Die Hochschulen sind in den letzten Jahren in Deutschland sehr verändert worden. Die Bologna-Reform ist nur die für alle sichtbare Seite dieser Veränderungen. Ziel dieser Veränderungen ist es, die Hochschulen nicht mehr wie Behörde zu führen und zu verwalten, sondern erfolgsorientierter wie Unternehmen der freien Wirtschaft, ohne dabei wirtschaftliche ziele zu verfolgen.
Um dieses Ziel zu erreichen sind Hochschulräte eingeführt worden, die ähnlich wie die Aufsichtsräte von Unternehmen arbeiten sollten. So stellt meine Universität, die Ludwig-Maximilians-Universität München ihren Hochschulrat in der Webseite “Der Hochschulrat der LMU München” vor:
“Der Hochschulrat hat als zentrales Entscheidungsgremium die Funktion eines Aufsichtsrates. Das Gremium wählt sowohl die Präsidentin oder den Präsidenten als auch die Vizepräsidenten der Universität und kann über deren Abwahl entscheiden. Zudem beschließt er unter anderem über die Grundordnung, also das Grundgesetz der Universität.“
Hochschulräte sind einigen Jahren nach ihrer Einführung sehr umstritten, weil – so die verbreitete Kritik – sie wenig nützliches leisten. Wegen dieser Andauernden Kritik haben vor einigen Tagen die Vorsitzenden deutscher Hochschulräte ein “Positionspapier” oder Erklärung veröffentlicht. Es handelt sich eigentlich um ein kleines Katalog von Best Practices, wie man in der Programmierung sagen würde, also Empfehlungen wie Hochschulräte gut arbeiten sollten.
Beim Lesen dieses Positionspapier steigt in mir das Unbehagen zum einen, weil darin einiges behauptet wird, ohne belegt zu werden, zum anderen weil es eine Sicht der Leitung und Verwaltung von Hochschulen vermittelt, die ziemlich weit weg von der raison d’être einer Hochschule, die Lehre und Forschung, ist.
Laut diesem Positionspapier sind Hochschulräte unabhängig. Was bedeutet es aber und wovon sind sie unabhängig? Offenbar sind sie unabhängig von den Bürger, Unternehmen, Studenten und Wissenschaftler, die an ihrer Auswahl nicht mitwirken. Sind sie auch unabhöängig von Regierungen und/oder Hochschulleitungen, die sie auswählen?
Laut diesem Positionspapier diesen die Hochschulräte zur Kontroll von Finanzen und Risiken in den Hochschulen. Was ist aber der Rahmen dafür? Er kommt mir noch schwammiger definiert als die Kreditbegrenzung in den Maastricht-Verträgen.
Das Positionspapier empfiehlt “individuelle Ziel- und Leistungsvereinbarungen” mit der Hochschulleitung zu vereinbaren. Das klingt gut aber lässt wichtige Fragen völlig unbeantwortet: Was soll passieren, wenn ein e Hochschulleitung vereinbarte Ziele deswegen nicht erfüllen kann, weil die Studentenzahlen plötzlich wachsen oder weil der Staat eine Haushaltssperre oder eine Abschaffung von Studiengebühren verhängt? Und was soll denn passieren, wenn auch ohne gute Gründe vereinbarte Ziele nicht eingehalten werden? Es ist eben nicht immer so, dass die meisten Kandidaten für einen Posten in einer Hochschulleitung auch die bestgeeignete dafür sind. All zu oft sind diejenigen, die am besten Lehre oder Forschung beeherrschen, die letzten, die sich um eine Stelle einer Hochschulleitung bemühen.
Mit einer Empfehlung bin ich ganz einverstanden:
“Hochschulräte sollten Rechenschaft über die Schwerpunkte ihrer Arbeit und Ergebnisse ablegen”
Aber bitte nicht nur gegenüber Regierungen und Landstagsausschüsse, wie im Positionspapier vorgeschlagen wird, sondern den Bürger gegenüber. Die breitest mögliche Öffentlichkeit über einen solchen Bericht kann ganz offensichtlich nur förderlich sein. Nur so können unter anderem Bürger und Unternehmen die Entwicklung einer Hochschule mitverfolgen und gegebenenfalls versuchen zu beeinflussen.
Das Positionspapier begegnet die Kritik mit einer Flucht nach vorne: Es fordert Entscheidungsbefugnisse für Hochschulräte. Ob dies aber zur besseren strategischen Orientierungen von Hochschulen beitragen könnte, wie im Positionspapier behauptet wird, ist aber offen.
In einem solchen Positionspapier fehlen völlig Empfehlungen, die unmittelbar die Lehre und Forschung betreffen, die konkret die verbreitete Problemen an Hochschulen begegnen: Überfüllen, Raummangel, schwankenden Finanzen, Überbelastung von Lehrern und Wissenschaftler, mangelnde Zeit, um Drittmittelanträge auszuarbeiten, usw. Best Practices von und für Hochschulräte, die sich zu solchen Fragen nicht äußern, belegen nur, was Hochschulräte derzeit sind: Ein Ansatz, der noch nicht ausgereift ist.
Übrigens bürgen die Hochschulräte für die Folgen ihrer Tätigkeit? Vermutlich gar nicht. Somit dürfte klar sein, was das Nutzen von Hochschulräte sein kann.
FB