Dr. h.c. wofür?

Neulich hat mich ein Dekan im Namen seines Fakultätrats gebeten, ein Gutachten über jemanden zu verfassen, dem die Fakultät einen Doktortitel honoris causa verleihen möchte.

Ich schaue mir die Unterlagen – Lebenslauf, Veröffentlichungsliste, Vermerke des Betroffenen darüber, dass eine hohe Anzahl von seiner Doktoranden Lehrstühle bekommen haben, dass er Träger von Verdienstskreuze ist, und dass er hohe Ämter des Wissenschaftsbetriebs (wie etwa Wissenschaftsrat eines Bundeslandes und Mitgliedschaft in Kommissionen der Deutschen Forschungsgemeinschaft) bekleidet hat.

Ich staune: Zum einen erkenne ich keinen Bezug des Betroffenen zu der Fakultät, die ihn ehren möchte. Zudem besteht – am Karriereende – die Veröffentlichungsliste des Betrffenen aus circa 10 Artikeln – die meisten davon auf Deutsch. Ich schaue in DBLP nach, wo die Veröffentlichungen von (insbesondere deutschen) Informatiker ziemlich vollständig aufgelistet sind, und finde dort keine weitere Arbeiten. Ich vermute dann, dass mindestens einer dieser Artikel weltweit auf eine sehr große Resonanz gestoßen ist. Weit gefehlt! Google scholar meldet lediglich die sehr bescheidene Zahl von 10 Zitaten für ein einziges Werk – sogar erst nachdem ich den Suchdienst auf deutschsprachigen Dokumenten eingeschränkt habe. Das Werk ist ein Plädoyer für mehr Fördermittel für die Informatik. Schon seit Jahrzehnten wird niemand mehr mit so wenig wissenschaftlichen Leistungen auf eine Informatik-Professur berufen.

Ich melde meine Bedenken in eine persönliche Email an den mir bekannten Dekan. Seine Antwort erhöht noch meine Verlegenheit: Es ginge gar nicht um wissenschaftliche Leistungen: In verschiedenen seiner Ämter hat der Betroffene der Fakultät sehr, sehr geholfen. Außerdem soll nicht ich sondern jemand anderer – der Mitautor des oben erwähnten Artikels – soll das Gutachten schreiben.

Der Vorfall bringt aus meiner Sicht zwei Probleme ans Licht:

  • Wofür Ehrendoktortiteln verliehen werden.
  • Wem Schlüßelpositionen im Wissenschaftsbetrieb vergeben werden.

Sollen die deutschen Universitäten im internationalen Wettbewerb einen guten Platz haben und für erfolgreiche Wissenschaftler – auch mit ungewöhnlichen Lebensläufe, auch für kreative Querdenker, auch aus dem Ausland – attraktiv sein und überhaupt in Frage kommen, dann muss das zweite Problem ernsthaft begegnet werden. Die nach außen angekündigten Werte – wie etwa Anerkennung nach wissenschaftlichen Leistungen und Demokratie –, die die Werte der internationalen wissenschaftlichen Gemeinschaft sind, sollen innen bestimmend sein.

FB

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9 Responses to “Dr. h.c. wofür?”

  1. Christoph sagt:

    Zitat aus Wikipedia Dr. h. c.

    Die Ehrendoktorwürde wird in der Regel an Persönlichkeiten für allgemeine oder unmittelbare Verdienste um die Hochschule oder die Fakultät verliehen; mitunter erfolgt das auch aus politischen, finanziellen oder anderen Gründen, bei denen ein Bezug zu der betreffenden Hochschule nicht immer erkennbar ist. Deutsche Hochschulen handhaben die Verleihung zurückhaltend, die Ehrung wird in erster Linie aufgrund hervorragender Verdienste auf wissenschaftlichem Gebiet vorgenommen.

    […] In der Regel hält der Geehrte anlässlich der Verleihung einen wissenschaftlichen Vortrag.

  2. Erhält ein Professor einen Ehrendoktortitel, so wird jeder denken, es sei wegen seiner wissenschaftlichen Arbeit.

    Erhält jemand ein solcher Titel, der nie als Wissenschaflter tätig war, so wird nicht vermutet, er hätte wissenschaftliche Leistungen erbracht.

