Archive for the ‘Forschung’ Category

Der Erfolgskultur die Stirn bieten

Sonntag, Juni 12th, 2016

Erfolg wird in der Kultur sehr hoch gewertet: Wir erwarten von uns selbst einigermaßen erfolgreich zu sein; das erwarten auch von uns unsere Partner, Freunden, Eltern, Kollegen und Arbeitgeber. Erfolg ist überall nötig: Um seiner Familien guten Lebensbedingungen zu geben; seinen Kindern Chancen im Leben; damit das Unternehmen, in dem man arbeitet, weiterhin Arbeitsplätze anbieten kann.

Vermutlich ist das Erfolgsglück beim Mensch und bei anderen Lebewesen angeboren und gehört zu den Tricks der Evolution, um das Überleben sicher stellen. Der Sammler und Jäger, der nach einer mehrstündigen Wanderung die Nüsse findet oder nach einem zweistündigen Rennen den Hasen erlegt, die seiner Gruppe und ihm ein paar Tage lang Nahrung gibt, erlebt zweifelsohne einen sehr starken Erfolgsgefühl. Ein Problem ist aber, dass die große Mehrheit der Menschen heute – zumindest in entwickelten Ländern – Erfolg mit Überleben gar nicht verbinden können. Den Erfolg, den wir noch erleben, betrifft unser Überleben nicht.

Die Erfolgskultur ist folglich weitgehend eine Täuschung: Der Finanzinvestor muss die Rendite immer steigern – über jeden vernünftigen Mass hinaus –, um als erfolgreich zu gelten. Das Autokonzern muss seine Technologie auch dann durchsetzen und verkaufen, wenn sie neue Umweltnormen nicht einhält. Der Wissenschaftler muss immer mehr Aufsätze veröffentlichen, immer mehr Fördergelder einwerben, seine Publikationen müssen immer mehr Zitate erhalten – über jeden vernünftigen Mass hinaus. Viele weitere Beispiele könnte man geben.

Ist es denn verwunderlich, dass es zu Betrügen führt, wie in der Finanzbranche vor zehn Jahren und in der Automotive-Industrie neulich bekannt wurde? Immer wieder werden hoch angesehene Wissenschaftler erwischt, die ihre Karriere zum Teil oder sogar ganz auf Betrug aufgebaut haben. Es ist davon auszugehen, dass früher oder später in der Wissenschaft ähnliches passiert wie in den Finanz- und Automotive-Branchen.

Der eigentliche Betrug, der selten wenn überhaupt angeprangert wird, ist die Erfolgskultur, die uns zu schweigenden Mittäter werden lässt. Die Liquididtätsproblemen der  Investmentbank Bear Stearns waren in Finanzkreisen höchstwahrscheinlich lange bekannt, bevor die beinahe-Pleite der Bank den Auftakt der Großen Rezession gab. (Die Pleite von Bear Stearns wurde künstlich durch u.a. die US-Zentralbank verhindert: „too big to fail“ hieß es damals.) Der Emissionsbetrug beim VW war zweifelsohne weltweit unter Ingenieuren bekannt, die nach dem angeblichen Erfolg von VW, die Emissionen eines Diesel-Motors wesentlich zu verringern, daran arbeiteten, die Technik zu verstehen und ähnliches zu meistern. Was bei Betrügen wie von Bear Stearns und VW eigentlich verwunderlich ist, ist wie lange so viele Menschen geschwiegen haben.

Der wahre Erfolg einer Investmentbank ist nicht die außergewöhnlich hohe Rendite, sondern die Beständigkeit der Rendite. Der wahre Erfolg eines Auto-Konzerns liegt nicht am außergewöhnlich langen Erfolg einer alten Technik, sondern an der rechtzeitigen Erschließung neuer Technologien. Und der wahre Erfolg einer wissenschaftlichen Institution und eines Landes liegt nicht an den außergewöhnlich hohen Zitatenzahlen und eingeworbenen Fördermitteln ihrer Wissenschaftler, sondern an der Fähigkeit Generation nach Generation, hoch kreative und gelegentlich außergewöhnlich produktiven Wissenschaftler auszubilden. Der wahre Erfolg lässt sich nur über Jahrzehnten erkennen.

Wir müssen der derzeitigen Erfolgskultur, die ein Selbstbetrug ist und den Betrug fördert, die Stirn bieten und uns darauf besinnen, was ein wahrer Erfolg ist. Welche Orte sind dafür besser geeignet als Hochschulen?

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Das Gefühl, fehl am Platz zu sein

Sonntag, Februar 14th, 2016

Wir kennen alle das komische Gefühl, Fehl am Platz zu sein. In einem Austausch erwidert man etwas, was man für vernünftig oder sogar offensichtlich hält. Unerwartet kommt der Austausch zum Stillstand. Man wird angeschaut, als ob man Dummes gesagt hätte.

Es ist mir neulich während eines Austausches über eine Umfrage zur Forschungszwecken von Studierenden zur Lehrevaluation passiert. Mein Vorschlag, die Fragebögen vom Dozent einzusammeln wurde mit der Bemerkung abgelehnt, der Dozent könnte die Fragebögen herausnehmen und vernichten, die zu kritisch seiner Lehre gegenüber sind.

„Wir sind aber alle Wissenschaftler und Beamte, mit einer solchen Fälschung ist folglich nicht zu rechnen“ habe ich gemeint und damit die oben beschriebenen Reaktion hervorgerufen.

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Zur Büroklammer-Apokalypse von Professor Bostrom

Montag, Juni 1st, 2015

Der schwedische Philosophie-Professor Nick Bostrom, der an der Universität Oxford das „Future of Humanity Institute“ leitet, veranschaulicht in Interviews und Presseartikel die Gefahren der Künstlichen Intelligenz, kurz KI, wie folgt: Ist eine intelligente Software dafür entworfen worden, Büroklammern zu erzeugen, so könnte die Software ihr Ziel darin sehen, so viele Büroklammern wie möglich zu erzeugen – bis alle Ressourcen der Erde, eventuell auch weiteren Planeten, ausgeschöpft sind, was das sichere Ende der Menschheit wäre. Was soll man davon halten?

