    So ziemlich jeder Gymnasiallehrer, den ich in meiner schulischen Laufbahn vor dem Studium getroffen habe!

    Auch wenn ich sonst nicht auf der Lehrerschaft rumhacken möchte, muss ich schon sagen, dass die Aussagen der Lehrerschafft zum Thema „Leben nach der Schule“ im allgemeinen mehr als gruselig sind!
    (Das bezieht sich selbstverständlich nur auf meine persönlichen Erfahrungen im Kontext des Wissen, dass ich jetzt nach Abschluss meines Studiums habe)
    …Wer will es ihnen auch verdenken, bei einem Lebenslauf, der meistens aus Schule->Lehramtsstudium->Lehrer besteht.

  4. @P.L.: Das Leben außerhalb von Schulen und Hochschulen ist oft sehr schön, oder? 🙂

  5. Achim sagt:

    Wie sagte Edsger W. Dijkstra noch: „In der Informatik geht es genau so wenig um Computer, wie in der Astronomie um Teleskope.“ 😉

  6. P.L. sagt:

    @F.B.
    Sehr schön sogar, wobei ich mir durchaus vorstellen könnte nach ein paar Jahren Arbeit als Informatiker an die Uni zurück zu kommen.

  7. Reda sagt:

    @F.B.:
    Aber was soll man denn dann schreiben?
    Was ist es denn, das Leute dazu motiviert, Informatik zu studieren? Ich wette, dass es meistens einfach die Technikbegeisterung ist und der Wille, diese Technik zu verstehen und sinnvoll einzusetzen. Leider ist das für ein Motivationsschreiben aber recht wenig…

  8. @Reda: Nein, das ist gar nicht wenig, sondern ein guter Anfang. Daraus, was Sie erwähnen, klann man sich ein paar Fragen stellen und die Antworte für ein Motivationsschreiben verwenden.

    Was ist neben der allgemeinen Technikbegeisterung besonders bei der Informatik? Ein Beispiel: Die sehr große Breite an Anwendungsfächer (etwa von der Automotive Industrie bis hin zu den sozialen Medien über die Medizin). Was ist besonders bei Ihnen? Ein Beispiel: Sich an sehr kreativen Entwicklungen (etwa neue Kommunikationsformen oder neue Formen der Steuerung von komplexen Geräte oder Anlagen) beteiligen.

    Eine kritische Haltung zur IT darf auch dabei sehr wohl zur Geltung kommen (etwa gegenüber eine unkritische und unvorsichtige Nutzung von neuen Kommunikationsformen oder die Spaltung der Gesellschaft in einem Land zwischen denen, die Zugang zur neuen IT-Technik haben und den anderen oder zwischen reichen technologisierten Laänder und Länder der dritten Welt.

    In einem Motivationsschreiben geht es darum zu zeigen, dass Sie ein denkender, kreativer und eben motivierter Mensch sind. Übrigens genauso sollte man ein Bewerbungsschreiben verfassen.

    Und genau das sollte man u.a. im Deutschunterrisch lernen: Begründungen zu überlegen und überzeugend zu verfassen.

    FRagen Sie sich, was für Motivationsschreiben Sie gerne erhalten würden – und dann wissen Sie schon, wie Sie Ihr eigenes verfassen sollten.

  9. Informatiker sagt:

    Kann man mit 4 Jahren Berufe wie Krankenschwester oder Feuerwehrmann einordnen? Ab welchem Alter kann ein durchschnittlicher Mensch Informatik einordnen?
    Informatik ist ja sehr weit verbreitet: „sehr große Breite an Anwendungsfächer“.

    „Jede Ablehnung führt zu einer weiteren unabhängigen Prüfung durch einen Kollegen“

    Inwiefern sind die „unabhaengigen Pruefungen“ unabhaengig?
    Sie sie z.B. anonymisiert?

    Also anonymisiert in der Hinsicht, dass die beiden Pruefer nichts ueber Ihre Entscheidungen herausfinden koennen, und anonymisiert in der Hinsicht, dass die sich bewerbende Person im Motivationsschreiben anonymisiert ist?

    Warum fliesst die Schulnote in die Entscheidung ein? Kann man sich auf die Qualitaet der Vorsortierung durch die Schulen verlassen?
    Sind die Schulnoten objektiv?

    Warum reicht die allgemeine Hochschulreife nicht mehr? Was sind die konkreten Gruende?

    Inwiefern ist sichergestellt, dass die Ausschluesse nicht willkuerlich erfolgen?

