„Leistungsmotivation ist nicht gleich Lernmotivation“

Ein Pädagogik-Professor, der mit dem ich in Forschung zusammenarbeite, hat in einer seiner Vorlesungen ein Experiment durchgeführt. Er hat die Leistungen seiner Studierenden beim Lösen der wöchentlichen Übungsaufgaben gemessen und diese Messungen jedem Studierenden als Balkendiagramm wöchentlich geliefert: Anonyme Balken zeigen die Leistungen der anderen Studierenden, jeder Studierende sieht seine eigene Leistungen.

Die Leistungen der Studierenden sind deutlich gestiegen. Die sofortige Rückmeldung über das geleistete spornt also auch in der Hochschullehre an. Was die Grundlage für den Erfolg von Sport-Apps ist, gilt also für die Hochschullehre auch.

Allerdings, merkte der Pädagogik-Kollege, dass „Leistungsmotivation nicht gleich Lernmotivation ist.“ Seine Studierende fingen an, äußerst Punktbewusst zu handeln. Sie stritten über die vergebene oder nicht vergebene Punkte und lösten vorzugsweise die Aufgaben in einer Weise, die die Punktzahl maximiert. Dabei war die Punktvergabe natürlich nur ein eindimensionaler Hinweis, der die Vielseitigkeit des zu Erlernenden auf keinen Fall gerecht war (und sein kann).

Daraus kann man natürlich die Frage ableiten, ob raffiniertere Punktsysteme bei Menschen eine Leistungsmotivation hervorrufen können, die sich der Lernmotivation annähert. Das halte ich für durchaus möglich, wenn auch vermutlich ein Ziel, welches noch viel Forschung verlangen dürfte. Wie ausgeklügelt ein Punktesystem zum Anspornen der Leistungsmotivation, wird es zumindest an Universitäten weiterhin ums Lernen, nicht um Leistungen, gehen.

Stimmt das eigentlich? Geht es uns Forscher immer noch um den Erkenntnisgewinn oder eher um eine gute Stellung auf Leistungsindexe wie Publikation- und Zitatenzahlen und die Höhe der eingeworbenen Drittmittel? Bin ich vielleicht bei einem Universitätsbild geblieben, das längst nicht mehr gilt?

FB

15 Responses to “„Leistungsmotivation ist nicht gleich Lernmotivation“”

  1. Justin sagt:

    Wenn man Leistungen von Menschen an einem einfachen Indikator zu messen versucht, wird nicht zwangslaeufig die Leistung optimiert, sondern der Indikator. Das kann sich auch kontraproduktiv auswirken, und gilt fuer Punkte wie auch Noten, was vielleicht die hier auch genannte Forderung nach immer einfacheren Pruefungen erklaert. In diesem Zusammenhang sind zB auch Hochschulrankings kritisch zu sehen.

    Die Ueberlegung, ob ein solches Punktesystem auch die gewuenschten Ergebnisse hinreichend genau abbilden kann, finde ich interessant. Erkenntnis als solche laesst sich aber schlecht nach einfachen Regeln bewerten.

  2. FB sagt:

    @Justin: Indikatoren werden immer eine Realität unzureichend abbilden, die man versucht zu messen. Das gilt insbesondre für die Lehre und für die Forschung. Bessere Indikatoren als jene, die derzeit verwendet werden, sind meiner Meinung nach jedoch durchaus denkbar. Sie werden aber das Kernproblem, das Sie zurecht erwähnen, nicht beseitigen: „Wenn man Leistungen von Menschen an einem einfachen Indikator zu messen versucht, wird nicht zwangsläufig die Leistung optimiert, sondern der Indikator.

  3. Tom sagt:

    Ich frage mich wie der Erkenntnisgewinn definiert ist. Ist es intrinsisch oder extrinsich motiviert? Falls ersteres, dann handelt sich hier um eine subjektive Einschätzung des Forschers, ob die Forschung die er betreibt auch seine eigene Neugier befriedigt, oder ob es sich eher gegängelt fühlt durch die Vorgaben der Drittmittelgeber. Bei einer extrinsichen Betrachtung, d.h. dem Gewinn für die Forschungsgemeinschaft, ist die Zitatenzahl m.E. eine brauchbare Näherung. Allerdings mit den bekannten Schwächen, wie der Zeitverzögerung bis zur Gratifikation.