Nicht viel, meine ich. Sich Gedanken über die Gefahren der Technik im Allgemeinen und der KI insbesondere zu machen ist gut. Aus diesen Gedanken apokalyptische Gefahren zu schildern ist aber naiv. Was die Büroklammer-Gefahr angeht, sind wir weit davon. Der Unvollständigkeit-Satz von Gödel besagt nämlich, dass jede Software (ab einer gewissen eigentlich geringen Leistungsfähigkeit) nicht selbst wissen kann, ob manches gilt oder nicht. Außerhalb des Systems gilt diese Einschränkung jedoch nicht, was Menschen die Möglichkeit offen hält, die Software zu überlisten. Es gibt keinen Grund zu fürchten, dass eine Software bald erstellt werden könnte, für die Gödels Einschränkung nicht gelten würde.

Viel sinnvoller wäre es, sich über andere Gefahr Gedanken zu machen:

  • Die Gefahr der Hunderten von Atomkraftwerken, die jederzeit Pannen haben könnten und deren Sicherheit auch in entwickelten und politisch und sozial stabilen Ländern alles andere als gesichert ist.
  • Die Gefahren der Atomwaffen, die in vielen Ländern der Welt zu finden sind.

Die KI wurde immer in zwei widersprüchlichen Weise kritisiert. Sie bringe nichts oder sie sei zu gefährlich. Schon von Neumann und seine Kollegen des Institute of Advanced Studies, wo der Computer erfunden wurde, haben über die Gefahren der künstlichen Intelligenz nachgedacht. Der Computer, der Herr über seine Schöpfer wird, ist das Thema von mehreren Science Fiction-Erzählungen. Eine davon ist der Film „2001: Odyssee im Weltraum“ in dem zu den Klängen des blauen Donau von Strauß ein Wissenschaftler sich bemüht, einem eigenwilligen und gefährlichen Computer den Stecker herauszunehmen. Der Disney-Film „Big Hero“ (zu Deutsch „Baymax“) ist eine weitere solche Erzählung. Beide Filme sind unterhaltsamer als die Büroklammer-Apokalypse von Professor Bostrom.

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Forschungsförderung und Wissenschaftsethik

Donnerstag, Februar 19th, 2015

Ein Teil der Arbeit eines Wissenschaftlers ist die Begutachtung von Anträgen, die andere Wissenschaftler bei Forschungsförderungsorganisationen stellen. Die Begutachtung solcher Anträge kostet Zeit und bringt dem Gutachter insofern etwas, dass er auf seinem Gebiet einiges interessantes erfährt. Ansonsten ist es keine besonders angenehme Tätigkeit.

Neulich nahm ich an einem Arbeitstreffen der Gutachter einer Forschungsförderungsorganisation in Räumen dieser Organisation statt. Das Gebäude im Mitten eines kleinen Parks, die Räumen und ihre Ausstattung waren viel schöner als die Arbeitsumgebung der Wissenschaftler, die bei der Forschungsförderungsorganisation Mittel beantragen. „Wieso?“, habe ich mich gefragt.

In einer Pause sprach ich mit einer der Funktionsträger dieser Forschungsförderungsorganisation und erfuhr von ihm, erstens dass die Anmietung dieses sehr schönes Gebäude sehr teuer ist, zweitens dass 30% der Mittel, die diese Forschungsförderungsorganisation erhält, für Gebäude und Verwaltung dieser Organisation verbraucht werden. „Das ist viel!“ habe ich dabei gedacht.

Es ist nicht nur viel. Es ist auch zu viel, viel zu viel. So drängt sich der Gedanke auf, dass diese Forschungsförderungsorganisation, die ihre Mittel ausschließlich von Staaten erhält, nicht nur der Wissenschaft dient, sondern auch ihre Funktionsträger und ihr Personal bedient. Vermutlich zutreffender kann man vermuten, dass diese Funktionsträger und dieses Personal sich aus Gelder bedient, die von Staaten zur Förderung der Forschung gegeben werden. Eine solche Selbstbedienung verstoßt gegen die Ethik.

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Wissenschaftliches netzwerken

Freitag, Januar 30th, 2015

Sie veröffentlichen so viel sie nur können. Sie schauen sich an, wie ihre Veröffentlichungen ankommen und wie viel, sie zitiert werden. Sie verfolgen, was andere veröffentlichen und wie es in der Gemeinschaft ankommt. Zitieren und zitiert werden, mögen und gemocht werden, loben und gelobt werden, ist zu Lebensinhalt geworden. Nichts belasten einen so sehr, als wenn die eigene Veröffentlichungen unbeachtet werden. en. Kein Tag vergeht ohne die Sorge um das eigenen Ankommen in der Gemeinschaft. Die Sorge um die Hackordnung prägt nicht nur den Inhalt ihrer Veröffentlichungen, sondern auch wenn sie zitieren und in ihren Veröffentlichungen loben.

Es kommt bekannt vor, oder? Es geht wohl um Blogger und Nutzer digitaler sozialer Netzwerke, werden die meisten denken. Weit gefehlt! Es geht um Wissenschaftler. So sind sie seit langem. So waren die meisten von ihnen noch lange vor dem Internet, vor Facebook und Tumblr. So wird seit mindestens 50 Jahren wissenschaftliche Forschung betrieben.

Ist das gut oder schlecht? Gut ist die schnelle Wahrnehmung der wissenschaftlicher Arbeit anderer. Schlecht und erdrückend ist der wissenschaftliche Konformismus, der davon genährt wird, dass das oben erwähnte Fortkommen in der Gemeinschaft keine pubertären Sorge ist, sondern die Sorge um Anstellung und Gehalt. Wer mit höchsten 35 Jahre ein paar Male eine virale Verbreitung einer seiner Publikationen erlebt hat, ist einer Professur so gut wie sicher. Die anderen riskieren dein Berufsleben im Prekariat.

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Stanford startet 100-jähriges KI-Forschungsprojekt

Freitag, Dezember 19th, 2014

Der Wissenschaftler, Autor und „Director of Engineering“ bei Google Raymond („Ray“) Kurzweil kündigt in seinem Blog-Artikel „Stanford to host 100-year study on artificial intelligence“ vom 16. Dezember 2014 den Start eines hundertjährigen Projektes in Künstlicher Intelligenz an der Universität Stanford an.

Ein auf hundert Jahre angelegtes Forschungsprojekt? Was soll man davon halten?

Erstens muss man feststellen, dass die Universität Stanford sich so eine Ankündigung leisten kann, ohne unglaubwürdig zu wirken. Ob das Forschungsprojekt tatsächlich hundert Jahre oder nur ein paar Jahrzehnte andauert, ist nebensächlich. Die Universität Stanford verfügt sowohl über die Mittel wie auch über die Menschen, um ein sehr lang angelegtes Forschungsprojekt anzukündigen. Keine der von Geldsorgen geplagten und kurzsichtig geleiteten europäischen Universität könnte ein lang angelegtes Forschungsvorhaben glaubwürdig ankündigen.