    „Bei jungen Menschen können aber die Lebensläufe naturgemäß noch nicht viel verraten.“
    Warum sind sie trotzdem Bestandteil des Eignungsfeststellungsverfahren?

    Aber eigentlich sind alle diese Fragen so fuer sich gesehen irrelevant. Es geht beim Thema der Eigngungsfestellungsverfahren eher um eine politische Frage: Welche Rolle soll eine Hochschule in der Gesellschaft spielen? Und wer soll diese Rolle wie bestimmen?

  10. Informatiker sagt:

    \FRagen Sie sich, was für Motivationsschreiben Sie gerne erhalten würden – und dann wissen Sie schon, wie Sie Ihr eigenes verfassen sollten.\

    Bin ich selbst das Mass aller Eignungsfeststellungsverfahren?

  11. Raul sagt:

    @F.B. Nun, sie fassen die Informatik ja durchaus als breit auf. Das ist zwar schön, aber zu meiner Zeit, als ich mich für Informatik beworben habe, also 2002, konnte man froh sein, wenn ein Lehrer in Schule wusste, dass es diesen Studiengang gibt. Automotive Industrie wäre besser aufgehoben bei Automobil-Ingenieur, soziale Medien bei Kommunikationswissenschaften oder Soziologie, Medizin bei Medizin oder Medizin-Informatik (was wohl mal an der TUM angeboten wurde). Kreativ ist man nur in künstlerischen Studiengängen und Steuerung von komplexen Geräten macht man entweder als Elektriker oder als Elektro-Techniker. Über „neue Kommunikationsformen“ habe ich in meinem Studium nichts gelernt. Die Spaltung der Welt ist Sache der Politik und sich dafür zu interessieren macht einen noch nicht zum guten Kandidaten für Informatik.

    Das sind nicht meine Meinungen, das sind die Sachen die ich immer hören muss, wenn ich versuche zu erklären was ich mache. Ich hoffe, dass es mittlerweile Lehrer gibt die einem die Informatik näher bringen als 2 hoch 32 auswendig zu lernen und Pascal als „die Programmiersprache“ schlechthin sehen. Aber gut, mittlerweile gibt es ja auch Informatiklehrer, die Informatiklehrer studiert haben (in Bayern, in anderen Bundesländern gabs das ja schon früher).

  12. @Informatiker: Nein, man soll sich selbst ntürlich nicht als Mass aller Dinger ansehen! Aber es hilft ehr, sich zu fragen, was man selbst erleben würdem, um auf die Bedürfnisse anderer zuzugehen.

  13. @Informatiker: Mit 4 Jahtren kann man Einiges von manchewn Berufe richtig einordenen, zum Beispiel, dass Feuerwehrleute Menscvhen rettenm, wenn es brennt. Natürlich begreift ein vierjähriges Kind nur einen Bruchteil dessen, was der Beruf eines Feuerwehrmann ist – so wie auch ich nur einen Bruchteil davon verstehe.

    Die unabhüangigen Pruufungen von Bewerber auf einen Informatik-Studiumplatz sind bei uns nicht anonymisiert: Jeder Pruufer weiss, wer der Bewerber ist und wer die weiteren Prüfer sind. Die Abiturnote(n) wird (werden) bei der Auswahl von Bewerber für einen Informatik-Studiumplatz berücksichtigt, weil das Abitur die hier geltende Hochschulzugangszulassung ist. Selbstverständlich ist diese Note nicht ganz objektiv – ganz subjektiv ist sie auch nicht. Es ist wie bei einer Führerscheinprüfung: Die Prüfung ist nicht perfekt aber nötig. Sonstige Schulnoten werden bei uns nicht verlangt.

    Bisher habe ixh keinen Ausschluss gesehen, der mir willkürlich erschien. Alle Kollegen haben die Sorge, solche Ausschlüße zu vermeiden. Was dabei auch wirkt, ist dass die Anzahl der Bewerber auf Plätze für das Informatik-Studium geringer als erwünscht ist: Wer nicht aufgenommen wird, hat wirklich kaum Chancen, ein solches Studium zu meistern.

    Lebensläufe sind Bestandsteil der Eignungsprüfung, weil sie in manchen Fälle zu gunstens der Betroffenen viel verraten.

    Es ist richtig, dass die Eingnungsprüfung auch eine politische Dimension hat, u.a. weli keine Gesellscghaft sich liewsten kann, dass jede und jeder, die oder der zu wenig Voraussetzungen für ein Stdium aufbringt, dieses Studium auf Kosten der Gesellschaft unternimmt.

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