  4. FB sagt:

    @Tom: Ist das Erknntnisgewinn in der wissenschaftlichen Forschung intrinsich oder extrinsich motiviert? Beides! Ein gutes Beispiel ist eine Forschungsarbeit von zwei deutsche Mathematikprofessoren vor 110 Jahren. Ihre Forschung war nicht nur intrinsich motiviert, sie wollte nur eine solche Forschung betreiben. Ein Jahrhundert später hat ein Ergebnis dieser Forschung die Grundlage für das algorithmische Verfahren von Google geliefert. Ein weiteres gute Beispiel ist der B-Baum (übrigens ebenfalls von einem deutschen Professor, der zu der Zeit seiner Erfindung allerdings noch nicht Professor war und in den USA arbeitete.) Diese Forschung war extrinsich motiviert.

  5. AB sagt:

    @FB: Ich glaube, Sie haben in Ihrer letzten Antwort intrinsisch und extrinsisch verwechselt.

    Meine Meinung bezogen auf die wissenschaftliche Forschung ist: Solange Wissenschaftler auf befristeten Verträgen beschäftigt sind, verhalten sie sich einfach rational, wenn sie ihre Leistungskennzahlen optimieren. Erst wenn man eine entfristete Stelle hat, hat man (möglicherweise) die Gelegenheit (sollte man evtl. sagen, die „Berechtigung“?), vorwiegend intrinsisch motiviert zu forschen.

  6. FB sagt:

    @AB: „Intrisich motiviert“ verstehe ich las, aus dem Fach motiviert, „extrinsich“ als anders – etwa durch Anwendungen – motiviert. Kann man die Bezeichnungen anders verstehen?

    Für Ihre Annahme spricht einiges. So einfach ist es aber nicht. Die Arbeitsbedingungen von Wissenschaftler auf Dauerstellen hängen eben oft von ihrem „Erfolg“ ab, der wiederum durch bestimmte Indikatoren gemessen wird.

  7. AB sagt:

    @FB: Meiner Auffassung nach bezieht sich „extrinsisch“ auf Umstände, die einer Person unabhängig vom Inhalt der Tätigkeit zu Gute kommen, z. B. die Aussicht auf ein höheres Gehalt oder eben eine Dauerstelle. Eine Lösung für eine Anwendung zu suchen würde ich noch als intrinsisch motiviert auffassen, sofern man das Lösen an sich als interessant empfindet.

    Bezogen auf die Dauerstellen ist mir schon klar, dass auch diese Wissenschaftler sich an Kennzahlen messen lassen müssen. Was die befristet angestellten Wissenschaftler angeht, denke ich aber, dass sie sich irrational verhalten, wenn sie nicht in erster Linie ihren meßbaren „Output“ zu optimieren.

  8. RZ sagt:

    „Die Leistungen der Studierenden sind deutlich gestiegen.“ Vielleicht in Ihrem Fach! ‚Bologna‘ hat in meinem Fach viel Unheil angerichtet. Die neuen Strukturzwänge lassen es einfach kaum noch zu, dass die Studenten so gut werden wie vor einigen Jahren.

    Ja, Punktsysteme können zu einer Leistungsmotivation führen — aber was für eine Leistung? Ich habe oft zu tun mit StudentInnen (vor allem im Nebenfach), denen es nur um ‚den Schein‘ geht: nach den Regeln Punkte scoren, Formalitäten erfüllen, mit Urkunde die Uni verlassen. Um Wissen und Wissenschaft geht es leider oft nicht.

    Hier möchte ich hinweisen auf den Artikel „Doktoranden wie ich gelten als Träumer“, wo eine Doktorandin die „Ökonomisierung des Doktortitels“ kritisiert als Grund dafür, warum auch unter Kommilitonen sie kuriös gilt, einfach weil es ihr um das Fach, ums Wissen geht: http://www.zeit.de/studium/hochschule/2014-02/promotion-herausforderung-spass

  9. FB sagt:

    @RZ: Die Aussage bezieht sich auf das Experiment des Kollegen, den ich im Artikel erwähne. Der Kollege hat seinen Studierenden einer sofortige Rückmeldung über ihre Arbeit für die Übungen gegeben, worauf die durch diese Rückmeldung gemessene Leistung gestiegen ist. Der Punkt ist, dass dadurch auch eine Verzehrung zu Stande kam: Die Lernmotivation ist nicht gestiegen und folglich auch die „Lernqualität“ auch nicht.