Die Künstliche Intelligenz hat einen schlechten Ruf, weil ihre Vertreter – insbesondere in Europa – immer wieder Großes angekündigt haben, was nicht eingehalten wurde. Gehört also das hundert-jährige Forschungsprojekt der Universität Stanford dazu?

Das glaube ich nicht. Die Projektbeschreibung „One-Hundred Year Study of Artificial Intelligence: Reflections and Framing“ von Eric Horvitz enthält keine Versprechen, sondern schildert eine überzeugende Projekt-Struktur

The One Hundred Year Study on Artificial Intelligence (AI100) at Stanford study will be overseen by aStanding Committee with rotating membership. A Faculty Director will provide administrative and programmatic oversight.  The Standing Committee is charged with nurturing and extending the mission of the program.  A key responsibility of the Standing Committee will be to assemble and track studies undertaken at five-year intervals. […]

und zeitgemäße Forschungsbereiche:

  • Delays with translating AI advances into real-world value.
  • Privacy and machine intelligence, Democracy and freedom, Law, Ethics.
  • Economics.
  • AI and warfare, Criminal uses of AI.
  • Collaborations with machines, Human cognition.
  • Safety and autonomy, Loss of control of AI systems.
  • Psychology of people and smart machines, Communication, understanding, and outreach.
  • Neuroscience and AI, AI and philosophy of mind.

Es ist davon auszugehen, dass das hundertjährige Forschungsvorhaben der Universität Stanford Wellen schlägt und zu neuen KI-Förderprogrammen in Europa und Deutschland führt. Vorhaben der Universität Stanford mit Wurzel in der Künstlichen Intelligenz sind bekanntlich bereits oft erfolgreich gewesen – PageRank, was zur Gründung des Konzerns Google geführt hat, war eins davon.

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Wissenschaftler-Stellen: „Unattraktiv, ausbeuterisch und zum Betrug verführend“

Donnerstag, Dezember 11th, 2014

Im SZ-Artikel „Hire-and-fire an der Universität“ berichten  Roland Preuß und Karin Janker wie „tausende befristete und oft kümmerlich bezahlte Stellen den Beruf Wissenschaftler an Hochschulen und Forschungsinstituten unattraktiv, ausbeuterisch machen – und zum Betrug verführen.

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Was ist denn eine Promotion?

Montag, Dezember 1st, 2014

In einer Erklärung vom November 2014, „Joint declaration on Doctoral Training in Europe„,  warnen Hochschulrektoren davor, „das Wesen der Promotion als erster Phase forschungsbasierter Arbeit junger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu verwässern,“ wie eine Pressemeldung der deutschen Hochschulrektorenkonferenz es ausdrückt.

Die Sorge kommt von Bestrebungen einigen Ländern Europas, die Promotion zu einer dritten berufsqualifizierenden Studienphase nach Bachelor und Master zu definieren – und schulischer mit Lehrveranstaltungen und ECTS-Punkte zu gestalten.

Eines muss man aber anerkennen: Die Promotion hat heute den Status, welchen ein Studienabschluss vor hundert Jahren hatte. Gegen das Verwässern –  sollte man nicht eher von Qualitätsminderung sprechen? – des Studiums wurde nichts getan. Es soll also nicht wundern, wenn ein ähnliches Verwässern der Promotion an der Tagesordnung ist.

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Gegen die Angst vor einem Plagiatsvorwurf

Mittwoch, November 26th, 2014

Die Angst vor einem Plagiatsvorwurf geht unter Doktoranden um – wohl bemerkt unter Doktoranden. Es ist nicht wahrzunehmen, dass ältere Wissenschaftler vor allem Professoren ähnlich besorgt wären.

Als ab dem 17. Februar 2011 jemand , vermutlich ein Doktorand, das Wiki GuttenPlag gründete, um die Dissertation des früheren deutschen Bundesverteidigungsministers Karl-Theodor zu Guttenberg nach möglichen Plagiate öffentlich und außerhalb von universitären Gremien zu untersuchen, empfanden viele Professoren einen schwer erträglichen Machtverlust. Es war nicht nur ein Machtverlust. Es war auch die Offenlegung von fragwürdigen Praktiken – siehe zum Beispiel „Verratende Stellungnahme„.

Nun fürchten einige Doktoranden meiner Fakultät sowie weiteren Fakultäten, dass der Plagiatsvorwurf zur aus welchem Grund auch gegen ihnen verwendet werden könnte – also eine Ermächtigung der einst entmachteten Professoren genau damit, womit sie entmachtet wurden.

Was tun? Ein paar Vorschläge dazu.

Wann ist ein Plagiatsvorwurf glaubwürdig? Erstens sollte man zwischen begründeten und unbegründeten Plagiatsvorwürfe unterscheiden.

Die Verwendung einer verbreiteten Ausdrucksweise ist kein Plagiat. Die nicht wenigen Wissenschaftler des deutschen Sprachraumes zum Beispiel, die den Ausdruck „unter besonderer Berücksichtigung“ im Titel ihrer Artikel verwendet haben, waren zweifelsohne damit nicht sehr erfinderisch. Das macht sie jedoch noch lange nicht zu Plagiator!

Eine unzureichend zitierte Reminiszenz in einem 8-seitigen Artikel sowie ein Handvoll solche Reminiszenzen in einer 200-seitigen Dissertation sind aus drei Gründen keine Plagiate, wenn auch sie ungeschickt und problematisch sind. Erstens kommt es häufig vor, dass die Artikellänge streng beschränkt ist, so dass zwei Zeilen mehr für ein weiteres Zitat einfach unmöglich sind. Zweitens setzt ein Plagiat eine eindeutige Absicht des Autors voraus, sich die geistige Leistungen anderer anzueignen. Drittens gibt es in der Wissenschaft Vorstellungen oder Erkenntnisse, die zu allgemeinen Gut gehören. Ein Informatiker kann zum Beispiel sehr wohl ohne Zitat erwähnen, dass davon auszugehen ist, dass P ≠ NP, oder dass der Datenparallelismus eine heute verbreitete Form der Nebenläufigkeit ist.

