Der Erfolgskultur die Stirn bieten

Erfolg wird in der Kultur sehr hoch gewertet: Wir erwarten von uns selbst einigermaßen erfolgreich zu sein; das erwarten auch von uns unsere Partner, Freunden, Eltern, Kollegen und Arbeitgeber. Erfolg ist überall nötig: Um seiner Familien guten Lebensbedingungen zu geben; seinen Kindern Chancen im Leben; damit das Unternehmen, in dem man arbeitet, weiterhin Arbeitsplätze anbieten kann.

Vermutlich ist das Erfolgsglück beim Mensch und bei anderen Lebewesen angeboren und gehört zu den Tricks der Evolution, um das Überleben sicher stellen. Der Sammler und Jäger, der nach einer mehrstündigen Wanderung die Nüsse findet oder nach einem zweistündigen Rennen den Hasen erlegt, die seiner Gruppe und ihm ein paar Tage lang Nahrung gibt, erlebt zweifelsohne einen sehr starken Erfolgsgefühl. Ein Problem ist aber, dass die große Mehrheit der Menschen heute – zumindest in entwickelten Ländern – Erfolg mit Überleben gar nicht verbinden können. Den Erfolg, den wir noch erleben, betrifft unser Überleben nicht.

Die Erfolgskultur ist folglich weitgehend eine Täuschung: Der Finanzinvestor muss die Rendite immer steigern – über jeden vernünftigen Mass hinaus –, um als erfolgreich zu gelten. Das Autokonzern muss seine Technologie auch dann durchsetzen und verkaufen, wenn sie neue Umweltnormen nicht einhält. Der Wissenschaftler muss immer mehr Aufsätze veröffentlichen, immer mehr Fördergelder einwerben, seine Publikationen müssen immer mehr Zitate erhalten – über jeden vernünftigen Mass hinaus. Viele weitere Beispiele könnte man geben.

Ist es denn verwunderlich, dass es zu Betrügen führt, wie in der Finanzbranche vor zehn Jahren und in der Automotive-Industrie neulich bekannt wurde? Immer wieder werden hoch angesehene Wissenschaftler erwischt, die ihre Karriere zum Teil oder sogar ganz auf Betrug aufgebaut haben. Es ist davon auszugehen, dass früher oder später in der Wissenschaft ähnliches passiert wie in den Finanz- und Automotive-Branchen.

Der eigentliche Betrug, der selten wenn überhaupt angeprangert wird, ist die Erfolgskultur, die uns zu schweigenden Mittäter werden lässt. Die Liquididtätsproblemen der  Investmentbank Bear Stearns waren in Finanzkreisen höchstwahrscheinlich lange bekannt, bevor die beinahe-Pleite der Bank den Auftakt der Großen Rezession gab. (Die Pleite von Bear Stearns wurde künstlich durch u.a. die US-Zentralbank verhindert: „too big to fail“ hieß es damals.) Der Emissionsbetrug beim VW war zweifelsohne weltweit unter Ingenieuren bekannt, die nach dem angeblichen Erfolg von VW, die Emissionen eines Diesel-Motors wesentlich zu verringern, daran arbeiteten, die Technik zu verstehen und ähnliches zu meistern. Was bei Betrügen wie von Bear Stearns und VW eigentlich verwunderlich ist, ist wie lange so viele Menschen geschwiegen haben.

Der wahre Erfolg einer Investmentbank ist nicht die außergewöhnlich hohe Rendite, sondern die Beständigkeit der Rendite. Der wahre Erfolg eines Auto-Konzerns liegt nicht am außergewöhnlich langen Erfolg einer alten Technik, sondern an der rechtzeitigen Erschließung neuer Technologien. Und der wahre Erfolg einer wissenschaftlichen Institution und eines Landes liegt nicht an den außergewöhnlich hohen Zitatenzahlen und eingeworbenen Fördermitteln ihrer Wissenschaftler, sondern an der Fähigkeit Generation nach Generation, hoch kreative und gelegentlich außergewöhnlich produktiven Wissenschaftler auszubilden. Der wahre Erfolg lässt sich nur über Jahrzehnten erkennen.

Wir müssen der derzeitigen Erfolgskultur, die ein Selbstbetrug ist und den Betrug fördert, die Stirn bieten und uns darauf besinnen, was ein wahrer Erfolg ist. Welche Orte sind dafür besser geeignet als Hochschulen?

FB

Tags: ,

One Response to “Der Erfolgskultur die Stirn bieten”

  1. Clemens Cap sagt:

    Lieber Francois.

    Danke für diesen Text. Er ist notwendig. Er verschafft Luft zum Atmen.

    Jeder, der sich einer Wahl als Rektor, Dekan oder Hochschulpräsident stellt, sollte vor der Zulassung zur Wahl den Text dreimal fehlerfrei auswendig aufsagen können.

    Viele Grüße
    Clemens

Leave a Reply