  3. Danisch.de sagt:

    Ein Wissenschaftsbetrug, genannt “Ehrendoktorwürde”…

    Wie das manchmal alles wieder so zusammenkommt.
    Ich prügele mich gerade mit der Staatsanwaltschaft Karlsruhe. Da läuft jemand mit einem Ehrendoktorgrad herum, den er nach meinem Erkenntnisstand ausschließlich für Geldzuwendungen bekommen hat. Aber die… [mehr]

  4. Raphael Wimmer sagt:

    Paragraph 22, Absatz 1 unserer Promotionsordnung sagt zum Thema Ehrendoktorwürde:
    „Ein Antrag auf Verleihung des Doktorgrades ehrenhalber (Dr. rer. nat. h. c.) kann nur von der Leitung einer wissenschaftlichen Einrichtung der Fakultät gestellt werden und muss eine ausführliche Würdigung der wissenschaftlichen Leistungen des zu Ehrenden enthalten. “

    Ich gehe davon aus, dass diese Regelung an anderen Unis ähnlich ist. D.h. wissenschaftliche Exzellenz muss auf jeden Fall die Grundlage eines Ehrendoktors sein, allerdings wohl nicht der alleinige Grund.

  5. Ja, an manchen Fakultäten sind wissenschaftliche Leistungen eine Bedingung für den Ehrendoktortitel. Das ist sicherlich gut so. Ob an allen Fakultäten, an allen Universitäten solche eine klare Bedingung gestellt wird, wäre interessant zu untersuchen.

    Ob die Staatsanwaltschaft die richtige Adresse im Falle eines lax vergegebenen Ehrendoktortitels ist, wage ich zu bezweifeln. Demjenigen, der einen Ehrentitel verliehen wurde, hat auch dann nicht verbrochen, wenn die Verleihung lax war. (Zum Vergleich: Niemand hat Steuer hinterzogen, wenn trotz vollständigen Einkommenmitteilungen das Finanzamt fälschlicherweise eine zu niedrige Steuer festgelegt hat. )

    Mir scheint, dass im Falle einer fraglichen Ehrentitelverleihung eher die Fakultät vor das zuständige Verwaltungsgericht zu bringen wäre – natürlich nur, wenn die Promotionsordnung, welche die Titelverleihung geregelt hat, eine Leistung für die Titelverleihug verlangt, die nachweislich nicht vorhanden ist.

    Ist die Bedingung nicht erfüllt, so kann man vermutlich nur noch mit der Fakutltät und Universität streiten, damit sie eine solche Bedingung in Zukunft verlangen. Richter müseen sich ja an den „Spielregeln“ halten und nicht nach moralischen Massstäben entscheiden.

  6. Die Promotionsordnung meiner Fakultät (Fassung vom 15. Januar 2002) regelt die Verleihung eines Ehrendoktortitels wie folgt (Kapitel I, § 1, Absatz 2) wie folgt:

    „Als seltene Auszeichnung kann der akademische Grad eines Doktors der Naturwissenschaften ehrenhalber (Dr. rer. nat. h. c.) an Persönlichkeiten verliehen werden, die durch besonders hervorragenden wissenschaftliche Leistungen auf der in der Fakultät für Mathematik, Informatik und Statistik gepflegten Wissenschaftsgebieten hervorgetreten sind.“

  7. Hadmut Danisch sagt:

    Steuerhinterziehung und das Tragen falscher Doktorgrade sind völlig unterschiedliche Dinge. Wer einen Grad führt, der nicht _ordnungsgemäß_ vergeben wurde (und davon weiß oder wissen muß, also vorsätzlich oder bedingt vorsätzlich handelt) macht sich des Mißbrauchs von Titeln nach § 132a StGB (http://www.gesetze-im-internet.de/stgb/__132a.html) strafbar. Wer also weiß, daß ihm der Grad nicht für wissenschaftliche Leistungen vergeben wurde (und das geht ja schon aus der Begründung für den Grad hervor), der macht sich strafbar.

    Je nach den Hintergründen für die Vergabe kommen außerdem noch Bestechung und Bestechlichkeit in Betracht, weil immer wieder Ehrendoktorgrade für Geld vergeben werden, teils für erhebliche Summen im 6 und 7-stelligen Bereich.