Selbstplagiate nicht übersehen. Die Zeiten sind längst vorbei, zu denen ein Doktorand erst nach seiner Promotion anfing zu veröffentlichen. Heute in den meisten Fächer sind wissenschaftliche Veröffentlichungen vor der Promotion üblich und nötig. Zum einen können nur so die Professoren der Fakultät und manchmal auch die Promotionsprüfer vom Wert einer Dissertation sich überzeugen, die ihnen wenig bekannte Themen behandelt. Zum anderen könnten andere Wissenschaftler die selbe Arbeit leisten und veröffentlichen, bevor der Doktorand sie veröffentlicht hat.

Es ist genauso zulässig, in einer Dissertation wie in einem sonstigen Buch Arbeiten zu übernehmen, die man zuvor in anderer Weise veröffentlicht hat. Ist man selbst der Autor oder Mitautor dieser Arbeiten, dann ist es auch zulässig die selbe Ausdrucksweise zu übernehmen. Geboten ist aber, in der Dissertation oder im Buch sehr eindeutig mitzuteilen, was genau übernommen wurde. Und es empfiehlt sich, diese Arbeiten weiter zu polieren oder ergänzen.

Wikipedia und sonstige Plattformen zum kollaborativen Verfassen sind für Doktoranden und Wissenschaftler gefährlich: Wer auf solche Plattformen beiträgt, hinterlässt Texte, die zwangsläufig ähnlich wie Auszüge aus wissenschaftlichen Arbeiten sein könnten und folglich zu einem Selbsplagiatsvorwurf führen könnten. Daher empfiehlt sich, zuerst den wissenschaftlichen Text zu veröffentlichen und erst danach den Beitrag in Wikipedia oder ähnlichen Plattformen mit einem Verweis auf der eigenen wissenschaftlichen Veröffentlichung. Hat aber jemand nicht so gehandelt und wird aufgrund eines eigenen Beitrags auf einer solchen Plattform einem Plagiatsvorwurf ausgesetzt, dann einfach das Log der Plattform zum Nachweis dessen vorlegen, dass man selbst den betroffenen Teil des Plattform-Beitrags verfasst hat.

Die Besprechung von Plagiatsvorwürfen ist Teil der wissenschaftlichen Arbeit. Sollte man einem Plagiatsvorwurf ausgesetzt werden, den man für fragwürdig hält, dann ist es ratsam den üblichen Weg der wissenschaftlichen Forschung zu gehen: Möglich viele voneinander unabhängige Wissenschaftler um ihre Meinung bitten – vor allem solche, die nicht im beruflichen Umfeld der Wissenschaftler stehen, die den Plagiatsvorwurf erheben. Die Untersuchung eines Plagiatsvorwurfs ist Teil der wissenschaftlichen Arbeit. Sie gehört wissenschaftlich untersucht, was unter anderem vor einem Missbrauch des Plagiatsvorwurfs als Machtinstrument schützt.

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Kriegsdrone zum 3D-Drucken

Montag, November 10th, 2014

Der gestrige Wired-Artikel „A Military-Grade Drone That Can Be Printed Anywhere“ berichtet über das Ergebnis eines Forschungsprojekt an der Universität Virginia: Eine Drone, die als Kriegsgerät verwendet werden kann, namens „The Razor“ zum 3D-Drucken, die etwas vergrößert oder verkleinert in 31 Stunden, erstellt werden kann, ein Android-Smartphone als Computer verwendet und weniger als 2.000 € kostet.

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Zur Zukunft der Künstlichen Intelligenz: Die Nicht-Menschliche Intelligenz

Mittwoch, November 5th, 2014

Im Wired-Artikel „The Three Breakthroughs That Have Finally Unleashed AI on the World“ argumentiert Kevin Kelly, dass drei Entwicklungen die Ursachen der allgegenwärtigen Verbreitung von Methoden der Künstlichen Intelligenz gewesen sind:

  • Kostengünstiges paralleles Rechnen
  • Die Datenanalyse („Big Data“)
  • Bessere Algorithmen insbesondere im Bereich der neuronalen Netzen

Er stellt dann die –nicht ganz überraschenden– These auf, dass die Zukunft der Künstlichen Intelligenz in der nicht-Menschlichen Intelligenz, also in Algorithmen, die von der menschlichen Kognition abweichen.

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Kleine Fibel der wissenschaftlichen Begutachtung

Donnerstag, Oktober 30th, 2014

Das Ereignis, wovon der Artikel „Harmloses Zitat oder wissenschaftliches Fehlverhalten? Frage geklärt“ berichtet, ist ein Anlass eine kleine Fibel der wissenschaftlichen Begutachtung anzubieten.

Kern wissenschaftlicher Praxis ist die gegenseitige Überprüfung von Ergebnissen unter Wissenschaftler, das so genannte „Peer Review“. Ziel dabei ist, eine unabhängige Überprüfung zu leisten, bevor Ergebnisse veröffentlicht werden oder zum Erwerb von akademischen Titel oder Stellen verwendet werden.

Es geht also um eine Überprüfung. Ein Gutachter muss sicherstellen, dass vorgelegten Befunde und Aussagen glaubwürdig und neu sind. Ein Gutachter kann meist nicht alle denkbare Zweifel beseitigen, weil eine absolute sichere Überprüfung oft zu zeitaufwendig wäre: In einem solchen Fall muss der Gutachter offenlegen, inwieweit seine Überprüfung reicht und somit seine Auftraggeber –die Herausgeber einer wissenschaftlichen Zeitschrift oder eine Fakultät im Falle einer Dissertation oder Habilitationsschrift– die Möglichkeit geben, die Begutachtung vertiefen zu lassen.

In der Wissenschaft muss ein unabhängig sein. Deswegen arbeitet er unentgeltlich und muss sein Urteil fern von den eigenen Meinungen und wissenschaftlichen Zielen liefern. Ein Gutachter darf nicht bewusst weder Arbeiten bevorzugen, die ihm inhaltlich oder deren Autoren nahe stehen, oder sich einen Vorteil von einer positiven Begutachtung erhoffen. Dies ist natürlich schwer sicher zu stellen, weil unbewusste Vorurteile alle Menschen beeinflussen. (Ich habe leider oft ein nationales Vorurteil bei Wissenschaftlern verschiedenen Kulturen festgestellt.) Weil Menschen nie ganz vorurteilsfrei sind, werden wissenschaftliche Arbeite von mehreren voneinander unabhängigen Gutachtern überprüft, die zudem verschiedenen „wissenschaftlichen Kulturen“ vertreten und möglichst aus verschiedenen Arbeitsgruppen und Ländern kommen. Wer den Autoren einer Arbeit nahe steht und mit der Begutachtung dieser Arbeit bestellt wird, muss die Begutachtung ablehnen. Sollte die Ablehnung unmöglich sein, dann muss der Gutachter in seiner Begutachtung sorgfältig offen legen, weswegen er möglicherweise nicht ganz unbefangen ist.

