Hochschulrätin Schavan: Eine Vernetzungskultur ohne Scheu vor Befangenheit?

Es ist gut, wenn Wissenschaftler oder wissenschaftliche Einrichtungen in Wissenschafts-, Wirtschafts- und politische Kreisen gut vernetzt sind. Gegen soziale Kompetenz und Bewusstsein für das gesellschaftliche Umfeld, in dem die wissenschaftliche Arbeit stattfindet, ist nichts einzuwenden. Wissenschaftler, die gut vernetzt sind, müssen aber einen scharfen Sinn für eine mögliche Befangenheit haben. Sich vor Befangenheit zu hüten, ist ein Kern der Wissenschaftspraxis – nicht nur der Fairness wegen, sondern auch und vor allem, damit die wissenschaftliche Forschung frei von wissenschaftsfremden Zwängen gedeihen kann.

In der Wissenschaft gilt folglich: Wer nicht eindeutig unbefangen ist, vermeidet jede Einflussnahme. Wird trotzdem eine Meinung von einem Wissenschaftler verlangt, der als befangen angesehen werden könnte, so legt der Wissenschaftler selbst seine mögliche Befangenheit offen, wenn er seine Meinung mitteilt. Das Offenlegen des Anscheins einer Befangenheit kommt vor bei Personenentscheidungen (wie der Berufung von Wissenschaftlern in Gremien und bei Stellenbesetzungen), bei der Auswahl von wissenschaftlichen Berichten zur Veröffentlichung auf Tagungen und in Zeitschriften („Peer Review“) und bei der Auswahl von Anträge auf Fördermittel zur Durchführung von Forschungsvorhaben (ebenfalls „Peer Review“).

Wurde die Regel „Wer nicht eindeutig unbefangen ist, vermeidet jede Einflussnahme“ bei der Berufung von Frau Annette Schavan in den Hochschulrat Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) eingehalten?

Daran kann man zweifeln. Der LMU-Präsidenten hat in einem Interview (siehe „LMU-Präsident Bernd Huber zur Hochschulrätin Schavan„) diese Berufung wie folgt verteidigt: “… der Soziologe Nassehi, der Theologe Levin und der Chemiker Carell haben sich für Frau Schavan im Hochschulrat ausgesprochen.“ Diese drei Wissenschaftler können wohl kaum als in dieser Angelegenheit unbefangen angesehen werden und das dürfte dem LMU-Präsidenten wohl bekannt gewesen sein:

  • Seit circa fünfzehn Jahre sind regelmäßig Frau Annette Schavan und Prof. Dr. Armin Nassehi Autoren in den selben religiösen Zeitschriften und Vortragende in den selben kirchlichen Veranstaltungen.
  • Prof. Dr. Christoph Levin wirkt zusammen mit Frau Annette Schavan im Kuratorium der Stiftung Bibel und Kultur, bedankt sich im Vorwort des Tagungsbandes des Kongresses der International Organization for the Study of the Old Testament 2013 bei Frau Annette Schavan dafür, dass sie (offenbar persönlich) die Reisekosten der Hauptreferenten übernommen hat, und wurde zum Mitglied des Auswahlausschusses zur Vergabe der Alexander von Humboldt-Professur durch einen Stiftungsrat ernannt, zu dem Frau Annette Schavan angehörte.
  • Prof. Dr. Thomas Carell wurde zum Mitglied im Kuratorium der Volkswagen-Stiftung durch die Bundesregierung ernannt, als Frau Annette Schavan Bundesforschungsministerin war und in dieser Funktion selbst Mitglied dieses Kuratoriums war.

Gegen die Vernetzung der genannten Wissenschaftler zu Frau Annette Schavan ist nichts einzuwenden. Werden ihre Empfehlungen als Rechtfertigung der Berufung von Frau Annette Schavan in den Hochschulrat der LMU gegeben, so drängt sich die Frage auf: Herrscht an der LMU – und vielleicht auch unter potentiellen Geldgebern der LMU – eine Vernetzungskultur, die wenig Scheu vor Befangenheit hat?

FB

2 Responses to “Hochschulrätin Schavan: Eine Vernetzungskultur ohne Scheu vor Befangenheit?”

  1. Raphael Wimmer sagt:

    Ähnliche Argumente bringt übrigens auch Erbloggtes:

    http://erbloggtes.wordpress.com/2013/10/24/schavans-schwelmurks-netzwerk/

  2. FB sagt:

    @Raphael Wimmer: Bisher stellt sich aus meiner Sicht nur die Frage, ob LMU-intern die Regel der guten wissenschaftlichen Praxis eingehalten wurde.

    Ich sehe bisher keinen Grund, Frau Annette Schavan für etwaige uLMU-internen Fehler bei ihrer Berufung in den LMU-Hochschulrat mitverantwortlich zu machen.

    Ob diese Einschätzung Bestand haben wird, ist selbstverständlich eine Frage, die man sich stellen kann.

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