    Die Bologna-Reform hat ganz eindeutig eine Fixierung auf Leistungen verursacht, die leider mit dem sinnvollen Lernen nicht immer übereinstimmen.

  10. Thomas sagt:

    @FB: Der Unterschied zwischen extrinsischer und intrinsischer Motivation liegt vor allem darin, woher die Belohnung kommt. Die Belohnung bei intrinsischer Motivation kommt von extern in Form von Ged, Punkten, Noten, Ranking etc. Die Belohnung bei intrinsischer Motivation kommt daher, dass man Freude und Befriedigung durch die Art der Aufgabe oder Tätigkeit empfindet. Ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal ist auch, dass man zur Erhaltung eines gleichbleibenden Befriedigungslevels die extrinsischen Motivationen (Belohnungen) stetig erhöhen muss (Gewöhnungseffekt), während das Befriedigungslevel bei intrinsischer Motivation bei unveränderten Rahmenbedingungen tendenziell gleich hoch bleibt. Auf den Lernversuch übetragen würde ich erwarten, dass sich die Motivation und damit auch die Leistungen durchaus kurzzeitig durch ein unmittelbares (extrinsisches) Punktesystem erhöhen lässt, dass sich die Leistungen aber nicht dauerhaft aufrechterhalten lassen, wenn die Lerninhalte nicht ausreichend (intrinsische) Motivation erzeugen.

  11. FB sagt:

    @Thomas: ES ist mir klar, wie die Begriffe auch ausgelegt werden können. Ich dachte, es ginge um eine Motivation aus dem wissenschaftlichen Fach oder aus seinen Anwendungen.

    Wissenschaftliche Forschung ist ohne eine gute Prise intrinsischer Motivation (in Ihrem Sinn) meiner Meinung nach auch dann wohl kaum möglich, wenn der Wissenschaftler für seine Arbeit bezahlt wird. Die wissenschaftliche Forschung ist, meine ich, einfach zu schwierig dafür.

    Ich auch bin der Auffassung, dass auch Lernen eine gute Prise intrinsischer Motivation verlangt.

  12. Thomas sagt:

    @FB: Nach dem aktuellen Stand der Motivations-Forschung dürften Forscher sogar überhaupt nicht bezahlt werden, wenn man gute Ergebnisse haben möchte 😉
    RSA Animate – Drive: The surprising truth about what motivates us


  13. dirk sagt:

    sehr schön, mich erinnert das auch immer irgendwie an die Quantentheorie, sobald man versucht einen teilchenzustand zu messen/erfassen, ist das Teilchen o.ä. kaputt. so wie mit der Leistung und dem passenden Indikator dafür. das Problem dürfte allerdings sein, dass wenn man wieder zum alten bild der Wissenschaft zurück möchte, dies schief geht, da die Wissenschaftler selbst (vielleicht wie ein sich drehendes schwungrat) nurnoch auf bwl-mäßige indikatoroptimierung getrimmt sind. vielleicht ist das System ja auch schon zerstört, weil man versucht hat es über Indikatoren zu erfassen?
    und warum hat man das versucht, ist es wirklich dem angelsächsischem einfluss geschultet, und wenn ja, warum haben die dann (gemessen an Nobelpreis+co) so einen erfolg und wir hinken nur hinterher? muss man doch mit der zeit gehen um nicht mit der zeit zu gehen?!

  14. FB sagt:

    @dirk: Der Vergleich mit Messungen in der Quantenphysik ist gut. So ist es, wenn Indikatoren über das menschliche Verhaltens verwendet werden. Sind solche Indikatoren insbesondere in der Bildung zwangsläufig schlecht? Das glaube ich allerdings nicht – insbesondere nicht wenn sie dazu dienen, Lernenden zu helfen!

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