Die Arbeiten, die einem wissenschaftlichen Gutachter zur Überprüfung anvertraut werden, müssen vom Gutachter streng vertraulich behandelt werden. Weder Auszüge aus solchen Arbeiten, noch die Tatsache, dass eine Arbeit begutachtet wird, noch der glückliche oder unglücklicher Ausgang einer Begutachtung darf nach außen mitgeteilt werden. Und selbstverständlich darf ein Gutachter nichts aus einer ihm zur Begutachtung anvertrauten Arbeit für sich oder in seiner eigenen wissenschaftlicher Arbeit verwenden, bis diese Arbeit öffentlich ist. Diese letzte Regel zu missachten, gilt in der Wissenschaft als äußerst schwerwiegenden Fehler, der den Ausschluss aus der Begutachtung, aus der Herausgeberschaft von Zeitschriften, aus Programmkomitees von Konferenzen und nicht zuletzt Stellen wie insbesondere Professuren zur Folge hat. Dabei ist die Meinung des Betroffenen belanglos, wie wert- oder bedeutungsvoll die unzulässige „Ausleihe“ ist, weil was der eine für „anekdotisch“ hält sehr wohl für andere eine sehr große Bedeutung haben mag. Man denke zum Beispiel an der Evolutionstheorie von Darwin, die unter den Herausgeber der Zeitschrift, wo sie zuerst erscheint, als nicht besonders wichtig galt, oder an die Arbeit von Brin and Page über das Suchverfahren, welches Kern von Google wurde, die wegen angeblichen Bedeutungslosigkeit von einer Informatikkonferenz abgelehnt wurde.

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Harmloses Zitat oder wissenschaftliches Fehlverhalten? Frage geklärt

Mittwoch, Oktober 29th, 2014

Die Frage des Artikelstitels „Harmloses Zitat oder wissenschaftliches Fehlverhalten?“ hat nun eine Antwort erhalten. Im Artikel „Vorsingen mit Nachspiel“ der heutigen Süddeutschen Zeitung wird der Wissenschaftler, der in seinem Berufunsvortrag eine Mathematik-Textaufgabe erwähnt hat, ohne Quelle anzugeben, wie folgt zitiert:

„Ihm lag der Text bereits vor der Veröffentlichung vor, weil er als Redakteur einer Fachzeitschrift für den Artikel zuständig war. Er habe die Aufgabe lediglich als ‚anekdotenhaften Einstieg‘ in den Vortrag eingesetzt, erklärt der damalige Bewerber. Dafür sei die schriftliche Quellenangabe nicht erforderlich.“ 

Somit hat der Beschuldigte einen schwerwiegenden Fehler zugestanden: Als Redakteur oder Gutachter einer wissenschaftlicher Zeitschrift hat er eine eingereichte und noch nicht erschienenen Arbeit verwendet. Das gilt als unzuläßig – zumindest in internationalen Wissenschaftskreisen. Nun bleibt der Zeitschrift wohl nichts anderes übrig, als sich von diesem Redakteur zu trennen.

Darüber hinaus erhebt der Autor der verwendeten und nicht zitierten Arbeit, Werner Gebhard, einen weiteren besonders schwerwiegenden Vorwurf: Nicht nur eine Mathematik-Textaufgabe wurde erwähnt, sondern auch, wie sprachgestörte Kinder die Aufgabe völlig falsch verstanden haben. Der Vorwurf ist glaubwürdig: Warum sonst hätte denn der vortragende Sprachheilpädagoge eine Mathematik-Textaufgabe erwähnt, wenn nicht um ebenfalls zu erwähnen, dass manche Schüler sie nicht verstanden haben?

Die Frage „Harmloses Zitat oder wissenschaftliches Fehlverhalten?“ scheint also beantwortet zu sein: Wissenschaftliches Fehlverhalten.

Ziemlich verstörend ist, dass, wie der SZ-Artikel berichtet, universitäre Instanzen den Fall anders bewerten. Früher oder später werden sich diese Instanzen auf Wissenschaftsnormen zweifelsohne besinnen, die weltweit gelten.

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Harmloses Zitat oder wissenschaftliches Fehlverhalten?

Sonntag, Oktober 26th, 2014

Im Artikel „Plagiatsvorwurf gegen Professor“  berichtet heute die Süddeutsche Zeitung über einen seltsamen Streit bei einer Lehrstuhlbesetzung an meiner Universität. Die Deutsche Gesellschaft für Sprachheilpädagogik (DGS) wirft dem von der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) zur Besetzung des Lehrstuhls ausgewählten Bewerber vor, bei seinem Berufungsvortrag -also bei seiner Bewerbung-, sich einer noch nicht erschienen Publikation eines Dritten bedient zu haben. Die DGS hat eine Pressekonferenz zu diesem Vorwurf für den kommenden Dienstag angekündigt. Der Betroffene hält den Vorwurf für eine Diffamierung und sagte, „das Zitat diente als anekdotenhafter Einstieg in den didaktischen Vortrag.“ Aus Sicht der DGS war aber das Zitat „Kernpunkt [des] Vortrags.“ Was soll man davon halten?

In der Wissenschaft gilt eine einfache eiserne Regel: Wer von einer noch nicht veröffentliche Arbeit als Gutachter oder sonst wie erfährt, behält es für sich und verwendet es auch nicht in der eigenen Forschung, bis die Arbeit veröffentlicht ist. Ein Berufungsvortrag gehört zu den formalsten Vorträgen, die ein Wissenschaftler hält. Folglich ist die oben erwähnte Erklärung des Vortragenden seltsam, das Zitat diente als anekdotenhafter Einstieg in den didaktischen Vortrag. Ein solches Zitat wäre in einem gewöhnlichen  Vortrag sehr ungeschickt, in einem Berufungsvortrag wohl kein Zeichen wissenschaftlicher Reife.