    Für die Frage, ob ein Ehrendoktor berechtigt vergeben wurde, ist in erster Linie nicht die Promotionsordnung, sondern das Landesgesetz maßgeblich, denn die Vergabe von Graden ist zuallererst Sache des Gesetzgebers, weshalb in Prüfungen usw. die Anforderungen und Bewertungsmaßstäbe einer gesetzlichen Grundlage bedürfen. Der Gesetzgeber muß es allerdings nicht in allen Einzelheiten regeln, sondern kann das an die Verwaltung delegieren, die das durch eine untergesetzliche Norm im Rang eines Erlasses detaillieren kann – auch bekannt als Prüfungs- oder Promotionsordnung. In der Promotionsordnung kann ein Grad also nur vergeben werden, soweit das Gesetz das überhaupt vorsieht und die Universität zum Erlass einer Prüfungsordnung ermächtigt.

    Das ist insofern interessant, als ich gerade auch einen Fall von Vergabe eines Ehrendoktors gegen eine Spende von einer halben Million Euro verfolge, in dem im Landesgesetz die Vergabe von Ehrendoktorgraden gar nicht vorgesehen ist.

    Ich kenne keine Promotionsordnung, die den Ehrendoktor für etwas wesentlich anderes als wissenschaftliche Leistungen vergibt. In manchen Geistes- und Sozialwissenschaften finden sich schräge Formulierungen wie Beiträge zum kulturellen Leben, was aber schon damit kollidiert, daß die Promotion (und damit auch die Ehrenpromotion) nach den Landesgesetzen der Nachweis zur Befähigung des selbständigen wissenschaftlichen Arbeiten ist (was schon an sich paradox ist, weil die meisten Fakultäten gar nicht sagen können, was das sein soll).

    Daran gemessen sind die meisten (und eigentlich alle mir bisher bekannten) Ehrendoktorgrade zu Unrecht vergeben.

    Die Fakultäten zu informieren ist allerdings zwecklos, denn das sind ja die Täter und verstoßen entweder bewußt gegen das Recht, oder interessieren sich nicht dafür. Es ist halt so üblich, also macht man es.

    Formal gesehen wäre die Staatsanwaltschaft der richtige Ansprechpartner. Kann man aber vergessen, weil deutsche Staatsanwaltschaften politisch so stark kontrolliert werden, daß die – je nach Bundesland – an Universitäten in der Regel nicht drangehen. Würde man faule Promotionen angreifen, würden zu viele Staatsanwälte, Ministerialbeamte und Politiker zur Zielscheibe. Außerdem wird es in manchen Bundesländern politisch forciert, daß die Universitäten sich wegen knapper öffentlicher Kassen zunehmend aus privaten und industriellen Drittmitteln finanzieren und dazu praktisch tun und lassen dürfen, was immer nötig ist. Es gibt sogar einen Vorschlag, Professoren aus den Korruptionsstraftaten auszunehmen, damit sie die Universitäten besser finanzieren können.

    Auch die Presse ist mittlerweile so beeinflußt, daß sie sich nur noch eingeschränkt um solche Vorgänge kümmert.

    Es bleibt also eigentlich nur das öffentliche Anprangern und Kritisieren in Blogs, wissenschaftlichen Veröffentlichungen usw. durch die verbliebenen Wissenschaftler, die noch seriös und mutig genug sind, so etwas ans Licht zu bringen (Prinzip whistleblower). Man macht sich in der Community aber ziemlich viele Feinde, denn nur noch ganz wenige Leute haben ein Interesse daran, daß das korrekt läuft. Der weit überwiegende Teil der deutschen Wissenschaft (jedenfalls und insbesondere der Informatik, die ich betrachtet habe) besteht nur noch aus Korruption und Schwindel, weshalb es kaum noch möglich ist, den Empörungsreflex auszulösen. Ich persönlich glaube nicht mehr, daß man da noch viel erreichen kann, sondern sehe hier einen flächendeckenden Verdreckungseffekt, der den „Point of no return“ überschritten hat. Vielleicht kommt es ja früher oder später mal zu einer Implosion wie im Bankenbereich.

  8. Hadmut Danisch sagt:

    Nachtrag:

    Aus einem faulen (Ehren-)Doktorgrad können sich noch weitere Straftaten ergeben:

    Wer sich beispielsweise damit um eine Arbeitsstelle bewirbt, begeht Anstellungsbetrug. Auch wer sich im normalen Geschäftsverkehr – auch als Gutachter, Sachverständiger, Berater – damit beschreibt kann Betrug begehen.

    Das kann dann sogar für die an der Vergabe beteiligten Leute auf Beihilfe oder gar Beteiligung hinauslaufen.

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