Unsere Vorstellung einer Bibliothek ist zu einer Zeit entstanden, in der Bücher wertvoll, selten und geräumig waren. Eine traditionelle Bibliothek ist ähnlich einem Museum mit Lesesaal und möglicherweise Bücherausleihe. Die traditionelle Bibliothek hat ausgedient. In manche Bibliotheken ist man dessen bewusst. Man überlegt, wie die Bibliothek der Gegenwart sein kann. Hier ein paar Gedanken dazu, die in Gespräche mit Mitarbeitern zweier wissenschaftlichen Bibliotheken entwickelt wurden.
Open Access ist die Publikationsform der Zukunft für wissenschaftliche Arbeiten, auf die Bibliotheken einstellen müssen. Open Access bezeichnet Publikationen, die für alle kostenlos verfügbar sind. Open Access ist keineswegs als Verzicht auf das Urheberrecht anzusehen – im Gegenteil. Die geistige Rechte über eine kostenlos abrufbare Publikation sind genauso geschützt wie die geistige Rechte über eine Skulptur, die im Mitten eines Platzes steht und für alle sichtbar und fotografierbar ist. Open Access hat zwei Begründungen. Erstens vermeidet es, dass der Steuerzahler erstmal für die Forschung an öffentlichen Einrichtungen zahlt – unter anderem für mein Gehalt – , dann jedes Mal wenn die Ergebnisse dieser bereits bezahlten Forschung verwendet werden – etwa, wenn ein Student oder ein Wissenschaftler ein meiner wissenschaftlichen Publikationen lesen möchte. Zweites wirkt Open Access wie Patente über Erfindungen: Ein Patent verleiht einem Erfinder eine auf zwanzig Jahre begrenzte Nutzungsrecht für seine Erfindung und gibt dafür alle das Recht auf kostenlose Einsicht in diese Erfindung – übrigens schon ab dem Zeitpunkt des Patentantrags, der oft nicht uneingeschränkt gewährt wird.
Sinn von Schutz gegen Offenlegung im Patentrecht ist es, zu Nachahmung (mit anderen Mitteln) von Erfindungen anzuregen. Sinn von Open Access in der Wissenschaft ist es, weitere Forschungsergebnisse zu fördern. In beiden Fälle werden die geistigen Rechte nicht nur geschützt, sondern sogar durch die kostenlose Veröffentlichung gefördert. Ein Patent ist desto wertvoller, dass man sie verwendet wird. Wird sie nachgeahmt, so entsteht ein Nährboden für ihre Nutzung. Eine Erfindung, die niemand nachahmen möchte, ist ein vergessener Schatz. Eine wissenschaftliche Publikation, die viel gelesen wird, kann viel verwendet werden. Ihr Wert steigt – und dadurch die Bedeutung ihrer Autoren und der Einrichtung, wo sie forschen. Patente und Open Access sind die selbe Form von Geben und Nehmen, die durch Internet und Web unsere Gesellschaft verändert und Kreativität, Wissenschaft und nicht zuletzt Wirtschaft fördert.
Bibliotheken müssen sich als virtuelle Leseräume neue erfinden. Wenn Open Access die Publikationsform der Zukunft ist, dann können Bibliotheken nicht länger primär Bücherlager sein. Sie müssen sich als Vermittler von Publikationen neu erfinden, die nicht unbedingt auf ihren eigenen Server gespeichert werden, sondern auch auf den Servern von weiteren Bibliotheken, Verlage oder gar wissenschaftlichen Einrichtungen. Um eine Existenzberechtigung zu erhalten muss eine Bibliothek neue Diensten anbieten:
- Spezialisierte Suche – zum Beispiel eine semantische Suche für die Kunstgeschichte, wie mit ARTigo entwickelt wird;
- Arbeitsumgebungen für Communities of Practice von Wissenschaftler, das heißt soziale Medien, die auf eine kollaborative Zusammenarbeit unterstützen.
Wird eine wissenschaftliche Bibliothek in dieser Weise neu erfunden, so kann sie sich der breiten Bevölkerung öffnen, was sogar zu bessere Diensten für Wissenschaftler führen kann. Die semantische Suchmaschine für die Kunstgeschichte, die mit dem Web-Plattform ARTigo entwickelt wird, ist vor allem ein Werkzeug für Wissenschaftler. Die Entwicklung dieses Werkzeuges aber geschieht aber die Mitwirkung von Laien.
Die Öffnung von wissenschaftlichen Bibliotheken dem breiten Publikum ist kennzeichnend für die derzeitige Entwicklung, die Open Access ermöglicht. Das breite Publikum – unter anderem Schüler und Lehrer – erhalten einen besseren Zugang zur Kultur wund Wissenschaft, die Wissenschaft wird besser von der Gesellschaft wahrgenommen, wissenschaftliche Bibliotheken erhalten dadurch eine stärkere soziale Bedeutung.
Eine wissenschaftliche Bibliothek, die sich so verändert, stellt ihre Existenz sicher. Eine, die es nicht tut, wird früher oder später weg gespart werden.
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