Seltsamer wäre es noch, wenn, wie nach der Süddeutschen Zeitung die DGS behauptet, die Erwähnung der Arbeit eines Dritten wäre der Kernpunkt des Vortrags gewesen. Wenn das zutrifft, dann gibt es nur zwei Möglichkeiten. Die erste ist, dass der Vortragende die These der von ihm zitierten Arbeit widerlegt hat. Es wäre ein grober Fehler gewesen, eine noch nicht veröffentliche Arbeit öffentlich zu widerlegen. Die zweite Möglichkeit ist, dass der Vortragende sich mit den Federn eines anderen geschmückt und so seine Berufung erzielt hat. Der Plagiatsvorwurf wäre begründet.

Des Pudels Kern ist also des Vortrags Kern. War der Vortragskern das fragliche Zitat, so müsste wohl der Lehrstuhl mit jemandem anderen besetzt werden. Nicht nur der Vortragende hätte einen schwerwiegenden Fehler begangen, sondern auch diejenigen, die von diesem Fehler wissend seine Berufung empfohlen oder ihn berufen haben.

Der Berufene kann übrigens seine Unschuld durch die Veröffentlichung  seines Vortrags –sei es nur in großen Zügen– leicht beweisen. Auch fachunkündige Personen könnten dadurch sich von seiner Unschuld schnell überzeugen.

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Fördert die Reifikation von Abstraktionen das Lernen?

Freitag, Oktober 17th, 2014

Neulich habe ich einem 9jährigen Kind ein Raspberry Pi gegeben. Es hat mit großem Interesse die nackte Karte in eine schützende Hülle gesteckt und Peripherie-Geräte für WLAN, Bluetooth-Gerät zur Verbindung zu einer Tastatur, HDMI-Kabel zu einem Bildschirm und die Stecker eines Lautsprechers gesetzt.

Dann habe ich dem Kind gezeigt, wie man ein Terminal-Fenster eröffnet, eine Python-Treiberschleife startet und arithmetische Ausdrücke auswerten lässt. Große Zahlen waren ein Renner. Das Produkt 9000000000 * 2 wurde mit der Bemerkung quittiert: „Klar, das Ergebnis fängt mit 18 an.

Eine Woche später habe ich dem Kind anonyme Funktionen wie (lambda etwas: 2*etwas) und ihre Anwendung wie  (lambda etwas: 2*etwas)(90) gezeigt – auf meinem Laptop. „Du weisst ja, wie es auf deinem Computer geht,“ habe ich dem Kind gesagt, das es tatsächlich noch wußte. Sowohl um den Fokus auf das Wesentlichste und um die Erinnerung zu fördern, habe ich es immer noch bei der Treiberschleife belassen. Ein Editor wie vi oder nano kann erst später eingeführt werden, meine ich, wenn schon ein paar kleine Funktionen beherrscht werden.

Ich habe den Eindruck, dass das Anfassen des Computers und das Zusammensetzen seiner Peripherie sehr zur Entdeckungs- und Lernlust des Kindes beigetragen haben. Das Kind hatte ja gesagt: „Wenn man weiß, wie ein Computer gebaut ist, dann kann man auch programmieren lernen,“ was ich deswegen nicht hinterfragt habe, um seine Aufmerksamkeit nicht von der Programmierung auf die Hardware zu lenken.

Sollte mein Eindruck stimmen, so würde es heißen, dass Abstraktes wie in der Programmierung eine anonyme Funktion besser gelernt wird, wenn es irgendwie „verdinglicht“ – reifiziert wäre vermutlich der passende Begriff – wird. Trägt tatsächlich die Reifikation von Abstraktionen zum besseren Lernen bei Kinder bei, wovon ich ausgehe, so dürfte man sich fragen, ob das Selbe bei Erwachsenen stattfindet, wovon ich ebenfalls ausgehe. Sind diese beiden Annahmen richtig, so stehe ich vor einem Problem: Die Lehre, wie ich sie seit meiner Kindheit kenne und wie ich sie als Hochschullehrer pratiziere, lässt nicht nur kaum Raum für eine Reifikation von Abstraktionen, sie optimiert alles weg, was rational betrachtet zum Lerngegenstand nicht gehört – wie unter anderem die Reifikation einer Abstraktion.

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Havard Universität spricht sich für Open Access aus – Aus Kostengründen

Mittwoch, Oktober 15th, 2014

Der Guardian-Artikel „Harvard University says it can’t afford journal publishers‘ prices“ berichtet über einen Aufruf der Harvard University an sein wissenschaftliches Personal, ihre wissenschaftliche Publikationen in „Open Access“-Zeitschriften zu veröffentlichen, und ihre Abonnements von Zeitschriften zu beenden, die wissenschaftliche Publikationen „hinter Paywalls“ stellen.

„Open Access“ bezeichnet den kostenlosen Zugang über das Internet zu Dokumenten und Datensätze. Die Berliner Erklärung über offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen vom Oktober 2003 erweitert die zuvor definierten Ziele der Open-Access-Bewegung. Open Access wird oft wie folgt begründet. Die wissenschaftliche Forschung wird zweimal meist vom Staat bezahlt: Einmal zu ihrer Entstehung, ein weiteres Mal, wenn sie gelesen wird. Ein sehr wesentlicher Grund für die Open Access-Bewegung liegt darin, dass in den letzten 30 bis 40 Jahren die Kosten, die wissenschaftliche Verlage meist verlangen, stetig und sehr gewachsen sind – bei immer geringerer Leistungen. Ein achtseitiger Artikel kostet nicht selten über 30 €. Als ich zur Zeit meiner Promotion Anfang der 80er Jahren des 20. Jahrhundert meine ersten wissenschaftlichen Arbeiten veröffentlicht habe, haben die Verlage noch für die Formatierung gesorgt. Schon zehn Jahre danach erwarteten die meisten wissenschaftlichen Verlage von den Wissenschaftler, dass sie druckreife Texte liefern. In Fächer wie Mathematik und Informatik wird fast die ganze Arbeit zur Veröffentlichung von wissenschaftlichen Artikeln von ehrenamtlich tätigen Wissenschaftler übernommen: Verfassen, Begutachtung, Werbung, Artikel- und Autoren-Suche, Überprüfung des sprachlichen Stils und der Länge, und Formatierung.

Open Access ist ein langjähriges Thema in Deutschland, wofür allerdings sich kaum jemand ernsthaft interessiert. Vorgestern habe ich den eröffnenden Vortrag („Gifts of Openness in Sciences and Higher Education„)  bei den von der Max Planck Gesellschaft veranstalteten „Open Science Days 2014“ und argumentiert, dass im Open Access ein gewaltiges bisher selten gesehenes Potential für Forschung und Lehre steckt. Es waren auf der Tagung nur 50 Personen anwesend. Offenbar glauben noch die Entscheidungsträger an Hochschulen, Bibliotheken und wissenschaftliche Einrichtungen besseres zu tun zu haben, als sich um Open Access zu kümmern. Vermutlich wird unter ihnen die Entscheidung der Harvard University eine Sogwirkung haben.

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THE World University Ranking: Liegt der Erfolg in der Buchführung?

Samstag, Oktober 11th, 2014

Am 1. Oktober 2014 hat das Times Higher Education Magazine sein jährliches World University Ranking 2014-2015 veröffentlich. In diesem Ranking hat meine Universität, die Ludwig-Maximilians-Universität München, einen sehr großen Sprung nach vorne gemacht. Sie steht nun auf dem Platz 29 als erste deutsche Universität unter den ersten 30 besten Universitäten weltweit.

Der Vergleich mit dem World University Ranking des Vorjahres liefert die Gründe für den Sprung nach vorne:

Teaching: 2014-2015: 65,1 – 2013-2014: 55,4

International outlook: 2014-2015: 56,4 – 2013-2014: 56,3

Industrie income: 2014-2015: 100,0 – 2013-2014: 41,4

Research: 2014-2015: 69,1 – 2013-2014: 54,1

Citation: 2014-2015: 83,0 – 2013-2014: 83,3

Es sind also vor allem die Lehre, die Forschung und vor allem der Erwerb von Drittmittel aus der Industrie, die den Sprung nach vorne begründen.

Wie sind solche große Verbesserungen bei der Lehre und beim Erwerb von Drittmittel möglich, habe ich mich gefragt, die meine Universitätskollegen und ich nicht bemerkt haben? Ich habe eine Korrektur des Ranking oder eine Mitteilung der Universitätsleitung erwartet, die das Rätsel erklären würden.

Wesentliche Verbesserungen in der Lehre an einer Universität mit beinahe 50.000 Studierenden können wohl kaum unbemerkt bleiben. Sie müssten auch die Ausstattung einschließlich die Raumausstattung betreffen, was wohl kaum unbemerkt bleiben würde. Wenn ganz neue Lehrmethoden eingeführt worden wären, in deren Genuss ein Großteil der Studierenden gekommen wären, dann hätte es wohl mehr als ein Jahr gedauert und es wäre auch sichtbar gewesen. Im Bereich Lehre fällt mir als Neues im letzten Jahr an meiner Universität nur ein paar MOOCs auf Coursera. Das kann wohl keine Verbesserung der Note um beinahe 10% erklären.

Mittel aus der Industrie werden vor allem verwendet, um Personal oder Geräte zu finanzieren. Die gewaltige Steigerung des Ranking-Indikators um 60% auf 100,0 – die höchstmögliche Zahl, wenn ich gut verstehe – ist folglich ohne sichtbare Verbesserung der Raumausstattung wohl unmöglich: Zusätzliches Personal und zusätzliche Geräte in einem Ausmass, das eine solche Steigerung begründen würde, müssen ja irgendwo untergebracht werden. Große Flächen, die erst in den letzten ein bis zwei Jahre benutzt worden wären, gibt es an der Universität nicht.

Neulich habe ich gehört, dass der Sprung nach vorne der Ludwig-Maximilians-Universität München in diesem Ranking auf die Einführung einer „auf das Ranking optimierten Buchführung“ zurück geht. Das World University Ranking beruht ja auf Zahlen, die jede Universität selbst ermittelt. Angesicht der Mitteilung der Universität, die keine strukturelle Veränderung als Ursache des Ranking-Erfolges erwähnt, erscheint diese Erklärung als durchaus möglich.

Was der Grund auch sein mag, wird man noch davon hören. Es wäre verwunderlich, wenn die Ranking-Wettbewerber  insbesondere diejenigen in Deutschland nicht neugierig nach den Gründen des bemerkenswerten Erfolgs meiner Universität wären.

FB

Außer Gefecht

Donnerstag, Oktober 9th, 2014

Weil niemand mit sowohl das Erscheinen einer starken islamistischen Gruppe in Syrien und im Irak als auch mit den Bemühungen des russischen Tzar um einen kleinen kalten Krieg gerechnet hatte, steht heute die Bundeswehr zum Teil außer Gefecht.

Ähnliches könnte in Bildung und Forschung passieren. Seit Jahrzehnten erodiert in Deutschland nicht nur die materielle, sondern auch die personelle Substanz. Überall in Hochschulen sind marode, notdürftige in Stand gehaltene,  Gebäude zu sehen. Überall fehlt es an Lehrpersonal. Neulich erzählte mir lachend ein junger Informatik-Professor, dass seine Bewerbung bei einem dynamischen IT-Unternehmen mit der Begründung abgelehnt wurde, man könnte ihm leider derzeit ein Jahresgehalt von nur 120.000 € anbieten. Dabei verdient ein Professor auf der höchsten Gehaltsstufe deutlich weniger.

In der Informatik ist eine Hochschulkarriere für die begabtesten jungen Absolventen keine anziehende Perspektive mehr. Die Arbeitsbedingungen sind zu schlecht, die Lehre ist viel zu hart geworden. Ein ehemaliger Doktorand, der nach der Promotion mehrere Jahre in einem Forschungszentrum im Universitätsumfeld ohne Lehraufgaben tätig war, teilte mir neulich sein Wechsel zu einem IT-Konzern wie folgt mit: „Es ist angenehm, einen Arbeitgeber zu haben, der sich um sein Personal kümmert.“ Hochschulkarriere sind auch deswegen wenig attraktiv geworden, weil in den letzten Jahrzehnten die Fürsorge für das wissenschaftliche Personal sehr zurückgegangen ist.

Begabte und kreative Informatik-Professoren wird es sicherlich trotz allem immer noch geben. Es wird aber viel mehr Professoren geben, die vor allem die Bequemlichkeit einer sicheren Stelle suchen, und die sich in ein System gerne einfügen, welches Bequemlichkeit und Anpassung mehr als selbständiges Denken und Kreativität fördert.

Irgendwann wird man aber kreative Informatiker für Forschung oder Lehre benötigen, und ausreichend qualifizierte und begabte werden schwer zu finden sein. Der Wiederaufbau wird dann mühsam und langsam sein. Das Land wird Jahrzehnte lang an Wettbewerbsfähigkeit einbüßen.

FB

„Behandelt wie der letzte Dreck“

Dienstag, Oktober 7th, 2014

Im Artikel „Das promovierte Prekariat„, der heute in der Süddeutschen Zeitung erschienen ist, beschreibt Peter Grottian, der Hochschullehrer für Politikwissenschaft an der FU Berlin  war, die Lage von vielen Lehrbeauftragten und wissenschaftlichen Mitarbeitern an deutschen Hochschulen.

Übertrieben? Keineswegs, wenn auch in Ingenieurfächern, wo es mehr Mittel als in den Geisteswissenschaften gibt, die wissenschaftlichen Mitarbeiterin der Regel vollzeitig eingestellt werden.

FB

Finger weg von Asset-Backed Securities (ABS)!

Dienstag, September 9th, 2014

Eine der Ursachen der großen Rezession, die Europa und die Welt seit acht Jahren plagt, ist die Fehleinschätzung der Risiken von Finanzinstrumenten wie Asset-Backed Securities, kurz ABS. Weder die Banken, die die ABS verkaufen, die Finanzexperten, die sie bewerten und die Investoren, die sie kaufen,  sind in der Lage, die Kreditrisiken von ABS richtig einzuschätzen.

Ein ABS ist eine Bündelung von verschiedenen Krediten, die folglich alle ihre eigenen Risiken haben. Um das Kreditrisiko eines ABS einschätzen zu können, muss man die Kreditrisiken der verschiedenen Finanzinstrumente einschätzen, die im ABDS gebündelt sind. Wer kann das? Kaum jemand; insbesondere kaum jemand in den Banken, die ABS verkaufen.

Die „Subprime Mortgage“-Krise von 2007-2009 wurde unter anderem dadurch belebt, dass Investoren übersehen hatten, dass das Kreditrisiko von Mortage-Backed Securities (MBS), d. h. ABS, die auf Darlehen beruhen, auch von frühzeitige Rückzahlungen von Darlehen abhängen. Wird ein Darlehen frühzeitig zurückbezahlt, so wird der Zinsfluss frühzeitig unterbrochen, was die Rendite des MBS verringert. Bis in den letzten Jahren haben aber Risiko-Experten der Finanzwelt frühzeitige Rückzahlungen von Darlehen nicht als Kreditrisiken deswegen nicht angesehen, weil ein Darlehennehmer, der das Darlehen frühzeitig zurückzahlt bestimmt solvent ist. Die „Subprime Mortgage“-Krise wurde dadurch befeuert, dass ABS auf der Grundlage von vom US-Staat gesicherten Darlehen, die Darlehen der Government National Mortgage Association („Ginnie Mae“) und  der Federal Home Loan Mortgage Corporation („Freddie Mac“) als risikolos  angesehen wurden, eben weil der US-Staat diese Darlehen gesichert und die möglichen frühzeitige Rückzahlungen ignoriert wurden.

Die Rendite eines ABS wird durch Tranchen bestimmt. Die beste Tranche, die Tranche mit der höchsten „seniority“, wird zuerst bedient, was heißt, dass die Investoren in dieser Tranche des ABS als erste etwas von den Zinsen erhalten, die im ABS gebündelt sind. Danach erhalten die Investoren in den nächsten Tranche, usw. Das Kreditrisiko eines ABS hängt folglich nicht nur von den verschiedenen Kreditrisiken der Finanzinstrumenten, die im ABS gebündelt sind, sondern auch von der „Tranchen-Kaskade“ ab. Nun, wie diese Kaskade in einem bestimmten ABS genau funktioniert, ist für gewöhnlich ziemlich kompliziert. Es wird in einem ABS-Vertrag festgelegt, der nicht selten hunderte von Seiten lang ist und  von verschiedenen Regelungen und Gesetzen abhängt.

ABS sind zweifelsohne sehr schöne Konstruktionen. Die Streuung der Kreditrisiken durch die Bündelung von verschiedenen Krediten ist zweifelsohne eine gute Idee. Diese Streuung verringert aber nur dann das Kreditrisiko, wenn die im ABS gebündelte Finanzinstrumente Kreditrisiken haben, die unabhängig voneinander sind. In der heutigen globalen Wirtschaft ist aber die Einschätzung solcher Abhängigkeiten und ihrer Wirkung auf Kreditrisiken sehr schwer feststellbar. Der Immobilienmarkt in München hängt zum Beispiel von der IT-, von der Automobil- und von der Luftfahrtindustrie. Wie genau ein Rückgang in einer kleinen Sparten dieser Industrien (etwa bei IT-Kleinunternehmen, die Sensor-Software für Autos und Flugzeuge entwickeln) auf den Münchner Immobilienmarkt wirken könnte, kann derzeit kaum jemand einschätzen. Wie wird zum Beispiel die Ukraine-Krise auf die Kerosin-Optionen der Fluggesellschaften wirken? Wird sie ihren Wert erhöhen, weil sie wegen eines Flugverbots über Russland mehr Kerosin benötigen werden oder wird ihr Wert sinken, weil weniger geflogen werden wird. Welcher Banker, welcher Investor kann das heute einschätzen? Und zudem einschätzen, wie das auf jede Tranche eines ABS wirken mag, das solche Optionen beinhaltet?

ABS verlangen also eine Kreditrisikoschätzung, die derzeit weder in den Banken stattfindet, die ABS verkaufen, noch von den Investoren geleistet werden kann, die ABS kaufen könnten. ABS werden zudem durch sehr komplizierte Verträge geregelt, deren Wirkung auf das Kreditrisiko der Tranchen eines ABS kaum ein Banker und kaum ein Investor einschätzen kann. Ganz offensichtlich sind ABS so erfolgreiche Finanzinstrumente gewesen, um Geld (wohl bemerkt auf Kosten von naiven Investoren) zu verdienen, weil ihre Kreditrisiken unterschätzt wurden. Es ist folglich sehr verwunderlich, dass nun die Europäische Zentralbank ABS im großen Stil kauft, die deutsche und französische Finanzminister und die Europäische Kommission die ABS nun beleben wollen. Wurde denn die bisher mangelhafte Kreditrisikoschätzung verbessert?

FB

Post Scriptum: Dieser Blog-Artikel beruht auf dem  folgenden Forschungsartikel: „Human Computation-Enabled Network Analysis for a Systemic Credit Risk Rating“ (erschienen in: Pietro Michelucci, editor: Handbook of Human Computation, Springer, Seiten 215-246, 2013)